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Neue Heimat:Führerschein? In Syrien lacht man darüber

Das Lankrad eines alten Mercedes Benz.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In der Heimat unseres Autors fahren schon Zehnjährige Auto. Und wenn jemand versehentlich drei Hühner und ein Schaf überfährt, zahlt er dem Besitzer halt den Preis - und spart sich den Einkauf.

Valerie war gerade 18 Jahre alt, eine Frau, fast noch ein Mädchen. Für eine Geburtstagseinladung holte sie mich ab, und zwar mit dem Auto. Ich dachte, sie macht einen Witz, als sie mich bat einzusteigen. Doch sie meinte es völlig ernst. Ich saß auf dem Beifahrersitz und duckte mich vor lauter Angst, wann immer sich ein Auto näherte. Ich rutschte nervös auf meinem Sitz herum, mein Gesicht wurde weiß wie Ziegenkäse.

Eine Frau am Steuer eines Autos. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Ich selbst habe das Autofahren nach meinem Studium begonnen. Ich kehrte zu meiner Familie zurück und versuchte es zu lernen. Mein Bruder war damals zehn Jahre alt und fuhr bereits wie ein Weltmeister. Er steuerte das Auto durch die Straßen wie ein alter Hase. Führerschein? In Syrien lacht man darüber.

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Als ich bei ihm auf dem Rücksitz einstieg, sah ich, dass die Leute überrascht und ängstlich waren. Sie liefen weg im Irrglauben, dass das Auto ohne Fahrer fährt - oder von einem Djinn, also einem Geist, gelenkt wird. Was soll man auch anderes denken? Mein Bruder war damals 110 Zentimeter groß und hinter dem Lenkrad praktisch unsichtbar. Er legte sich zwar ein Kissen unter, um überhaupt etwas sehen zu können, doch die Leute sahen ihn nicht. Ich fühlte mich verlegen, weil er fuhr und ich es mit 25 noch nicht konnte. Also kaufte ich ihm fortan Eis oder Kuchen, im Gegenzug gab er mir Unterricht.

Als ich in Deutschland ankam, erstaunte mich der defensive Fahrstil. Auf den Straßen sind so viele Autos unterwegs und trotzdem passieren kaum Unfälle - anders als in Syrien - wo nur ganz wenige Frauen Auto fahren. Demnach hätte ich mich im Wagen von Valerie also eigentlich besonders sicher fühlen müssen.

Eine Fahrt mit einem Spezl von München nach Nürnberg führte dazu, dass ich mich dazu entschloss, den deutschen Führerschein zu machen. Als mein Kumpel immer müder wurde, bot ich ihm meine Fertigkeiten am Steuer an, da fuhr er beinahe aus der Haut. "Du hast doch keinen Führerschein!" Ich machte es nicht besser, als ich ihm erklärte, dass man den Polizisten notfalls ein paar Scheinchen zustecken könnte - nach syrischer Art. Meine Empfehlung bestärkte ihn darin, mich keinesfalls ans Steuer zu lassen.

In Syrien kann man eine Fahrerlaubnis sehr einfach bekommen, sehen will sie aber praktisch nie jemand, und wenn, dann reicht eine kleine Bestechung. Hier in Bayern lerne ich das Fahren nun neben einem zertifizierten Lehrer am Beifahrersitz. Man muss jede Kleinigkeit beachten, sogar Tiere, wer eines überfährt, riskiert eine Geldstrafe. In Syrien habe ich mal allein auf einer Kurzstreckenfahrt zum Einkaufen drei Hühner und ein Schaf überfahren - was Valerie bestimmt nie passieren würde. Sei's drum. Ich bezahlte dem Besitzer den Preis, sparte mir den Einkauf, packte alles ein und lud meine Freunde zum Essen ein. In meinem neuen Wohnort Kirchseeon hüte ich mich jedoch davor, ein Wildschwein im Ebersberger Forst zu überfahren. Dessen Fleisch würden viele meiner Freunde verweigern.

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.