SZ-Adventskalender:Bis zur Erschöpfung

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SZ-Adventskalender: Angelika S. bekommt monatlich nur eine kleine Rente. Um Geld zu sparen, isst sie dreimal die Woche im Alten- und Service-Zentrum der Caritas zu Mittag.

Angelika S. bekommt monatlich nur eine kleine Rente. Um Geld zu sparen, isst sie dreimal die Woche im Alten- und Service-Zentrum der Caritas zu Mittag.

(Foto: Catherina Hess)

Seit sie einen Hirntumor hat, ist bei Angelika S. nichts wie vorher. Sie hat Schmerzen am ganzen Körper, ist ständig müde, ihr Job ist weg. Sie beißt sich durch.

Von Clara Löffler

Zuerst bemerkte sie, wie sehr sie schwitzte. Als Angelika S. im Jahr 2001 zum Arzt ging, brauchte er sie nicht einmal zu untersuchen, um zu wissen, was ihr fehlte. Er sah es an ihrem Gesicht: Ihre Augen waren hervorgetreten, ihre Zunge geschwollen, ihre Nase vergrößert. Akromegalie lautete die Diagnose, also eine Überproduktion von Wachstumshormonen, ausgelöst durch einen Hirntumor.

Es handelt sich um eine seltene Krankheit. Unter einer Million Menschen wird die Krankheit jedes Jahr bei drei bis vier Patienten diagnostiziert. Für Angelika S. wirkte sich die Krankheit zuerst so aus: "Alles ist in die Breite gegangen, das war natürlich furchtbar schmerzhaft", erzählt sie. Sie ist eine kleine, gepflegte Frau, 67 Jahre, ganz in Schwarz gekleidet. Ihr langes, dunkles Haar hat sie mit einem Haarband aus Wolle zu einem Pferdeschwanz gebunden. Farblich passender Lidschatten glitzert hinter ihrer silberfarbenen Brille.

Die Rentnerin sitzt an einem Tisch im Hinterzimmer des ASZ Schwabing-West, einem Alten- und Servicezentrum der Caritas. Dreimal in der Woche isst sie hier im großen Aufenthaltsraum zu Mittag. Angelika S. macht das, um Kontakte zu knüpfen, denn sie lebt allein. Aber vor allem aus finanziellen Gründen. Sie erhält eine monatliche Rente von 800 Euro, allein Strom und Gas kosten 200 Euro. Es bleibt nur wenig übrig zum Leben.

Als bei Angelika S. der Tumor diagnostiziert wurde, war sie noch voll berufstätig. Als Verkäuferin musste sie fast den ganzen Tag stehen, obwohl ihre Waden schmerzten und ihre Schuhe nicht mehr passten. Nach mehreren Therapieversuchen wurde sie schließlich 2002 operiert und erhielt eine befristete Rente. Um nicht in die Armutsfalle zu geraten, kehrte sie zwei Jahre später in ihren Beruf zurück. Zunächst in Vollzeit, später als Minijob. Denn die Beschwerden blieben, der Tumor konnte nicht vollständig entfernt werden.

Sie wurde gekündigt, Begründung: "damit die Kunden nicht sehen, wie Sie sich quälen"

Bis heute erhält sie monatlich eine Spritze, um das Wachstum des Tumors zu stoppen. Früher trug sie Kleidergröße 36, inzwischen hat sie Größe 46 erreicht, eine Begleiterscheinung der Kortisonmedikamente, die sie nehmen muss. Angelika S. leidet immer wieder an Depressionen, ist chronisch müde, hat Schmerzen am ganzen Körper. "Ich habe bis zur Erschöpfung gearbeitet. Manchmal bin ich ungewaschen und unfrisiert zur Arbeit gegangen", sagt sie. Ein großer Teil des Geldes floss in die Behandlung der Symptome. 2019 habe ihr das Unternehmen mit der mündlichen Begründung gekündigt, "damit die Kunden nicht sehen, wie Sie sich quälen".

Doch Angelika S. kann wenig anfangen mit der freien Zeit, die sie jetzt hat. Sie hat kein Geld für Aktivitäten. Aber es fehlt ihr auch die Kraft. Ihre ehrenamtliche Arbeit mit Demenzkranken kann sie deshalb nur noch selten ausüben. Wenn sie einen der wenigen Tagesausflüge für zwölf Euro unternimmt, ist sie schon erschöpft, wenn der Bus am Ziel ankommt. Früher, sagt Angelika S., sei sie gerne Rad gefahren, aber jetzt fehle ihr der Gleichgewichtssinn und ihre Knie schmerzen. Stattdessen würde sie gerne mal schwimmen gehen, zum Beispiel in Bad Füssing. Oder einen Yogakurs machen. Um sich wieder mehr zu bewegen, um abzunehmen. Aber vor allem, sagt sie, "damit die Lebensfreude zurückkehrt".

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