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Neuhausen:Grabstätten sind ein sensationeller Fund

Experten bei der Fundstelle.

(Foto: Robert Haas)

Auf einer Baustelle in Neuhausen sind Skelettreste aus dem späten 19. Jahrhundert gefunden worden. Anthropologen rekonstruieren nun die Geschichte der Toten.

Die Menschen in den zwei Särgen, die auf dem Winthirfriedhof in der Erde versinken, werden zum zweiten Mal bestattet. Sie sind bereits seit 150 Jahren tot, doch ihre Knochen kamen 2014 bei Bauarbeiten auf dem Nachbargelände wieder ans Licht. Es war am Freitag eine kurze und schlichte, ökumenische Zeremonie mit Dekan Christoph Jahnel von der Christuskirche, Diakon Werner Schmidt von der Herz-Jesu-Kirche und Franz Schröther von der Neuhauser Geschichtswerkstatt. Schröther hat sein Büro gleich im Gebäude nebenan. Interessiert verfolgte er die Knochenfunde - und plädierte schon früh für eine würdevolle Wiederbestattung. Er weiß auch, warum dies nun aber fünf Jahre gedauert hat: Baucontainer seien so dicht an den drei Boxen mit den Gebeinen aufgestellt worden, dass lange kein Durchkommen war.

Im Januar 2014 hatte ein Bagger bei den vorbereitenden Arbeiten für das "Trafo 2"- Projekt hinter der Neuhauser Stadtbibliothek - ein Kultursaal, 15 Sozialwohnungen und eine Kinderkrippe - einen Totenschädel zutage gefördert. Das rief zunächst die Kripo auf den Plan, doch schnell stellte sich heraus, dass es sich um ältere Knochen handelte, somit ein Fall für Archäologen war.

Endgültig letzte Ruhe: Bestattungszeremonie am Freitag auf dem Winthirfriedhof.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im Juni rückten also Experten des Landesamts für Denkmalpflege an und ließen die Baugrube an der Aldringenstraße durchkämmen, wochenlang. Sie fanden mehr als 150 Grabstätten. Die stammten allerdings nicht, wie zunächst vermutet, aus früh- oder vorgeschichtlicher Zeit, sondern von einem 1926/27 aufgelassenen Teil des Winthirfriedhofs. Schon die Grabbeigaben machten die Zuordnung ins späte 19. Jahrhundert ziemlich eindeutig: kleine Porzellan-Kruzifixe, Rosenkränze, Schuhnägel oder ein Steckkamm aus Bakelit.

Keine Bodendenkmäler also, für die Archäologen mag das eine Enttäuschung gewesen sein. Für Anthropologen aber, die über die Entwicklung des Menschen und seines Umfelds forschen, war es ein sensationeller Fund, eine "Referenzserie, wie es sie in ganz Deutschland bisher nicht gab", sagt begeistert Michaela Harbeck von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie am Karolinenplatz, einer Dienststelle der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB). Weil die Grabbücher von diesem Teil des Winthirfriedhofs noch vorhanden sind, kann man jeden einzelnen Toten individualisieren und die Erkenntnisse aus dem Studium der Knochen abgleichen mit Informationen aus den Grabbüchern.

Für Anthropologen ist das eine wunderbare Gelegenheit, ihre Methoden zu überprüfen, womöglich falsche Schlüsse oder Mutmaßungen aufzuspüren. Mit Ausnahme der wieder beerdigten Knochen, sogenannter verworfener Knochen, die sich keinem Skelett zuordnen ließen und daher für die Wissenschaft nicht von Bedeutung sind, wurde die gesamte Ausbeute von der Aldringenstraße damals in die Staatssammlung verfrachtet.

Ein Bild über das Leben in jener Zeit, das die übliche Geschichtsschreibung nicht liefert

Helfer haben Knöchelchen um Knöchelchen geschrubbt, getrocknet, registriert und in Kartons verpackt. 260 Männer, Frauen und Kinder waren es, "wenn auch nicht alle ganz vollständig", schränkt Harbeck ein. Weil mit dem Stammpersonal eine weitergehende Arbeit an den Funden nicht zu stemmen war, lagerten die Kartons zunächst einige Jahre unangetastet im Depot in Dornach (Landkreis München). Mittlerweile aber hat Harbecks Kollege Bernd Trautmann, ermöglicht durch Sondermittel von den SNSB, mit der grundlegenden Arbeit, dem anthropologischen Standardbefund wie Alter, Geschlecht, Größe, Zahnstatus, eventuelle Verletzungen begonnen. Ein Mitarbeiter aus dem Haus der Bayerischen Geschichte beleuchtet parallel den historischen Hintergrund, durchforstet zum Beispiel Standesamt-Akten aus jener Zeit, in der diese Menschen lebten und starben.

Spannend wird es dann im zweiten Schritt, erläutert Harbeck, wenn "wir alle Daten zusammenbringen, spezielle Fragen stellen". Angaben aus den Grabbüchern wie "Försterswitwe" oder "Werkzeugmacherkind", Befunde über den gesundheitlichen Zustand der Toten, den Zustand ihrer Zähne, das Ergebnis einer "Isotopenanalyse", die sogar bestimmen kann, in welchem Alter ein Kleinkind abgestillt worden ist - durch die Verknüpfung vieler verschiedener Daten und Informationen könne man sich ein Bild über das Leben in jener Zeit machen, das die übliche Geschichtsschreibung nicht liefert. "Vor allem auf die Kinder wollen wir uns konzentrieren, die kommen ja in Geschichtsbüchern so gut wie gar nicht vor", sagt Harbeck.

Gut vier Jahre wären ein Anthropologe und ein Historiker mit einer tiefergehenden Bearbeitung der Winthir-Funde beschäftigt, zur Finanzierung dieses Projekts hat die Staatssammlung einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingereicht. "Ob dieser bewilligt wird, werden wir aber wohl erst Ende des Jahres erfahren", berichtet Michaela Harbeck, "und falls nicht, suchen wir uns halt andere Quellen". Denn so schnell geben die wissbegierigen Anthropologen ihre Bemühungen nicht auf, all diese Knochen in ihren Kartons zum Erzählen zu bringen.

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