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Neue Heimat :Das Einmaleins des Ziegenhirten

Lehrer kümmern sich in Deutschland anders um ihre Schüler als in Syrien.

(Foto: Robert Haas)

In seiner Heimat Syrien hatte unser Autor Lehrer, die Fehler mit Stockhieben bestraften. Auch deswegen ist er über den lockeren Umgang in Münchens Schulen erstaunt.

Fünf Kinder und eine Frau sitzen in der S-Bahn: "Warum ist die Bahn so lang. Warum fährt sie nicht auf der Straße?" Warum? Warum? Warum? Mit großer Geduld antwortet die Frau auf jede einzelne Frage. Wie sehr sich diese Mutter um ihre Kinder bemüht. Nur fragte ich mich, wieso die Kinder "Frau Müller" zu ihr sagten. Die Auflösung: Sie ist die Lehrerin. Eine Klasse auf Exkursion.

Bayerische und syrische Lehrer haben eine Gemeinsamkeit: Sie verteilen Zeugnisse, so wie an diesem Freitag, mit Noten von eins bis sechs. In Syrien geht es von eins bis vier. Womit wir schon bei den Unterschieden sind: Es geht damit los, dass ein Lehrer in München weder mit einem Stock noch mit einer Peitsche ausgerüstet ist - das Schülerleben gewinnt dadurch enorm an Qualität. In Syrien gibt es keine Ausflüge. Der Lehrer betritt das Klassenzimmer in der Manier eines Generals und grüßt kurz. Die Schüler stehen der Reihe nach auf wie Soldaten und dürfen sich nicht setzen, ehe der Lehrer es ihnen befiehlt. Wer sich widersetzt, bekommt es schmerzhaft zu spüren.

Freizeit in München Der Lesedurst der Münchner ist unermesslich
Neue Heimat

Der Lesedurst der Münchner ist unermesslich

In seiner Heimat Syrien hat unser Autor immer nur heimlich einen Blick in ein Buch geworfen. In München lesen dagegen viele Menschen, und das in aller Öffentlichkeit.   Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Momentan arbeite ich in einer Grundschule in München und bin jeden Tag aufs Neue erfreut über den Umgang hier. Als ich den Lehrer der ersten Klasse zu Gesicht bekam, wirkte er sehr respekteinflößend, was wahrscheinlich an dem dicken Brillengestell lag. Ich bedauerte seine zukünftige Klasse schon innerlich. Doch als eine Gruppe in der Pause zu ihm ging, war er sehr freundlich und sprach mit leiser Stimme.

In Syrien ist der Lehrer üblicherweise weniger liebevoll. Er trägt einen Holzstock in der Hand, und wenn der Schüler falsch antwortet, bestraft er ihn mit einem Stockhieb auf die Hände - zumindest bei kleinen Fehlern. Bei großen Vergehen holt er ein altes Stromkabel aus der Schublade. Der Schüler muss dann Schuhe und Socken ausziehen und bekommt einen Peitschenhieb auf seine nackten Füße. Warum das so ist? Ein Teil der Antwort liegt wohl im System. In Syrien ist der Druck auf die Lehrer sehr groß, der Lohn reicht kaum zum Leben, und viel zu wenige von ihnen unterrichten viel zu viele Schüler - Disziplin ist daher ein hohes Gut. Schwer denkbar, dass ein syrischer Grundschullehrer im Unterricht Zeit findet, mit den Kindern Perlenketten zu basteln, die Schulstunde im Freien zu verbringen, Theater zu spielen oder zusammen zu musizieren.

Ein Kindheitserlebnis muss hier noch Erwähnung finden. In der dritten Klasse hatten wir einen Lehrer, vor dem sich alle fürchteten. Ein großer Mann, der im Nebenberuf Ziegen züchtete. Es hieß immer, sein Ziegenstock würde besonders wehtun, weswegen keiner nur ansatzweise aufmuckte. Wenn wir nach der Schule Fußball spielten, sahen wir ihn oft von weitem beim Ziegenhüten, weil die Hufe der Tiere den Staub aufwirbelten. Immer wenn sich die Wolke näherte, schnappten wir den Ball und flüchteten. Eines Tages näherte er sich ohne seine Tiere. Plötzlich stand er da, ganz ohne Stock und fragte, ob er mitspielen dürfe. Wir sagten ja. Und am Ende gaben wir uns alle einen Handschlag.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.