SZ-Adventskalender:"Ein permanentes Gefühl, nicht dazuzugehören"

SZ-Adventskalender: VdK-Präsidentin Verena Bentele fordert höhere Regelsätze bei der Kindergrundsicherung.

VdK-Präsidentin Verena Bentele fordert höhere Regelsätze bei der Kindergrundsicherung.

(Foto: Susie Knoll/VdK)

In München waren 2021 mehr als 265 000 Menschen von Armut betroffen. Die größten Gruppen sind Alleinerziehende und Familien mit drei und mehr Kindern. Die psychischen Belastungen für die Jüngsten sind dabei enorm, sagt Verena Bentele, Präsidentin und bayerische Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK.

Interview von Andrea Schlaier

"Der Staat trägt die Verantwortung dafür, dass jedes Kind in Deutschland ohne finanzielle Sorgen aufwachsen kann." Das sagt Verena Bentele, Präsidentin und bayerische Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK. Sie schaltet sich immer wieder kritisch in die laufende Debatte um die Kindergrundsicherung ein. Ein Gespräch mit der ehemaligen Münchner SPD-Stadträtin über Kinderarmut in einer reichen Stadt.

SZ: Frau Bentele, ab wann gilt ein Kind in Bayern als arm?

Verena Bentele: Ein Kind ist ja nie für sich alleine arm, deshalb schaut man immer auf das Haushaltseinkommen einer Familie. Wenn eine alleinerziehende Mutter mit einem Kind unter 14 Jahren in Bayern weniger als 1649 Euro Nettoeinkommen hat, gelten die beiden als arm. Wenn zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren weniger als 2664 Euro Nettoeinkommen haben, ist die Familie arm. Im Regelsatz werden für unter fünfjährige Kinder 318 Euro angesetzt, für Kinder bis 13 Jahre 348 Euro. Das deckt aber unserer Einschätzung nach nicht den wirklichen Bedarf eines Kindes ab. Der VdK fordert von der Bundesregierung schon lange eine differenzierte Neuberechnung. Kinder werden einfach als kleine Erwachsene verstanden. Mit den aktuellen Regelsätzen reicht bei Familien mit Bürgergeldbezug das Geld vorn und hinten nicht.

Lässt sich die Formel auch auf München übertragen? Muss ein Kind in dieser teuren Stadt damit nicht viel früher als arm gelten als Gleichaltrige in weniger wohlhabenden Gegenden?

Ja, in München bräuchten grundsätzlich alle Bürgergeld beziehenden einen deutlich höheren Regelsatz. Daher fordert der VdK die gesetzliche Möglichkeit einer stärkeren Regionalisierung von Regelsätzen, gerade in Ballungsräumen. Die Armutsgefährdungsschwelle liegt in München deutlich höher als in anderen Orten. In München waren 2021 über 265 000 Menschen von Armut betroffen, die Quote ist damit weit höher als in anderen Regionen Bayerns. In Bayern generell sind es 15,8 Prozent, in München 17 Prozent. Am häufigsten betroffen sind Alleinerziehende und Familien mit drei und mehr Kindern.

Viele armutsgefährdete Eltern kommen in Ihre VdK-Geschäftsstellen. Worum geht es oft?

Darum, dass viele Kinder Zuschüsse und Leistungen nicht in Anspruch nehmen, zum Beispiel für die Teilnahme an Schulausflügen, Sportangeboten oder am Musikunterricht. Die Eltern fühlen sich oft mit den Anträgen überfordert, weil es ihnen zu kompliziert ist und sie auch nicht immer zu den Sozialbehörden gehen wollen, wenn sie etwas brauchen. Sie wünschen sich stattdessen eher persönliche Ansprechpartner und dass man nicht alles eigens beantragen muss, sondern die Leistungen pauschal so hoch sind, dass sie fürs Leben reichen.

Steigt die Zahl der Betroffenen, die Sie beraten?

Ja und auch die der Problemfälle, mit denen die Menschen kommen. Aktuell ist oft die Schwierigkeit, dass das Geld für Weihnachtsgeschenke nicht reicht. Die Schlangen an den Tafeln werden immer länger. Die Bayerische Staatsregierung hat in ihren Koalitionsvertrag als Maßnahme für die Bekämpfung von Armut geschrieben, dass die Tafeln besser ausgestattet werden sollen. Das halte ich für ein sehr großes politisches Versagen, wenn einem das als einziger Weg erscheint, um Armut zu bekämpfen.

Die Kindergrundsicherung ist nach Plänen der Berliner Ampel auch gedacht gewesen als Hilfe zur Entbürokratisierung für diese Familien. Bundesfamilienministerin Lisa Paus hatte ursprünglich zwölf Milliarden an Geld gefordert, am Ende sind es nur 2,4 Milliarden geworden. Sie kritisieren Vorlage und Umsetzung, warum?

Weil es keine wirkliche Vereinfachung gibt für die Menschen. Wir sehen bei den Familien, dass es ganz wichtig ist, dass es eine Ansprechstelle gibt, dass es persönliche Beratung gibt und Möglichkeiten, unkompliziert an die Leistung zu kommen. Auch künftig muss man sich an unterschiedliche Stellen wenden. Wenn Eltern Sozialleistungen erhalten, müssen sie zum Beispiel weiterhin zusätzlich zum Jobcenter gehen.

Wie lässt sich Kinderarmut strukturell entgegenwirken?

Mit einer gut gemachten Kindergrundsicherung, die gerade ärmere Familien in den Blick nimmt. Es braucht eine pauschale und automatische Auszahlung. Zudem muss sie diejenigen am meisten unterstützen, die die Unterstützung am dringendsten brauchen. Heute ist es so, dass Eltern, die viel Geld verdienen, durch Steuerfreibeträge mehr gefördert werden als Familien, die keine Steuerfreibeträge nutzen können. Und sie bekommen auch eine bessere Beratung, weil sie im Gegensatz zu ärmeren Familien in der Lage sind, digitale Möglichkeiten zu nutzen, weil sie die Endgeräte dafür und die Kompetenzen und das Wissen darüber haben. Gerade für nicht privilegierte Familien wäre es wichtig, die Beratungsstruktur auszubauen.

Was macht Armut mit Kindern?

Sie hat enorme Auswirkungen auf das künftige Leben, wenn Kinder mit Verzicht aufwachsen, dem permanenten Gefühl, nicht dazuzugehören. Das ist eine ganz große psychische Belastung und hindert sie daran, ein gutes Selbstbewusstsein zu entwickeln und eigene Potenziale zu entfalten. Ein Beispiel: Wir hören beim VdK immer wieder, dass Kinder keine Geburtstagseinladungen aussprechen und annehmen können und in der Klasse oder im Kindergarten deshalb ausgegrenzt werden. Geburtstagspartys kosten Geld. Und man braucht Platz. Wenn man eine enge Wohnung hat, ist auch das schwierig.

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