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Starnberger See:Als die Dampfer noch dampften

Starnberg, Museum Starnberger See, Ausstellung Dampfer Modelle

Die "Bavaria" war der dritte Raddampfer auf dem Starnberger See. Den bayerischen Löwen hat Lorenz Gedon geschaffen - genau wie die imposante Buglaterne. Während sich die Laterne noch in einem Starnberger Privathaushalt befinden soll, thront der Löwe am Südende der Seepromenade.

(Foto: Georgine Treybal)

Der 92-jährige Modellbauer Anton Happach hat alle fünf Raddampfer nachgebaut, die zwischen 1851 und 1954 auf dem Starnberger See Dienst taten - und gibt damit Einblick in ein Jahrhundert Schifffahrtsgeschichte und in sein Lebenswerk.

Von Katja Sebald

Auf den ersten Blick: fünf kleine Modellschiffe unter einem Glassturz. Bei genauerer Betrachtung: ein ganzes Jahrhundert Geschichte der Dampfschifffahrt auf dem Starnberger See - und ein Lebenswerk. Alle fünf Schiffe kommen aus der Werkstatt des mittlerweile 92-jährigen Modellbauers Anton Happach aus München. Zuletzt konnte er seinen Freund Franz Schmidberger überreden, das in seinem Besitz befindliche Modell der "Bavaria" dem Museum Starnberger See als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. Über die Zusammenführung der fünf Raddampfer, die zwischen 1851 und 1954 auf dem Starnberger See fuhren, freut sich nicht nur Museumsleiter Benjamin Tillig, auch für Happach erfüllt sich damit ein lange gehegter Wunsch.

Anton Happach wurde 1928 in Dießen geboren. Er begann als Zwölfjähriger, Modelle von Schiffen zu bauen. Im Zweiten Weltkrieg wurde seine Münchner Wohnung ausgebombt, er verlor Pläne und Werkzeug. In den Fünfzigerjahren, mittlerweile Elektrobauingenieur, nahm er sein Hobby wieder auf. Er gilt längst als Koryphäe in der Modellbauerszene, in zahlreichen Museen stehen seine Schiffe.

Dem eigentlichen Bau gehen für ihn immer ausführliche historische Recherchen voraus. Deshalb benötigt er für ein Modell zwei bis drei Jahre. "In jedem Schiff stecken 1000 bis 1500 Arbeitsstunden", sagt er. Der Dampfschifffahrt auf dem Starnberger See widmete er mehr als ein Jahrzehnt seines Lebens: "Ich habe irgendwann Blut geleckt an dieser Geschichte." Den ältesten der fünf Dampfer, die "Maximilian", vollendete er 2018.

Modellbauer Anton Happach in seiner Wohnung in Berg am Laim, Halserspitzstr. 8

Zwei bis drei Jahre baut Anton Happach an einem Modell. Seine Werkstatt entstand im Schlafzimmer, indem er eine Zwischenwand einzog.

(Foto: Florian Peljak)

Mit der "Maximilian" begann einst die Epoche der Dampfschifffahrt auf dem Würmsee, wie der Starnberger See bis 1962 offiziell hieß. Am 11. Mai 1851 legte der Dampfer in Anwesenheit des Namensgebers König Maximilian II. seine erste Fahrt zurück. Betreiber dieses ersten Linienschiffs und zugleich sein Kapitän war der Königliche Baurat Johann Ulrich Himbsel, der auch für den Bau der Eisenbahnstrecke von München nach Starnberg verantwortlich zeichnete. Vormittags von zehn Uhr an fuhr das Schiff auf der Ostseite des Sees von Starnberg nach Seeshaupt und auf der Westseite zurück, nachmittags um 14 Uhr erfolgte die Hinfahrt auf der West- und die Rückfahrt auf der Ostseite des Sees. War die Zahl der Fahrgäste auf diesen dreieinhalbstündigen Rundfahrten zunächst noch recht überschaubar, erlebte die Schifffahrt nach der Eröffnung der Bahnverbindung im Jahr 1854 einen ersten Aufschwung.

Wirtschaftlich war der Betrieb des Dampfschiffs aber offensichtlich trotzdem lange nicht. Nach Himbsels Tod im Jahr 1860 führte ihn sein Sohn fort. Da er durch die Verlängerung der Bahnlinie nach Seeshaupt große Einbußen befürchtete, versuchte er vergeblich, das Schiff an den Staat zu verkaufen. 1864 gründeten deshalb einige vermögende Seeanwohner eine Aktiengesellschaft zur Rettung des defizitären Betriebs. Zu den Aktionären gehörten der Münchner Kaufmann Angelo Knorr, der Erzgießer Ferdinand von Miller, der Gutsbesitzer Dall'Armi, Graf Rambaldi und Graf Vieregg, Hofrat Josef Simmerl, Reichsrat Joseph Anton von Maffei, der Bankier Josef von Hirsch und der Juwelier Karl Thomaß.

Erst in den 1870er-Jahren nahm die Dampfschifffahrtsgesellschaft richtig Fahrt auf: Im Jahr 1872 wurde mit der nach König Ludwig II. benannten "Ludwig" ein zweites Fahrgastschiff in Betrieb genommen. Allein in diesem Sommer wurden fast 200 000 Passagiere gezählt, der Erfolg hielt in den kommenden Jahren an. 1878 lief ein weiteres Schiff, der Salondampfer "Bavaria", vom Stapel. Der "Bayerische Kurier" berichtete über den Saisonauftakt am Pfingstsonntag: "Das neue Dampfschiff "Bavaria" beförderte an diesem Tage über fünftausend Personen, und fand sowohl durch seine prachtvolle Ausstattung und bequeme Einrichtung (mit sehr guter Schiffsrestauration) als auch durch seine vorzügliche, sichere und rasche Gangart den allgemeinen Beifall. Dieser Pracht-Salon-Dampfer macht nun während der ganzen Saison in der Regel alle Tage die fahrplanmäßigen Fahrten zu den gleichen Fahrpreisen, wie die anderen Dampfschiffe, und wird nicht verfehlen, eine bedeutende Zugkraft auszuüben."

Der in die Jahre gekommene Dampfer "Maximilian" wurde nun nur noch als Reserveschiff genutzt, bis er schließlich unter großem Aufwand an den Ammersee verfrachtet wurde und dort noch einige Jahre seinen Dienst tat. 1895 wurde er an eine Münchner Alteisenhandlung verkauft und verschrottet. Auf dem Starnberger See war von 1886 an als drittes Schiff die "Wittelsbach" im Einsatz. Und schließlich erreichte die stolze Flotte der "Würmsee-Actiengesellschaft" mit dem Salondampfer "Luitpold" ihren Höhepunkt: Er hatte einen elegant bordeauxfarben gestrichenen Rumpf, war ganz nach der Mode des Historismus im Neo-Rokoko-Stil eingerichtet und verfügte über eine elektrische Beleuchtung.

Anton Happach gilt in der Modellbauerszene als Koryphäe.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Bugfigur des Meeresgottes Triton mit einem Knaben im Arm war ebenso wie die kunstvoll geschmiedete Reling vergoldet. Da die ausladende Figur sich jedoch bei Anlegemanövern als äußerst hinderlich erwies, wurde sie bald wieder abgebaut. Viele Jahre später fand man sie auf dem Bauhof der Stadt Starnberg wieder, wo sie offensichtlich lange der Witterung ausgesetzt war. Heute ist sie eins der Prunkstücke des Museums Starnberger See.

Auch ein Teil der Reling hat sich dort erhalten, es ist derzeit in der Ausstellung "Schätze schauen" zu sehen. Für den Modellbauer Happach, der die "Luitpold" wie auch die anderen Dampfer im Maßstab 1:100 baute, stellte die filigrane Reling, die abwechselnd das Wappen und ein geschwungenes "L" für "Luitpold" zeigt, eine besondere Herausforderung dar: "Im Modell ist sie nur acht Millimeter hoch", erklärt er, er habe die Teile deshalb in Ätztechnik hergestellt.

Als die "Luitpold" abgewrackt wurde, fand sich in der Wandverkleidung des Salons Erster Klasse ein zusammengerolltes Ölbild, auf dem kein geringerer als der "Malerfürst" Franz von Lenbach die Jungfernfahrt des Dampfers dargestellt hatte. Wie Fabian Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum Starnberger See, berichtet, wanderte auch dieses außergewöhnliche Fundstück damals ins "Heimatmuseum" - dort aber hat sich seine Spur verloren.

Auch die Buglampe der 1940 für Kriegszwecke abgebrochenen "Bavaria" soll sich noch in einem Privathaushalt befinden. Die Heckfigur, geschaffen von Lorenz Gedon, steht hingegen seit langem an der Seepromenade. Die "Bavaria" war übrigens der einzige Dampfer, der seinen Namen nach der Revolution behalten durfte: Die "Ludwig" hieß von 1918 an "Tutzing", die "Wittelsbach" wurde in "Starnberg" umbenannt. Die "Luitpold" fuhr bis 1954 unter dem Namen "München". Mit ihrer Verschrottung ging die Ära der Raddampfer auf dem Starnberger See zu Ende.

© SZ vom 26.09.2020

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