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Asinella in Pähl::Bedrohte Farm der Tiere

Esel sind mit ihrer gelassenen, sensiblen Art besonders gut als Therapietiere geeignet. Anahid Klotz setzt sie seit 15 Jahren als Dienstleister ein.

(Foto: Arlet Ulfers)

Anahid Klotz' hält auf ihrem Gehöft zwischen Pähl und Vorderfischen Schafe, Bienenvölker und Pudel, ihre Esel setzt sie als Therapietiere ein. Bald könnte Schluss sein mit dem Idyll. Das Landratsamt verlangt die Räumung.

Das drohende Aus für die einzigartige und weithin bekannte Eselfarm "Asinella" bewegt nicht nur im Fünfseenland viele Menschen. Bis zum Freitag haben sich in einer Online-Petition 4500 Unterzeichner eingetragen, die sich gegen den vom Landratsamt Weilheim-Schongau verhängten Räumungsbescheid wenden. Der Konflikt wirft eine nicht nur verwaltungsrechtlich interessante Frage auf: Kann ein Betrieb als baurechtlich privilegierte Landwirtschaft gelten, wenn die gehaltenen Tiere nicht als Produkt oder Produktionsmittel, sondern als Dienstleister eingesetzt werden? Oder überspitzt formuliert: Wird man behördlicherseits auch als Bauer eingestuft, wenn man Tiere nutzt, ohne ihnen zu schaden oder sie auszubeuten?

Würde Anahid Klotz ihre Esel schlachten, melken oder deren Fohlen gewinnbringend verkaufen, wäre das Lebenswerk der 54-Jährigen jetzt nicht bedroht. Doch sie zieht aus Eddi, Jimmy und deren Artgenossen auf andere Weise Profit: indem die Tiere zur Therapie behinderter oder traumatisierter Menschen beitragen; Altenheime, Kindergärten und Geburtstagspartys beglücken; bei pädagogischen Projekten oder der aktiven Freizeitgestaltung in der Natur mitwirken. Über 15 Jahre hinweg hat Klotz so aus einer Hobbyhaltung einen gewinnbringenden Erwerb mit jährlich vielen hundert Kunden aufgebaut, die auch der lokalen Wirtschaft zugute kommen.

Doch wie aus heiterem Himmel forderte das Landratsamt sie nun auf, die Farmgebäude einzuebnen und ihre Tiere woanders unterzubringen: Unter der Androhung von Bußgeld und kostenpflichtiger Beseitigung wird Klotz aufgefordert, die Bauten des isolierten Gehöfts zwischen Pähl und Vorderfischen umgehend freiwillig zu beseitigen, heißt es im Schreiben vom 20. März. "Bis 20. Mai sollte alles entfernt sein: Esel-, Schaf-, Kuh- und Hühnerstall, Bienenhäuser und Wohngebäude", sagt Klotz. Sie ist verzweifelt, sieht sich in ihrer Existenz bedroht, auch wenn das Amt den Fall jetzt mit einem Fachgutachten noch einmal untersucht.

Ausgangspunkt der behördlichen Initiative war eine Anzeige, deren Motiv unklar ist. Das Anwesen, das Klotz' Mann vor 20 Jahren vom Vater übernommen hat, strahlt geradezu klischeehaftes Idyll aus. Vom sanft abfallenden Gelände der "Asinella"-Farm kann man auf Zugspitze und Ammersee blicken. Ein Häuschen im alpinen Stil mit 77 Quadratmetern Grundfläche steht auf dem Grundstück, das der ausgebombte Schreiner Hallvart Stockert kurz nach dem Krieg errichtet hat. "Das Baumaterial tauschte er gegen Eier und Honig ein", erzählt Klotz, ein genehmigter Bauplan von 1950 sei inzwischen aufgetaucht. Auch als ihr Schwiegervater Anfang der Achtzigerjahre das Anwesen kaufte, wurde dort weiter Landwirtschaft mit Schafen, Kühen, Pferden und Bienen betrieben.

Noch heute erfüllen die malerischen Ställe aus dunklem Holz und zwei mehr als 100 Jahre alte Bienenhäuser ihren Zweck. Neben den Eseln leben in "Asinella" zwei Großpudel, 20 Bienenvölker, drei Rinder der gefährdeten autochthonen Rasse Murnau-Werdenfelser und eine Handvoll Hühner. 20 Schafe liefern Fleisch und Felle, die Klotz selbst gerbt, zwei sind aber auch als Therapietiere geschult. Und die Bienenstöcke sind mit Fenstern ausgestattet, da sie auch pädagogischen Zwecken dienen.

Als Klotz 2005 die Veranstaltungen mit den Eseln aufnahm, musste "Asinella" aus Steuergründen als Gewerbe angemeldet werden. Für Klotz, die ihr Futter selbst anbaut und Sensenmähkurse hält, blieb die Farm dennoch zweifellos eine landwirtschaftliche Hofstelle, so versäumte sie, sich um eine Privilegierung zu bemühen. Beanstandungen - etwa bei regelmäßigen Kontrollen des Veterinäramts - gab es nie. Den Inspektoren dürfte nicht entgangen sein, wie vorbildlich Klotz' Tiere gepflegt und untergebracht sind. Esel und die beiden Pudel Berri und Samson können sich meistens frei auf der drei Hektar großen Weide bewegen. Sie heißen auch fremde Besucher herzlich willkommen, suchen immer wieder deren Nähe; um gestreichelt zu werden. Es ist deutlich zu spüren, wie wohl sich die Vierbeiner hier fühlen.

Die Farm samt Ställen und Teich ist plötzlich als angeblicher Schwarzbau vom Abriss bedroht.

(Foto: Arlet Ulfers)

"Unser Jimmy darf jetzt drehen": Mit diesen Worten stellt Klotz einen besonders lebhaft gezeichneten Zwergesel vor, der demnächst für einen Likör-Werbeclip gebucht ist. Manipi macht seit Neustem das Grautier-Fußballteam komplett: Der elfte Esel ist gerade erst aus Obertraubing zur Truppe gestoßen, weil sein Halter gestorben ist. Der Vierjährige hat sich in die gleich alte Lucille verliebt, die aus Tübingen nach Pähl kam. Dass er als Zwergeselwallach seiner Manneskraft beraubt ist, mindert Manipis Leidenschaft nur wenig: Ständig stupst er die Angebetete an, beschnuppert sie und lässt auch schon mal einen markerschütternden Schrei ertönen. Da ist die graue Eminenz Eddi viel abgeklärter: Der 20-jährige Großeselwallach hat viel Erfahrung in seinen Jobs als Kindertröster und Altenbetreuer.

Seit mehr als einem Jahrzehnt sucht Klotz mit ihren Eseln einmal monatlich ein Seniorenzentrum in Percha auf. Sie sind mit Rollstuhlfahrern in Parks oder beim Trekking in den Bergen unterwegs und zentrales Element des Projekts "Neue Wege mit tiergestützter Pädagogik" an der Dießener Carl-Orff-Schule. "Asinella"-Besuche gehören im Fünfseenland zu den Ferienprogrammen, die Esel helfen bei der Inklusion von Autisten oder Blinden. Kinder, Eltern und Freunde der Farm sind über den drohenden Abriss entsetzt und machen ihrer Empörung nicht nur online Luft: Hunderte Protestbriefe sollen schon im Landratsamt eingegangen sein.

"Da geht es nicht um Tiere oder Menschen, das ist eine rein baurechtliche Sache", hat Landrätin Andrea Jochner-Weiss vor der Kamera des Bayerischen Rundfunks erklärt. Auch Rainer Schömig, Abteilungsleiter für Bauen und Umwelt, ist um sachlichen Ton bemüht: Bei der Eselfarm handle es sich "um keine Landwirtschaft im Sinne des Baugesetzbuches, da der Bezug zur Bodenertragsnutzung, der sogenannten Urproduktion fehlt". Klotz' Tätigkeit stelle eine Dienstleitung und somit eine im Außenbereich unzulässige Gewerbenutzung dar. Inwiefern die Schaf-, Rinder-, Bienen- und Hühnerhaltung den privilegierten Bau von Gebäuden rechtfertige, werde gerade am Weilheimer Amt für Landwirtschaft, Forsten und Ernährung (AELF) geprüft. Dabei sei entscheidend, ob und mit welchen Gebäuden spürbare Erträge erwirtschaftet werden können. Landwirtschaft als "reines Verlustgeschäft" sei ein Hobby, das kein privilegiertes Baurecht beanspruchen könne. "Die strengen Maßstäbe rühren daher, da der Außenbereich aus Naturschutzgründen grundsätzlich von Bebauung geschont werden soll," teilt Schömig mit.

Ausrangierte Gondeln der Eckbauerbahn dienen als Spielgeräte.

(Foto: Arlet Ulfers)

Es leuchtet ein, dass allgemeines Interesse besteht, baulichem Wildwuchs in der freien Flur Einhalt zu gebieten. Sonst würde wohl bald jeder Stadl von wohlhabenden Städtern gekauft und zum Ponyfreizeitpark ausgebaut. Aber lässt sich der Landschaftschutz auch als Argument gegen einen seit 75 Jahren bewirtschafteten Hof in Familienbesitz ins Feld führen, der sich auf Dienstleistungen verlegt und damit wirtschaftlichen Erfolg hat?"Wir können da keinen Unterschied machen", erklärt AELF-Leiter Stefan Gabler, die Farm sei wie ein Neubau zu bewerten. "Gerade in unserer Region ist das Interesse für Hobbys im Außenbereich zu bauen sehr groß." Grenzfälle wie der von Klotz erforderten eine aufwendige Prüfung, dennoch werde das Gutachten "zeitnah" fertiggestellt sein, sagt Gabler. Bei der Entscheidung sei das Landratsamt aber nicht an die Empfehlungen seiner Behörde gebunden.

Bayerns Ministerin Michaela Kaniber hat sich die Diversifizierung der Landwirtschaft auf die Fahnen geschrieben: Fortbildungen und zusätzliche Betriebszweige wie Gästebewirtung, hauswirtschaftliche Dienstleistungen und soziale Landwirtschaft sollen die Existenz von Bauern sichern. "Asinella" könnte da als Musterbetrieb und Schulungsstätte dienen: Klotz bietet dort auch Kurse in Horsemanship und Fortbildungen zum Umgang mit Eseln als Therapietiere an.

© SZ vom 06.06.2020

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