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Service in der Corona-Krise:Der Buchhändler, der an der Haustür klingelt

Marc Schürhoff fährt Bücher zu den Kunden

Marc Schürhoff bringt bestellte Bücher jetzt persönlich mit dem Rad zu Kunden, sein Laden ist geschlossen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Marc Schürhoff beliefert seine Kunden in Gauting persönlich. Auch Tausend-Seiten-Schmöker sind gefragt. Die Mitarbeiterinnen beraten weiterhin - doch nur telefonisch.

Es ist 11 Uhr am Samstagvormittag. Marc Schürhoff prüft noch einmal seine Liste und die Bücherkisten. Dann fährt er los, um die bestellten Bücher an seine Kunden auszuliefern. Aus der geplanten einen Stunde werden dann doch zweieinhalb. Mehr als 30 Bücher bringt der Inhaber der Buchhandlung Kirchheim in Gauting an diesem Tag ganz persönlich zu den Lesern. "Das kompensiert zwar nicht das Ladengeschäft, doch es ist besser als auf dem Frühjahrsstock sitzen zu bleiben", sagt Schürhoff. Den Lieferservice gibt es bei ihm nicht erst seit der Corona-Krise. Bereits seit einem Jahr macht er mit bei einer Initiative Gautinger Gewerbetreibender, die den Kunden die Waren nach Hause bringen. Doch bisher ging es dabei um drei bis fünf Bücher in der Woche. In den vergangenen Wochen haben sich die Bestellungen verzehnfacht, Tendenz steigend.

"Wir haben einen gut funktionierenden Shop und die online-Bestellungen nehmen täglich zu", so Schürhoff. Doch nun, da er mit gezielter Werbung und einem Aushang explizit auf die Möglichkeit hinweist, spricht es sich in Gauting herum, dass es Bücher am gleichen Tag frei Haus gibt. Mit der Leipziger Buchmesse füllen sich jedes Jahr die Regale mit Neuerscheinungen und obwohl die Messe abgesagt wurde, ist das Lager voll. "Wir haben ein ganzes Schaufenster gestaltet nur mit Büchern mit mehr als tausend Seiten. In der Regel sind dicke Bücher nicht so gefragt, doch jetzt schon", sagt Schürhoff und lacht.

Dicke Wälzer wie die Fantasy-Reihe von George Martin "Das Lied von Eis und Feuer"/(Game of Thrones ) schreckten in Zeiten von verordnetem Daheimbleiben nicht mehr. Auch Antonio Scuratis "M - Der Sohn des Jahrhunderts" über Mussolini werde jetzt häufig verlangt oder auch der Roman "Milchmann" von Anna Burns, der erst vor knapp einem Monat erschienen ist. Selbst das komplexe, aber sehr anschaulich geschriebene Sachbuch des französischen Ökonomen Thomas Piketty "Kapital und Ideologie" werde in Tagen wie diesen bestellt. Sehr gefragt seien zudem Kinder- und Jugendbücher sowie Bücher und Anleitungen, um die Kleinsten zu beschäftigen.

Als Ministerpräsident Markus Söder am Freitag die Ausgangsbeschränkungen verkündet hat, ließ Schürhoff sofort bei der Polizeiinspektion Gauting nachfragen, ob er weiter ausliefern dürfe. Als er grünes Licht bekam, begann der Samstag "as usual". Um zehn Uhr, wenn die Buchhandlung eigentlich öffnet, stellt Schürhoff mit einer seiner Mitarbeiterinnen die Liste der am Abend zuvor georderten Bücher zusammen und teilt sie nach Adressen in den Ortsteilen ein. Bei schönem Wetter liefert er die Bücher per Fahrrad in Unterbrunn, Königswiesen oder Stockdorf aus. Bei Schmuddelwetter wie am Samstag fährt er mit dem Auto. "Ich lege den Umschlag mit dem Buch und der Rechnung entweder in den Briefkasten oder vor die Haustür, und klingele, um Bescheid zu geben", erklärt er.

Schürhoff hofft, dass er staatliche Fördermittel bekommt. Wegen des riesigen Angebots von Online-Versandhändlern sei das Buchgeschäft für kleine, lokale Buchläden schon schwer genug. Mit der jetzt verordneten Ladenschließung drohe ihnen das Aus. Bei Kirchheim sind fünf Buchhändlerinnen beschäftigt. "Wir arbeiten mit einem Rumpfteam, erstmal bauen wir Überstunden ab", erklärt Schürhoff, wie er sie halten will. Es selbst liest derzeit vor allem Anträge für Fördermittel. Wie im Laden üblich, werden die Kunden bei Bedarf auch jetzt beraten, nur eben telefonisch. Die Mitarbeiterinnen geben von ihren Listen mit eigenen Lieblingsbüchern Tipps weiter. Wie etwa "Was wir sind" von Anna Hope. Schürhoff hat auch einen Tipp: Gerade habe er ein sehr empfehlenswertes Buch gelesen, das auch in die Zeit gut passe, sagt er: "Italien, Porträt eines fremden Landes" von SZ-Autor Thomas Steinfeld.

Buchbestellungen sind möglich unter www.buchhandlung-kirchheim oder telefonisch unter 089/850 35 11.

© SZ vom 23.03.2020
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