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Inklusion:Wie eine Firma mitten in der Corona-Krise gehörlose Mitarbeiter integriert

Das Kraillinger Unternehmen Trane Roggenkamp hat sich auf die neuen Kollegen eingestellt - hat eine Werkshalle umgebaut und Angestellte in Gebärdensprache geschult.

Von Jessica Schober

Die Sonne geht jetzt jeden Morgen mit beiden Händen auf. Zumindest zeigen die Kollegen mit beiden Armen einen halbrunden Kreis, nachdem sie das Handzeichen für "Okay" gemacht haben, bei dem Daumen und Zeigefinger einen kleinen Kreis bilden. So ungefähr lässt sich mit Worten die Gebärde für "Guten Morgen" beschreiben. Und dieses Zeichen wird jetzt bei Trane Roggenkamp, einem Kraillinger Unternehmen für Kälte- und Klimatechnik, seit Kurzem öfter gebärdet. Die Firma hat drei gehörlose Mitarbeiter eingestellt.

Veronika Holzer, 44, und ihr Mann Anton Holzer, 44, sind seit ihrer Geburt gehörlos, ihre Freund und Kollege Jens Lucke, 49, ist schwerhörig. Gemeinsam arbeiten die drei seit September bei der Firma. Sie wohnen in Penzberg und kennen sich schon lang. Sie sind zusammen in eine Schule für Gehörlose und Schwerhörige gegangen und haben auch gemeinsam eine Ausbildung für Hörbehinderte absolviert. Die vergangenen 20 Jahre haben sie in unterschiedlichen Abteilungen bei einem großen Unternehmen in Penzberg gearbeitet.

Behinderte Mitarbeiter bei Trane

Jens Lucke (v.l.), Anton und Veronika Holzer bauen Schaltschränke. Im Spiegel an der Decke können sie erkennen, wann sich das Hallentor öffnet.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Als dieses seinen Standort schloss, wurde Anfang 2020 eine Jobmesse für die Mitarbeiter angeboten, die so mit neuen Arbeitgebern in Kontakt kommen konnten. Zu dritt stellten sich Lucke und die Holzers mit der Unterstützung einer Dolmetscherin am Stand der Firma Trane Roggenkamp vor und gaben gemeinsam ihre Bewerbungsunterlagen ab. Mit Erfolg. Nach dem Vorstellungsgespräch im Mai wurden sich alle Beteiligten schnell einig.

"Wir haben uns trotz der schwierigen Corona-Zeit auch in einigen anderen Firmen beworben, aber immer wieder Absagen bekommen", berichten die drei gehörlosen Kollegen im Interview per Kurznachricht. Für sie war klar, dass sie weiterhin gemeinsam in einem technischen Beruf arbeiten wollten. "Die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter bei Trane Roggenkamp waren an unserer Situation sehr interessiert und sind auf unsere Bedürfnisse eingegangen", berichten die drei Kollegen, "das ganze Team ist sehr hilfsbereit."

Für Johannes Klüglich sind die neuen Kollegen ein Gewinn. Der Abteilungsleiter für Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik sagt: "Die Einarbeitung läuft besser als gedacht". Bei Trane Roggenkamp bauen Holzers und Lucke nun elektrische Schaltschränke und verdrahten Bauteile miteinander. "Der Unterschied zu einem Mitarbeiter ohne Handicap ist von der Arbeitsleistung her nicht spürbar."

Die Firma wurde 1968 als Franchise-Unternehmen von Trane International gegründet. Heute beschäftigt sie 151 Mitarbeiter, davon sind rund 50 Servicetechniker im Außeneinsatz. Trane Roggenkamps Kältemaschinen ließen schon das Eis auf der Schlittschuhbahn am Stachus gefrieren, ihre Mietkälte garantiert aber auch den Notfallbetrieb Münchner Kliniken. Fußballstadien, Brauereien und Firmen mit großen Serverräumen gehören zu den Kunden des Mittelständlers. Neuerdings gehören auch Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Ladestationen zum Angebot des Familienunternehmens.

Behinderte Mitarbeiter bei Trane

Johannes Klüglich, Abteilungsleiter des Kältetechnik-Unternehmens, sieht keinen Unterschied zu Mitarbeitern ohne Handicap.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Kleinigkeiten mussten nun in der Halle umgebaut werden, in der die Gehörlosen arbeiten, um akustische in visuelle Signale um zu wandeln. So zeigt nun eine Warnlampe mit orangefarbenem Licht an, wenn ein Gabelstapler unterwegs ist oder sich ein Hallentor öffnet. Da Holzers und Lucke an ihrem Arbeitsplatz mit dem Rücken zum Hallentor stehen, wurde außerdem ein Spiegel aufgehängt. Sie können zwar nicht hören, wenn sich das Tor öffnet, aber es bei Bedarf anders wahrnehmen. Die drei gehörlosen Kollegen arbeiten aufgrund ihrer Einschränkung ohne Mundschutz, halten in der großen Halle aber reichlich Abstand zu allen. "Der Blickkontakt ist für uns wichtig, auch die Mimik und das so genannte Mundbild, um Lippenlesen zu können", berichtet Jens Lucke. Wenn der Chef etwas mitteilen will, schreibt er eine E-Mail oder Kurznachricht.

Viele Mitarbeiter der Firma haben einen Gebärdensprachkurs bei der Volkshochschule in Planegg belegt, außerdem bot die Firma eine hausinterne Schulung mit einer Referentin vom Integrationsfachdienst an. "Dabei wurden den Mitarbeitern von Trane die Basics der Gebärdensprache nahegebracht, um die neuen Mitarbeiter bestmöglich in das Familienunternehmen zu integrieren", erzählt Veit Schlembach aus der Marketingabteilung. In der Mitarbeiterkommunikation greift die Firma nun vermehrt auf Schriftverkehr zurück, bei einzelnen Besprechungen wird eine Dolmetscherin hinzugebucht, "damit sich die Kollegen nicht ausgeschlossen fühlen".

In der direkten Kommunikation mit den drei Gehörlosen gehe manches ein wenig langsamer zu, weil es ungewohnt sei mit deutlicher Mimik zu sprechen, um den Gehörlosen das Lippenlesen zu ermöglichen. Jens Lucke, Veronika und Anton Holzer berichten: "Das ganze Team ist sehr aufgeschlossen. Und da wir vorher schon viel Arbeit mit den Händen geleistet haben, freuen wir uns sehr, über die neuen Aufgaben, die uns gestellt wurden." Und falls einem der Mitarbeiter zum Feierabend nicht einfallen will, wie man "schönes Wochenende" gebärdet, tun es ja auch ein herzliches Lächeln und ein gut sichtbares Winken.

© SZ vom 04.12.2020
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