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Oide Wiesn:Nicht schunkeln - tanzen!

Tänzer im "Herzkasperlzelt" auf dem Oktoberfest in München, 2013

In den Festzelten auf der Oiden Wiesn ist Platz für echte Tänze - wobei es abends durchaus auch mal wilder zugehen kann.

Im Herzkasperlzelt auf der Oiden Wiesn erlebt man die Keimzelle eines neuen Volksmusikbewusstseins. Dabei sind die Klänge eher untypisch fürs Oktoberfest.

Die Zeitreise, die die Oide Wiesn ermöglicht, ist längst kein Geheimtipp mehr. Für gerade mal einen Euro darf man hier liebevoll restaurierte Fahrgeschäfte nutzen, die einst Attraktionen auf den Jahrmärkten waren. Heuer ist darunter ein Kinderkarussell aus der DDR sowie eine Liliputbahn aus dem Jahr 1924. Oder das 1939 gebaute Holzkarussell "Fahrt ins Paradies", dessen Betreiber auch mal das Saxofon spielt, begleitend zum Auf- und Nieder der rotierenden Wagen.

Ansonsten greift er einem Discjockey gleich in seine beachtliche Schallplattensammlung und unterfüttert das nostalgische Fahrerleben mit deutschen Schlagern zwischen Swing und Rock 'n' Roll. Weil solche Musik letztlich eine weitere Attraktion der Fahrgeschäfte war, als das hiesige Radioprogramm nämlich den Rock 'n' Roll bestenfalls in homöopathischen Dosen bot.

Oktoberfest Die griabige Seite der Wiesn
Musik auf dem Oktoberfest

Die griabige Seite der Wiesn

Musikalisch ist das Oktoberfest vor allem für eins bekannt: lärmende Party-Schlager. Aber es geht auch ganz anders.   Von Stephan Handel

Wer das Glück hatte, am ersten Wiesnsonntag zu erleben, wie die Honky Tonk Five im Herzkasperlzelt das größte Rock 'n' Roll-Feuer seit Jerry Lee Lewis entzündeten, erfuhr ob der vielen Trachtler eine Verwandtschaft der amerikanischen und bayerischen Musik, wie sie aktuell auch das Valentin-Karlstadt-Musäum in der Sonderausstellung "Jodelmania - von den Alpen nach Amerika" aufzeigt. Nur dass im Zelt keiner jodelte.

Die Verwandtschaft wurde hier über die verschiedenen Tanzstile offenbart. Ebenso wie umgekehrt ein paar Tage später ein junges Paar einen flotten Lindy Hop zur Polka tanzte, mit der der niederbayerische Musikantenstammtisch sein Nachmittagskonzert schloss. Da waren die meisten Tische noch verwaist. Erst später, zum Auftritt der Landlergschwister, füllte sich der Saal. Wohl auch, weil die Oide Wiesn mehr Einheimische lockt, die nachmittags noch arbeiten.

Dabei darf man den niederbayerischen Musikantenstammtisch durchaus als Keimzelle eines neuen Volksmusikbewusstseins in München feiern. Er bleibt der traditionellen bairischen Musik treu, auch wenn etwa Evi Heigls Nabucco Walzer schon mal Verdis Gefangenenchor aufgreift. Weil sich die unterschiedlich stark besetzte Truppe vor allem auf Tänze spezialisiert hat, lädt sie im Herzkasperlzelt regelrecht zum Tanzen ein. Dabei lehrt der Klarinettist Christoph Lambertz den auf der Tanzfläche vereinten Paaren auch mal ein paar neue Schritte, die diese sodann zur Krebspolka ausprobieren. Mag man andernorts auf Bänken stehend schunkeln, im Herzkasperlzelt wird der Tanz noch in seiner vielfältigen Schönheit erlebt.

Später weicht der gemütliche Tanznachmittag einem konzertanten Musikerleben, das die Besucher dicht gedrängt vor die Bühne lockt. Aber auch dann überzeugt das Herzkasperlzelt mit einer eher Wiesn-untypischen Musik. So heizte heuer die Express Brass Band die Party mit marokkanischen Klängen an, bevor sie die Bühne verließ, um unverstärkt inmitten der Zuschauer die eingeforderte Zugabe zu spielen.

Die friedliche Stimmung im Zelt ist dabei geprägt von einer Toleranz, die den dort gelebten Heimatbegriff nicht ausgrenzend, sondern einladend versteht. Dazu passt auch das Konzert der Banda Internationale an diesem Freitag, in der Musiker aus Dresden zusammen mit geflüchteten Menschen eine Heimatmusik gegen rechts zelebrieren.

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