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München-Legende Richard Süßmeier:Der "Napoleon der Wirte" ist tot

Richard Süßmeier, kurz vor seinem 90. Geburtstag, in alten Fotoalben blätternd.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Als Chef des Armbrustschützenzelts auf dem Oktoberfest machte Richard Süßmeier des Öfteren Furore - und legte sich auch mit der Politik an. Nun ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.

Von Franz Kotteder

Was Richard Süßmeier wohl selbst über sich gesagt hätte, zum Abschied? Sein Leben in der breiteren Öffentlichkeit begann ja ausgerechnet als Grabredner. Da war er 25 Jahre alt und gerade erst zum Vereinsvorstand der "Zerstreuung" gewählt worden, einem der beiden Münchner Vereine der Gastwirtsmetzger. Bei den Beerdigungen musste der Vereinsvorsitzende eine Grabrede halten, das stand so in den Statuten. Die Vereinsmitglieder aber, 250 an der Zahl, waren nicht mehr die Jüngsten, und langsam dämmerte dem jungen Süßmeier, worauf er sich eingelassen hatte. "Auf diese Art und Weise", stellt er in seiner 2007 erschienen Autobiografie "Der Napoleon der Wirte" trocken fest, "habe ich über 100 Grabreden gehalten und alle Münchner Friedhöfe kennen gelernt - ungelogen!"

Auch wenn seine Reden später ganz anderer Natur waren - launig, spritzig, voller Humor und Witzeleien -, die Einsätze an der Beerdigungsfront waren wohl eine gute Schule für den jungen Wirt des Straubinger Hofs an der Blumenstraße 5 gewesen, was das Auftreten in der Öffentlichkeit anging. Der junge Richard Süßmeier war ja gewissermaßen ins kalte Wasser geworfen worden, was seinen Beruf anging. Seine Eltern hatten erst eine Wirtschaft am Baldeplatz gehabt und dann den Straubinger Hof übernommen, hatten ihn während der Kriegs- und Bombenjahre gehalten, waren selbst ausgebombt worden und hatten die Gaststätte trotzdem weitergeführt, so gut es eben ging. Auf der Straßenseite gegenüber hatte der Obernazi Christian Weber, einer der übelsten überhaupt von ganz München, seine Tankstelle. Tankwart war ein gewisser Sepp Dietrich, der später als Kommandeur einer SS-Panzerarmee die sogenannte Ardennenoffensive anführte. "Das waren halt noch Karrieren", kommentierte Süßmeier später leicht sarkastisch.

In seinem ersten Wirtshaus, dem Straubinger Hof, spielte er bei den „Schnallenbällen“ im Fasching gern die Puffmutter Ricarda, links daneben ein Porträt von Kaiser Wilhelm.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der kleine Richard ging bei den Armen Schulschwestern am Jakobsplatz zur Schule und später sogar im eigenen Wirtshausnebenzimmer. Dort fand nach dem Krieg der Unterricht statt, weil auch die Schule den Bomben zum Opfer gefallen war.

Die Schulzeit war für Richard endgültig vorbei, als 1948 sein Vater starb, er musste die Wirtschaft übernehmen und seiner Mutter zur Hand gehen. In der Nachkriegszeit war nicht viel verdient mit einem Wirtshaus, aber die Leute wollten wieder leben und sich ausleben dürfen. Richard Süßmeier konnte stundenlang erzählen aus dieser Zeit. Wie sie dann die "Schnallenbälle" erfanden im Straubinger Hof. Damals war die Innenstadt ja noch ein Rotlichtviertel, wie seit vielen Jahrhunderten. Das erste Bordell der Stadt hatte sich schon im Mittelalter am Sebastiansplatz an der Blumenstraße befunden, und seitdem blühte die Prostitution in der Altstadt.

Der Volksmund nannte die Damen despektierlich "Schnallen" respektive "Schnoin", und die Zuhälter "Schnointreiber". Daher also der "Schnoinboi", der "Schnallenball", im Straubinger Hof. Man verkleidete sich als Angehörige des Milieus - Süßmeier selbst war die "Puffmutter Ricarda" - und unter den Gästen waren nicht eben wenige Angehörige aus der Münchner Oberschicht und aus der Führungsschicht der Stadtverwaltung, das städtische Hochhaus war ja nicht weit. Süßmeiers Privatarchiv enthält reichhaltiges Fotomaterial von jenen Festen. Der Gedanke, wie solche Fotos mit späteren Honoratioren unter den Bedingungen der political correctness gewirkt hätten, hat Süßmeier durchaus Spaß gemacht.

Als „Bedienung Anna“ trat er gelegentlich bei der Augustiner-Starkbierprobe auf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der junge Wirt wusste, was die Gäste wollten: eine Gaudi und was Gutes zu essen und zu trinken. Das gab er ihnen, im Straubinger Hof und später in der Gaststätte Großmarkthalle und im Spöckmeier beim Marienplatz.

Vor allem aber auf dem Oktoberfest. Richard Süßmeier war 1958 einer der jüngsten Wiesnwirte überhaupt. Frech wie er war, hatte er sich eigentlich für die damals freigewordene Ochsenbraterei beworben. Stattdessen bekam er lediglich das etwas windige Armbrustschützenzelt etwas abseits unterhalb der Bavaria, das nur ein paar Hundert Gäste fasste und eine ehemalige Baracke des Reichsarbeitsdienstes gewesen war, die nun der Gilde der Armbrustschützen als Festzelt diente.

Doch der junge Wiesnwirt nutzte den Makel zu seinem Vorteil, schon beim Wiesneinzug. Während die großen Wirte in ihren prächtig geschmückten Kutschen einzogen, setzte er sich auf einen holprigen Karren, der von zwei Eseln gezogen wurde. Damit war er Stadtgespräch. Und das befeuerte er dann zusätzlich noch durch geschickte Marketingaktionen. Er steckte zum Beispiel eine Gans in einen Käfig und schrieb darunter: "Bei mir hat jedes 100. Hendl die Größe einer Gans", und die spendierte er dann auch den Wiesngästen. So war sein Zelt schnell voll, was damals noch ziemlich unüblich war. Und als die Umgestaltung der Wiesn anstand, bekam er einen neuen Standplatz nahe des Haupteingangs und ein nagelneues Zelt dazu.

1970 wählten ihn seine Kollegen zum Sprecher der Wiesnwirte. Er machte diesen Posten erst zu einer Marke, und an ihm wird bis heute jeder gemessen, der diesen Job übernimmt. Wobei eigentlich bis heute alle demütig anmerken: "Der Richard Süßmeier ist unerreichbar." In der Tat. Süßmeier füllte das Sprecheramt mit unbändiger Spielfreude aus, die witzigen Zitate aus jener Zeit sind kaum zu zählen. Mit stetig neuer Begeisterung beantwortete er die neugierige Reporterfrage, was denn ein Wiesnwirt eigentlich verdiene, mal mit: "Eine links und eine rechts" oder auch so: "Was ein Wiesnwirt verdient, gleicht sich über die Jahre immer aus. Verdient er weniger, macht ihm das mehr aus, verdient er mehr, dann macht ihm das weniger aus."

Nach seiner Zeit als Wiesnwirt zog er sich ins Forsthaus Wörnbrunn zurück.

(Foto: Claus Schunk)

Letztere Definition könnte auch von Karl Valentin stammen. Da sind zwei Münchner Originale eben aus dem gleichen Holz geschnitzt, auch wenn der große, hagere Schreiner Valentin aus der Au äußerlich ganz anders daherkam als der kleine, rundliche Wirtsbub von der anderen Seite der Isar. Der skurrile Humor war beiden eigen. Und schmeckte nicht jedem.

Der Fall des Wirtesprechers Süßmeier begann ebenfalls mit einer Spaßaktion: Er nahm den damals neu gewählten Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler (CSU), der sehr auf scharfer Hund machte und strenge Kontrollen bei den Wiesnwirten ankündigte, auf den Arm, indem er in seiner Wiesnschänke Plakate aufhängen ließ mit der Parole: "Gauweiler is watching you", und aus einem Hendl vor der versammelten Münchner Presse drei halbe machen ließ. Gauweiler fand das gar nicht komisch, veranlasste eine Razzia im Armbrustschützenzelt und machte es dicht. Süßmeier entzog er die Konzession. Nach längeren gerichtlichen Auseinandersetzungen bekam der Wirt zwar recht. Aber da war das Wiesnzelt schon lange weg.

Der Wirte-Napoleon, wie er wegen seiner Körpergröße und seiner Lust an der Verkleidung gerne genannt wurde, zog sich auf sein Elba, das Forsthaus Wörnbrunn im Süden Münchens zurück. Es brachte ihm kein Glück. Einmal brannte es gar ab, und Süßmeier musste es schließlich verkaufen. Seiner Beliebtheit tat das alles keinen Abbruch. Bis zuletzt waren seine Starkbierreden im Augustinerkeller und viele andere Ansprachen Höhepunkte bei zahlreichen Festen in der Stadt.

Am Montagmorgen ist Richard Süßmeier nach kurzer Krankheit an Herzversagen gestorben. "Er ist ganz friedlich eingeschlafen", sagte sein Sohn Michael zur SZ.

Zu seinem Geburtstag führte die SZ noch ein langes Gespräch mit Richard Süßmeier, das Interview lesen Sie hier.

© SZ.de/infu/van
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