Zinngießereien in Dießen:Wo jeden Tag Weihnachten ist

Dießen Zinngießerwerkstatt Babette Schweizer

Eine Krippe aus der Zinngießerwerkstatt Babette Schweizer in Dießen.

(Foto: Georgine Treybal)

An der Herrenstraße blicken gleich zwei miteinander verwandte Handwerksbetriebe auf mehr als 200 Jahre Tradition zurück. Seit Januar fertigen sie Mini-Christbäume und Engel an - weltweit werden mehr als 300 Händler beliefert.

Von Armin Greune

Beide Gebäude zeigen zur Herrenstraße hin ihre Schokoladenseiten, beide locken normalerweise mit reich bestückten und geschmückten Geschäften zu einem Besuch. Drinnen findet man sich angesichts der kaum übersehbaren Vielfalt an Miniaturen in eine funkelnde Traumwelt der Kindheit zurückversetzt. Wie Lametta oder Christbaumkerzen wecken sie Assoziationen zu Weihnachten. Selbst mitten im Pandemie-Drama ist es eine kleine, aber besondere Tragödie, dass diese beiden wunderbaren Gesamt-Kunsthandwerke seit dem 16. Dezember Kunden und Besuchern verschlossen bleiben müssen.

Im Prinzip ist in den beiden Zinngießereien, die unter dem Namen Schweizer in Dießen firmieren, immer Weihnachten. Und den Großteil des Jahres auch noch Ostern. Artikel zu dem Fest hätten neun Monate Vorlauf - aber "Weihnachten ist für uns Hauptgeschäft, die Vorbereitungen beginnen im Januar", sagt Martin Schweizer, Werkstattleiter der Firma Wilhelm Schweizer. Der Betrieb im bildschönen Gründerzeit-Haus Nummer 7 ist im Ortsjargon zur "unteren" Gießerei ernannt worden. Fünf Gebäude weiter oben, im ebenso pittoresken, aber deutlich größeren Haus Nummer 17 finden sich Laden und Werkstatt der Manufaktur Babette Schweizer.

Von der einstigen Vielzahl an Dießener Zinngießereien haben nur die beiden Firmen überlebt, die aus einer gemeinsamen familiären Wurzel entsprossen sind. Auch heute, 48 Jahre nach der von Streit überschatteten Trennung, bestehen nahe verwandtschaftliche Beziehungen. Oben betreut Karin Schweizer Werkstatt und Geschäfte, seitdem ihr Mann Gunnar Schweizer senior einen Schlaganfall erlitten hat.

Unten teilen sich drei junge Männer die Aufgaben: Martin Schweizer, Enkel von Gunnar senior, leitet die Werkstatt, Leon Tropp fungiert als Prokurist, Geschäftsführer Joan Miquel Arau-Schweizer ist für Technik und EDV zuständig. Die beiden Letztgenannten haben ihre Aufgaben erst heuer übernommen, nachdem gleich zwei Trauerfälle Firma und Familie heimgesucht hatten: Im März starb im Alter von 65 Jahren Jordi Arau, der nach der Heirat mit Annemarie Schweizer den Betrieb 39 Jahre lang geführt hatte. Und im Sommer musste man die 96-jährige Ottilie Schweizer zu Grabe tragen: Die Frau von Wilhelm und Mutter Annemaries hatte die Gießerei bis 1981 geleitet und war bis 1995 als Seniorchefin im Laden zuständig, wo sie noch im hohen Alter die Kunden begrüßte.

Während unten ein Mini-Museum ins Geschäft integriert ist, lädt Karin Schweizer oben ins "Zinn-Café" ein. Herrschte kein Lockdown, könnte man in beiden Häusern die ganze Vielfalt eines Kunsthandwerks bestaunen, das in Dießen seit mehr als 200 Jahren besteht. Es gibt Wallfahrtstafeln, Kreuze und Kerzenhalter für Hausaltäre; Schneemänner, Mini-Christbäume und Engel; Bavarica und Historisches; Ammerseedampfer und Oldtimer auf Rädern; selbst Pinguine und Robben. Dazu stehen in Vitrinen Heerscharen Zinnsoldaten zum Abmarsch bereit: von "Altdeutschen Rittern" bis zur Schweizer Garde des Vatikans. Karin Schweizers Lieblingsstück aber ist ein Liliput-Kasperltheater, dessen Figuren an Kupferdrähten geführt werden, so kann das Krokodil schnappen und der Kasperl mit der Ratsche zuhauen.

Alljährlich richtet sie mit viel Liebe zum Detail in den fünf Verkaufsräumen ihre Weihnachtsschau ein, für die Karin Schweizer neben der eigenen Produktion auch viele Artikel wie Nussknacker und Räuchermännchen aus dem Erzgebirge, Bilderbücher oder Plüschtiere zukauft. All das arrangiert Karin Schweizer stimmungsvoll mit Pflanzen im ehemaligen Lichthof des teilweise fünf Jahrhunderte alten Gemäuers: "Dekoration mach' ich ganz gerne - aber Büroarbeit und Internet sind nicht so meins", räumt sie ein.

Sie ist täglich im Laden anzutreffen, inzwischen aber auch allein für das Gießen der Figuren verantwortlich: Zweimal in der Woche befeuert sie den Ofen der urigen Hinterhof-Werkstatt und füllt die Formen mit flüssiger Zinnlegierung. Ihr Mann hat die Modeln noch selbst mit dem Stichel aus Schiefer hergestellt, nun wendet sich Karin Schweizer an einen Graveur in Norddeutschland, wenn sie neue Gussformen braucht. Was nicht oft der Fall ist: In staubigen Regalen lagern Tausende davon. Die älteste datierte Form ist ein "Wies-Heiland" aus dem Jahr 1748. Bei Lötarbeiten hilft Karin Schweizer eine Mitarbeiterin, im Laden sind zwei Teilzeit-Verkäuferinnen beschäftigt. Mit dem Bemalen der Zinnfiguren von Hand werden in Dießen seit je Heimarbeiterinnen beschäftigt. "Anmalen könnt' ich schon auch selbst", sagt Karin Schweizer, der das gestalterische Arbeiten viel näher liegt als das geschäftliche.

24. Dezember 1796

An diesem Tag schloss der Graveur und Gießer Adam Schweizer den ersten Vertrag mit einem Händler ab, um ihn mit Zinn-Amuletten zu beliefern. 1798 kaufte der Begründer der Dießener Handwerkerdynastie das Haus Herrenstraße 17. Strategisch gut am Weg vom Schiffsanleger zum Marienmünster gelegen, wurden dort zunächst vor allem Medaillen als Reiseandenken für Pilger gefertigt, die sich auch an anderen Wallfahrtsorten gut verkauften. Dazu goss man aus dem "Silber des armen Mannes" Anhänger, Ringe, Münzen, Geschirr und viele Devotionalien. Anfang des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr weltliche Motive wie Zinnsoldaten dazu, die auch an das bayerische Königshaus geliefert wurden. Seit 1840 stellen Dießens Zinngießer filigrane Kugeln und anderen Christbaumschmuck her.

Unten hat Jordi Arau für die Gießerei seiner Schwiegermutter umfangreiche Vertriebsstrukturen geschaffen und die Werkstatt modernisiert. Im Haus Herrenstraße 7 arbeiten 15 Personen, darunter drei Gießerinnen, eine schon seit 35 Jahren. In der geräumigen Halle im Hof formen sie das bei 350 Grad flüssige Metall in zwei gegenüberliegenden Öfen. Knapp vier Tonnen Zinnlegierung werden hier jährlich verarbeitet, fünf Mal so viel wie oben. In der Gießerei herrscht vorweihnachtlicher Hochbetrieb, am ruhigeren Fensterplatz schneidet Graveurin Sophie Wegele den Schiefer. An die 2000 Motive stehen bereits zur Verfügung, "neue Ideen entstehen im Gemeinschaftsprozess", sagt Martin Schweizer.

Jährlich werden fünf bis zehn Entwürfe erstmalig in Produktion genommen. Fünf Motive sind davon fix: zwei österliche und drei weihnachtliche Figuren. Zum Christfest wird seit Jahrzehnten ein "Jahres-Nikolaus" gegossen, dem sich mittlerweile noch ein stehender und ein hängender Engel hinzugesellten. Sie finden bei Sammlern großen Anklang, sagt Schweizer - insbesondere die limitierten Auflagen mit eingravierter Jahreszahl. Selbst wenn von einer Form Tausende Abgüsse gefertigt werden können, bleibt jede Figur wegen der feinen, individuellen Bemalung ein Unikat. Auch das Befüllen und Entgraten der Formen erfolgt in Handarbeit: "Maschinen werden nur zum Erhitzen des Zinns und um Luft abzusaugen gebraucht", sagt der Werkstattleiter, der vor allem bei schweren Stücken auch selbst Hand anlegt.

Das Büro hingegen haben die Maschinen schon länger erobert, sonst ließe sich der Vertrieb auch gar nicht bewältigen. "Wir sind auf jedem Kontinent vertreten", sagt Martin Schweizer: 300 bis 350 Händler beliefere man weltweit, private Liebhaber werden auch via Internet bedient. Der Direktvertrieb kann die Verluste im Pandemie-Jahr aber nicht aufwiegen, denn der Gießerei ist ein bedeutender Absatzmarkt weggebrochen: Stände mit Christbaumdekor und Figuren aus Zinn gehörten zur Grundausstattung jedes größeren Adventsmarktes. Dennoch will Leon Tropp sich nicht beschweren: "Ich denke, dass es andere Betriebe deutlich härter trifft als uns."

Weiter oben mag auch Karin Schweizer nicht wegen Covid-19 klagen: Beim ersten Lockdown im Frühjahr sei sie so endlich zum Weißeln der Küche gekommen. Und im Advent war heuer bis zur völligen Schließung vor acht Tagen zwar weniger los als sonst, weil das Zinncafé den Betrieb schon zuvor einstellen musste. Doch auch das hatte angenehme Seiten: "Ich habe es ein bisschen genossen, dass man sich so mehr um die Ladenkunden kümmern konnte".

Zudem fänden manche schon fast ausgestorbene Zinnartikel auf einmal wieder mehr Nachfrage: So seien mit dem Rückzug aufs Häusliche "bei Frauen die Klosterarbeiten wieder in Mode gekommen", sagt Karin Schweizer. Diese überlieferten, filigranen Devotionalien wie Andachtsbilder und Reliquienfassungen lassen sich daheim sticken, nähen, weben und bemalen. Viele Materialien kommen in den aufwendigen Werkstücken, die etwa Nepomukzungen und Sebastianspfeile umrahmen, zum Einsatz; oft werden sie mit Zinnminiaturen verziert. "Es ist gegangen dieses Jahr", sagt Karin Schweizer im Rückblick auf die Geschäftsentwicklung. Schließlich hat auch die obere Gießerei in Dießen längst Exportmärkte erobert: So bestellt eine Firma für Hausaltäre in Malta regelmäßig Leuchter aus Zinn - und dann immer gleich 100 Stück auf einmal.

© SZ vom 24.12.2020
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