Lokale Wirtschaft:Expansion auf grüner Wiese

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Am westlichen Ortsrand von Gauting entsteht ein moderner Handwerkerhof: Neun heimische Betriebe, die sich bislang mit beengten Verhältnissen arrangierten, freuen sich auf ihren Umzug im Jahr 2023. Doch der Bedarf an Gewerbeflächen dürfte weitaus höher sein

Von Michael Berzl

Für den Kraftfahrzeugmeister Maximilian Leutenstorfer geht ein Traum in Erfüllung. Bisher ist seine Autowerkstatt mitten im Ort an der Buchendorfer Straße; wegen des Lärms gibt es manchmal Schwierigkeiten mit den Nachbarn. Zum Beispiel wenn der Motor eines Sportwagens getestet werden muss. Nun baut der 29-jährige Firmenchef neu, draußen im sogenannten Handwerkerhof am westlichen Rand von Gauting. Dort bekommt er eine unterkellerte Halle: Unten können Fahrzeuge eingestellt werden, im Erdgeschoss befinden sich dann Werkstatt und Annahme, und in der Etage darüber Büro und Sozialräume. Endlich passende und zeitgemäße Rahmenbedingungen.

"Ich wollte schon immer etwas haben, das mir selber gehört. Ich werde mein Leben darin verbringen", sagt der junge Geschäftsführer am Telefon. "Wir wollen uns vergrößern, uns professioneller aufstellen, auch mehr Aufträge bekommen." Für Fabian Kühnel-Widmann, den Wirtschaftsförderer der Gemeinde, ist Leutenstorfer ein Paradebeispiel für die Art von Unternehmen, denen die Kommune in dem kleinen Gewerbegebiet auf einem etwa 1,8 Hektar großen Areal an der Ammerseestraße neue Möglichkeiten verschaffen will: "Das ist genau so einer, wie wir uns dort draußen gewünscht haben." Ein junger, umtriebiger Handwerker aus Leidenschaft, der im Ort verwurzelt ist und noch etwas vorhat mit seiner Firma.

Gauting, Handwerkerhof, Max Leutenstorfer

Arbeiten in beengten Verhältnissen: KfZ-Meister Maximilian Leutenstorfer.

(Foto: Georgine Treybal)

Leutenstorfer ist einer von insgesamt neun Firmenchefs, die eine der Parzellen bekommen. Die Nachfrage war so groß, dass die Fläche, die zur Verfügung steht, bei weitem nicht für alle ausgereicht hätte. Auch aus Planegg, Krailling oder Starnberg hatten sich Interessenten gemeldet, doch zum Zug kamen nur Betriebe aus der Gemeinde. Bebaut wird nun eine Fläche, die bisher Wiese war. Ein Teil des Grundstücks wird bereits genutzt. Dort stehen Wohncontainer, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Dieser Teil bleibt von der Gewerbebebauung vorerst ausgespart. Später aber könnten auch dort noch Hallen entstehen; in Planzeichnungen ist das bereits so vorgesehen. Seit Jahren laufen im Rathaus die Planungen, nun gehen die ersten Bauanträge für neue Hallen ans Starnberger Landratsamt. Der Bauausschuss hat in der vergangenen Woche einmütig seine Zustimmung erteilt.

Lange hat es gedauert. Als ziemlich zäh beschreiben Bauwerber das Verfahren, immer wieder gab es Komplikationen. Durch den Wasserschutz zum Beispiel, der besonderen Aufwand beim Straßenbau notwendig macht, durch Einwände des Würmtal-Zweckverbands, der zwischenzeitlich die Wasserversorgung nicht gewährleistet sah, durch Planänderungen bei Vorgaben für die Dächer etwa. Mehrfach wurde nachverhandelt über Lage und Größe der jeweiligen Parzelle. "Das ist maßgeschneidert. Es hat viele Gespräche gegeben mit den Betrieben. Wir haben probiert, alles möglich zu machen. Wir haben gepuzzelt, bis alles passt", sagt Wirtschaftsförderer Kühnel-Widmann. Manchem Bewerber aber dauerte das zu lange, einige sind abgesprungen.

Gauting, Handwerkerhof, Firma dynarep

Marcus Riffa mit seiner Tochter Nadja. Ihre Firma zieht ins neue Gautinger Gewerbegebiet um.

(Foto: Georgine Treybal)

Für die Verbliebenen aber wird es nun konkret: Im nächsten Jahr wird gebaut. Voraussichtlich Ende 2023 will Kfz-Meister Leutenstorfer mit seiner Autowerkstatt umziehen in seine neue Halle, in der endlich der Platz ausreicht. Und so geht es auch den anderen Firmeninhabern. Alle brauchen mehr Platz.

Marcus Riffa mit seinem Elektronikvertrieb etwa. "Die Mitarbeiter müssen sich bei uns abwechseln, die können gar nicht alle auf einmal ins Büro kommen. Das ist total beengt, eine Zumutung", sagt der 53-jährige Dynarep-Chef unverblümt. Er beliefert vor allem Hersteller in der Medizintechnik und in der Industrie mit speziellen Teilen wie Tastaturen oder Lüftern.

Seit der Firmengründung improvisiert er: Das Büro in einem Wohnhaus, das Lager im Keller oder in einer Garage der Nachbarschaft, mittlerweile aber am Gilchinger Gewerbegebiet, was viel Fahrerei zur Folge hat: "Jedes Mal zehn Kilometer hin und wieder zurück." Das soll sich ändern. Im Handwerkerhof sollen 500 Quadratmeter Lagerfläche entstehen und insgesamt 270 Quadratmeter Büro. "Dann habe ich endlich etwas Eigenes", sagt Riffa. Er wollte unbedingt in Gauting bleiben; schließlich sei er dort aufgewachsen, seine Familie auch. Die Tochter arbeitet schon im Unternehmen mit.

Getüftelte Lösungen prägen auch das Geschäft von Michael und Marit Keidel in Königswiesen, die sich auf den Ausbau von Campern und Booten spezialisiert und damit ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Heizungen einbauen oder Solaranlagen installieren gehören zu den alltäglichen Aufträgen. Außerdem betreuen sie die Heizungen diverser Waldkindergärten, unter anderem in Gauting, Feldafing und Starnberg, aber auch in Poing. Die Technik ist ähnlich konzipiert wie in Wohnmobilen.

Auch bei den Keidels findet bisher viel in beengten Verhältnissen statt, in ihrem Fall in und um ihr Wohnhaus am Waldrand. Für größere Arbeiten müssen sie extra in ihre Zusatz-Werkstatt nach Landsberg fahren. "Bei uns platzt alles aus den Nähten, erst recht seit dem Boom bei den Wohnmobilen durch die Corona-Krise", erzählt Marit Keidel. Die Kunden kämen aus dem Würmtal, aus der Umgebung von Starnberg, aber auch aus Österreich oder Südtirol. Oft brächten die in der Früh ihren Wagen, führen dann mit der S-Bahn zur Arbeit und holten ihr Fahrzeug dann am Abend wieder ab. Daher sei auch eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr wichtig. "Wir schauen uns schon seit zwei Jahren nach einem geeigneten Objekt um, aber es war nichts Bezahlbares auf dem Markt", sagt Marit Keidel.

Gauting Königswiesen, Handwerkerhof, Marit und Michael Keidel

Marit und Michael Keidel.

(Foto: Georgine Treybal)

Was die Gemeinde bei der Vermarktung ihres Grundstücks verlangt, ist hingegen bezahlbar. "Ein faires Angebot", sagt dazu Marco Ferzandi, ein weiterer Handwerker, der mehr Platz braucht und daher umziehen will. Zum einheitlichen Quadratmeterpreis von 260 Euro kommen die Erschließungskosten in Höhe von mindestens 110 Euro hinzu; der Endpreis steht noch nicht fest. Käufer hätten sich zwar gewünscht, genau kalkulieren zu können. Doch den Komplettpreis kann die Gemeinde erst festlegen, wenn die Straßen fertig sind.

Ferzandis Elektroinstallationsfirma befindet sich bislang an der Grubmühler Feld-Straße. "Ein Betrieb, der eine ganz tolle Entwicklung genommen hat", lobt der Wirtschaftsförderer, "jung, rührig und auf Zack". Zudem ein Ausbildungsbetrieb und ein echtes Familienunternehmen: Onkel und Bruder in der Firma, enge Zusammenarbeit mit dem Vater. "Wir sind ein Familienbetrieb und stolz darauf", heißt es auch auf der Homepage. Auch er wollte am Ort bleiben, erzählt Ferzandi, 31 Jahre alt, Meister der Elektrotechnik und ausgebildeter Betriebswirt. Für ihn ist es unter anderem wichtig, in seinem Neubau endlich auch einen Aufenthaltsraum, Platz für Besprechungen und eine Teeküche zu bekommen. Außerdem genügend Lagerflächen, um auch Material auf Vorrat einkaufen zu können für den Fall, wenn es wieder einmal Lieferengpässe geben sollte wie schon öfter in der Corona-Krise. Es sei schon passiert, dass Kabel und Kupferleitungen nicht ad hoc zu bekommen waren - ungünstig für einen Elektrobetrieb.

Insgesamt neun Firmen bekommen nun einen neuen Standort. Doch die Nachfrage nach Flächen in Gauting dürfte noch weitaus größer sein. Seit Kühnel-Widmann vor sechs Jahren als Wirtschaftsförderer in Gauting angefangen hat, hat er 288 Anfragen von Interessenten für Gewerbeflächen gesammelt. Anfragen kamen seinen Angaben zufolge aus Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin, auch eine namhafte, große Firma aus dem Münchner Osten sei dabei gewesen. Bis zu 27 Hektar hätten sie gerne gehabt; ein Vielfaches von dem, was Gauting bieten kann.

Das nächste Projekt ist das "Gautinger Feld" neben dem Gelände der Asklepios-Klinik an der Straße nach Unterbrunn. Etwa 100 Interessenten würden sich für eine Ansiedlung auf dieser Fläche eignen, rund 90 Prozent davon kämen aus dem Würmtal und dem Fünfseenland. "Ganz tolle Firmen aus der Region", wie Kühnel-Widmann sagt. Einige davon sind aus der Gemeinde Gauting, die schon lange Erweiterungsmöglichkeiten bräuchten. Auch sie werden einen langen Atem brauchen. Zuletzt wurde der Umgriff des überplanten Gebiets zwar geändert. Einen Termin, wann dort gebaut werden kann, wagte der Wirtschaftsförderer im Rathaus aber nicht zu nennen. Immerhin: Im nächsten Jahr soll es "substanzielle Schritte" geben.

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