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Coronavirus und Trockenheit:Wasserverbrauch steigt um bis zu einem Drittel

Seitdem Händewaschen Pflicht ist und überall ständig der Geschirrspüler läuft, registrieren die Versorger im Fünfseenland Rekordwerte. Dazu macht ihnen das Wetter Kummer.

Von Christine Setzwein

Die ganze Familie ist wegen der Corona-Pandemie seit Wochen zu Hause. Es wird täglich gekocht, die Geschirrspülmaschine läuft ständig, und dauernd werden die Hände gewaschen. Wer viel daheim ist, hat auch Zeit für die Pflege des Gartens und Rasens. Und die brauchen momentan wegen der anhaltenden Trockenheit vor allem: Wasser. "Wir haben einen Wasserverbrauch fast wie im Hochsommer", sagt Yvonne Kolbe, Geschäftsleiterin des Zweckverbands zur Wasserversorgung der Gemeinden Feldafing und Pöcking.

Normalerweise laufen pro Tag etwa 750 Kubikmeter Trinkwasser in die Haushalte der zwei Starnberger Seegemeinden. Aktuell sind es 1000 Kubikmeter, ein Drittel mehr. Das sei noch nicht problematisch, sagt Kolbe. Aber sollte es zusätzlich zur Corona-Krise so trocken bleiben wie bisher, werde man an die Kunden appellieren, den Rasen nicht mehr so oft zu sprengen, und nicht mehr zu baden, sondern nur noch zu duschen. Kolbe: "Und wer einen Pool hat, sollte ihn jetzt füllen, noch ist Wasser da."

Händewaschen gegen Krankheiten: Temperatur spielt keine Rolle

20 Sekunden lang sollte man mehrmals am Tag die Hände waschen. Auch deshalb rauscht derzeit durch die Leitungen mehr Wasser als sonst.

(Foto: Andrea Warnecke/dpa)

Ohnehin ist Trinkwasser in den zwei Gemeinden immer wieder knapp. So knapp, dass die Starnberger Brauerei, die eine neue Braustätte in Wieling baut, nur 60 Kubikmeter Wasser pro Tag verbrauchen darf, und nicht 96, wie gewünscht. Nun geht der Zweckverband einen Verbund mit der Wassergewinnung Vierseenland an. Der Liefervertrag ist unterzeichnet, jetzt laufen laut Kolbe die Ausschreibungen für die Leitungen, die der Zweckverband auf eigene Kosten bauen muss. Ein wenig Sorge bereitet ihr, dass die Wassergewinnung Vierseenland ihr Wasser selber brauchen könnte, wenn es weiterhin so trocken bleibt.

Da kann sie Vorstand Thomas Tinnes zunächst beruhigen. Die 200 Kubikmeter Wasser, die täglich nach Pöcking und Feldafing - das sind etwa 70 000 pro Jahr - fließen sollen, "bereiten uns kein Problem". Pro Jahr fördert das Kommunalunternehmens Wassergewinnung Vierseenland um die 2,3 Millionen Kubikmeter Wasser, Tendenz steigend. Träger sind die Gemeinden Andechs, Herrsching, Seefeld, Weßling, Wörthsee, Pöcking und die Stadt Starnberg. Sie werden ganz oder teilweise mit Trinkwasser beliefert.

Viren im Abwasser

Viren lauern an vielen Orten der Erde. Eine ganze Reihe bislang unbekannter Viren kann sich im Laufe der Zeit zu Krankheitserregern entwickeln und so neue Krankheiten auslösen. Bisher aber sind die Wechselbeziehungen zwischen Viren, Mensch und Umwelt nur unvollständig erforscht - unter anderem, weil bisher nur ein Bruchteil der tatsächlichen Virenvielfalt bekannt ist.

Die Kanalisation ist eine wahre Brutstätte für eine Vielzahl von Viren, auch das Coronavirus (SARS-CoV-2) hat längst den Weg ins Abwasser gefunden - unvermeidbar durch Fäkalien infizierter Personen. Eine viel diskutierte Frage in diesem Zusammenhang lautet daher: Kann sich das Virus über das Abwassersystem womöglich verbreiten und damit die Infektionsgefahr vergrößern?

Die Antwort lautet Nein. Nach Auskunft des Abwasserverbands Starnberger See jedenfalls müssen sich die Bürger darüber keine Sorgen machen. "Viren im Abwasser sind absolut natürlich und nicht außergewöhnlich", heißt es in einer Pressemitteilung. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sei nach derzeitigem Wissensstand "eine Übertragung von SARS-CoV-2 über den Weg des Abwassers sehr unwahrscheinlich".

Im Vordergrund stehen derzeit vor allem sechs Erreger, bei denen Aussagen über eine Gefährdung möglich sind: die Hepatitis-Viren A und B, das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), das Polio-Virus sowie - stellvertretend für die "Durchfallviren" - das Rota- und das Norwalk-Virus. Die Viren werden durch Fäkalien mit ausgeschieden und landen damit im Abwasser.

Das sei aber kein Grund zur Sorge, denn im Normalfall komme die Bevölkerung nicht mit Abwasser in Berührung - im Gegensatz zu den Mitarbeitern der Abwasserbetriebe. Von einer Gefährdung für Beschäftigte in abwassertechnischen Anlagen in Zusammenhang mit SARS-CoV-2 sei aktuell dennoch nicht auszugehen. "Unsere Mitarbeiter werden regelmäßig geschult, geimpft und tragen bei Arbeiten am Schmutzwasser stets Sicherheitskleidung", teilt der Abwasserverband mit.

Zudem werde unter strenger Beachtung der Sicherheitsvorschriften für biologische Arbeitsstoffe (TRBA 220) bis auf Weiteres nur in dringenden Fällen am Schmutzwasser gearbeitet. phaa

Seit Beginn der Corona-Krise ist auch im Versorgungsgebiet der Wasserverbrauch von üblicherweise 4800 Kubikmeter auf 5300 Kubikmeter pro Tag gestiegen. Im Hochsommer sind es laut Tinnes 7000 Kubikmeter. Bedenklich sei, dass es im vergangenen Winter mangels Niederschlägen nicht zu einer Grundwasserneubildung gekommen sei, sagt Tinnes, der auch Technischer Leiter bei den Wasser- und Abwasserbetrieben AWA Ammersee ist. Auch in den vergangenen vier Wochen hat es nicht richtig geregnet. Tinnes: "Wir haben jetzt eine Situation wie 2018." Wenn es weiterhin so trocken bleibt, rechnet er beim Wasserverbrauch mit einem "gravierenden Anstieg".

Die AWA Ammersee versorgt in den sieben Gemeinden Andechs, Herrsching, Inning, Pähl, Seefeld, Wielenbach und Wörthsee und deren 32 Ortsteilen etwa 35 000 Menschen mit sauberem Trinkwasser. Auch dort, berichtet Vorstand Maximilian Bleimaier, werden aktuell bis zu 15 Prozent mehr Wasser verbraucht. Vom 21. März bis 15. April etwa liefen im Andechser Ortsteil Frieding durchschnittlich 164 Kubikmeter Wasser aus den Leitungen. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 143 Kubikmeter. Bleimaier: "Das entspricht einer Steigerung von 14,7 Prozent." In Herrsching allerdings sei der Verbrauch in etwa gleich geblieben. Der AWA-Vorstand erklärt dies damit, dass die zwei großen Schulen - die Realschule und die Mittelschule - geschlossen sind und dort kein Wasser verbraucht wird. Bleimaier hat eine großen Wunsch: "dass es endlich richtig regnet."

Thomas Rami, Leiter des Wasserwerks Starnberg, kann bislang "keine nennenswerte Steigerung unserer Netzeinspeisung erkennen". Freilich lägen dem Werk keine Daten vor, wie sich diese Wassermenge aufteilt. So sei es nicht auszuschließen, dass der möglicherweise höhere Wasserverbrauch der Privathaushalte durch einen geringeren Wasserverbrauch von öffentlichen Verbrauchern wie Schulen und Gewerbekunden ausgeglichen werde. 2019 wurden in der Kreisstadt 1,775 Millionen Kubikmeter Wasser gefördert. Im vergangenen März lag die durchschnittliche Tagesabgabe bei 4530 Kubikmetern, sagt Rami.

© SZ vom 21.04.2020
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