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SZ-Serie: Auf dem Sockel:Glück für Gluck

Lediglich als "Tondichter" wird der große Opernreformer Christoph Willibald von Gluck auf dem Sockel seiner Statue vorgestellt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Erst musste das Denkmal für den Komponisten einer anderen Statue weichen, dann wurde es eingeschmolzen. Dafür steht die Replik nun recht prominent

Von Andreas Schubert

Da steht er auf seinem Sockel, überlebensgroß, zwischen dem Aufklärer Lorenz von Westenrieder und Kurfürst Maximilian II. Emanuel. Selbst viele Münchner haben wohl keine Ahnung, wer dieser Bronzemann eigentlich ist, der da 60 Meter neben Orlando di Lasso aka Michael Jackson entrückt in die Ferne starrt - den linken Arm leicht angehoben, in der rechten eine Schriftrolle. Und viele, die sich die Mühe machen, die Inschrift "Christoph Willibald Ritter von Gluck Tondichter" zu lesen, werden wohl erst ihr Smartphone zücken, um im Netz nachzuschauen und dann zum Beispiel beim Reisetipp-Portal Tripadvisor landen, wo ganz wichtige Fragen wie "Wann ist Denkmal für Christoph Willibald Gluck geöffnet?", "Welche Hotels gibt es in der Nähe von Denkmal für Christoph Willibald Gluck?", "Welche Restaurants gibt es in der Nähe von Denkmal für Christoph Willibald Gluck?" gestellt werden. Aber sie werden sich dennoch weiterhin fragen: "Who the f... is Gluck?". So richtig anziehend wirkt er wohl nicht auf Touristen, einer schrieb gar in einer von insgesamt drei Online-Bewertungen: "Die Statue ist in Ordnung, aber schau sie dir nur an, wenn du sowieso zum Promenadeplatz kommst". Touri-Punkte: drei von fünf.

Dazu muss man sagen: Drei von fünf - das hat Gluck nun wirklich nicht verdient. Denn wer sich ein bisschen mit Musik beschäftigt, kommt an dem Komponisten nicht vorbei. Gluck gilt als ein großer Reformator der Oper. 1714 in Erasbach in der Oberpfalz als Sohn eines Försters (über die Mutter ist wenig bekannt) geboren, wuchs er an der Grenze zu Böhmen auf. Weil er keine Lust hatte, den Beruf seines Vaters zu ergreifen, machte er sich mit etwa 16 Jahren heimlich zum Studium nach Prag auf. Gluck wirkte und lebte auch in London, Wien und Paris und unternahm zahlreiche Reisen.

Zunächst komponierte er noch im Stil des italienischen Barocks, der feste Vorgaben hatte, etwa was die Anzahl der Arien des virtuos auftrumpfenden Titelhelden und die Handlungsabläufe betrifft. Doch mit dieser Form brach er, indem er die Musik mehr mit der Dramatik der Handlung verband. Er vermengte Elemente französischer und italienischer Barock-Traditionen und schuf so einen internationalen Operntypus. Über die Pariser Erstaufführung von "Orphée et Euridice" schrieb der Philosoph Jean-Jaques Rousseau: "Mir scheint, dass Gluck und Ludwig XVI. ein neues Zeitalter heraufführen werden." Aufsehen erregten auch seine Opern "Iphigénie en Aulide" (1774) und "Alceste" (1776). Der neue Stil war zunächst in der Opernwelt heftig umstritten, setzte sich aber letztlich durch. Die wichtigsten Musikzentren Paris und Wien, so ist im Brockhaus Oper zu lesen, wurden weitgehend reformiert, wovon wenige Jahre später unter anderem Wolfgang Amadeus Mozart profitieren sollte. Anders als der weitaus berühmtere Mozart war Gluck zeitlebens ein wohlhabender Mann. 1787 starb er in Wien, seine Werke gerieten nie in Vergessenheit.

Da wundert es nicht, dass der Kunst liebende Bayern-König Ludwig I. dem Komponisten kurz vor seiner Abdankung im Jahr 1848 ein Denkmal errichten ließ, auch wenn Gluck zwar ein berühmter Bayer war, aber keinen wirklichen Bezug zu München hatte. Zunächst stand die vom Bildhauer Friedrich Brugger geschaffene Statue zusammen mit dem Orlando-di-Lasso-Denkmal am Odeonsplatz. Der Ort schien passend für zwei berühmte Komponisten, befand sich doch seit 1828 am Platz ein Konzerthaus, das Odeon, in dem heute das Bayerische Innenministerium arbeitet. Lange durften die Musiker allerdings nicht bleiben, sie wurden zum Promenadeplatz versetzt, als für Ludwig I. am Odeonsplatz ein Reiterdenkmal errichtet wurde. Der frühere König, so heißt es, wollte nicht zwischen zwei Musikern stehen.

Dem Denkmal von Gluck war wie auch dem von Lasso kein langes Dasein beschert. Im Zweiten Weltkrieg wurden beide Standbilder eingeschmolzen. Von beiden existierten allerdings im Schloss Schleißheim Abgüsse aus Gips, sodass der Gießer Agostino Zuppa 1958 Repliken erstellen konnte.

In einem Bericht des Bayerischen Rundfunks, in dem der Komponist Kindern erklärt wurde, hieß es einmal, Gluck habe viel Glück gehabt. Das trifft auch auf seinen heutigen Standort zu. Stünde er 60 Meter weiter östlich, würde er hinter der glitzernden Kitschdeko für einen amerikanischen Popstar wohl überhaupt nicht mehr wahrgenommen.

© SZ vom 14.08.2020

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