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Nachruf:Der Erfinder des Wohnwürfels ist tot

Blick vom Fernsehturm in München, 2015

Das Studentendorf im Olympiapark aus dem Jahr 1972 hat Werner Wirsing konzipiert. Im Jahr 2009 ist es mit mehr als 1000 leicht verkleinerten Wohneinheiten rekonstruiert und wieder eröffnet worden.

(Foto: Claus Schunk)

Mit dem Olympiadorf der Frauen in München hat Architekt Werner Wirsing ein Musterbeispiel für verdichtete Quartiere geliefert.

Von Gottfried Knapp

Wie kann man die Grundfunktionen des Wohnens so ineinanderflechten, dass bei einem Neubau möglichst wenig Raum verbraucht und möglichst wenig Material verschwendet wird? Mit solchen Gedanken hat sich der Kriegsheimkehrer und verspätete Architektur-Student Werner Wirsing im zerstörten München beschäftigt, als er 1948 vom amerikanischen Besatzungsoffizier Hermann Mau, dem späteren Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, den Auftrag bekam, für ein geplantes Studenten- und Lehrlingswohnheim einen Architekturentwurf zu liefern.

Wirsing, der noch kein Diplom hatte, schlug für das leer geräumte Gelände am Anfang der Heßstraße einen im Grundriss H-förmigen zweigeschossigen Bau mit zwei parallelen Zimmertrakten und einem elegant aufgeständerten Verbindungsbau vor. Dieses Gebäude ließ sich in Längsrichtung leicht verdoppeln, wodurch ein geräumiger Garteninnenhof entstand.

Heute steht die harmonisch in den Maßmannpark eingebettete Wohnheimsiedlung Maßmannplatz als Pionierbau des modernen, aber extrem sparsamen sozialen Bauens unter Denkmalschutz. Und sein Schöpfer gilt als der wichtigste Experimentator auf dem Gebiet des studentischen Wohnens. Direkt nach dem Studienabschluss wurde Wirsing Leiter des Baubüros des Bayerischen Jugendsozialwerks, das überall im Lande Studentenwohnheime und Bildungsbauten errichtete.

Wo Wirsing beteiligt war, hat er auf die jeweilige stadträumliche oder landschaftliche Situation mit individuellen Ideen reagiert. So dürften auch seine musische Bildungsstätte in Remscheid und das gemeinsam mit Johannes Ludwig entworfene Jugendzentrum Frankenhof in Erlangen irgendwann unter Denkmalschutz gestellt werden.

Am eindrucksvollsten hat Werner Wirsing die Funktionen eines Wohnhauses aber ineinandergeflochten, als er den Auftrag bekam, die Bauten für das Frauendorf der Olympischen Spiele 1972 in München zu entwerfen. Fest stand damals nur, dass die Häuser dieses Dorfteils, der ja direkt an den entstehenden Park grenzte, im Gegensatz zum Männerdorf flach sein sollten. Und da Wirsing jeder der Olympiateilnehmerinnen ein eigenes Haus bieten wollte, entwarf er würfelförmige, zweigeschossige Bungalows von vier Metern Breite, in die der Wohn-, der Schlaf- und der Küchenteil so hineinmodelliert waren, dass oben noch Platz für eine geräumige Terrasse war.

Simpler Grundschnitt, einfacher Bau

Diese Wohncontainer wurden samt Sanitäreinrichtungen so vorgefertigt, dass sie als Einheiten angeliefert und mit dem Kran nebeneinander gesetzt werden konnten. Nach den Spielen mutierte das Sportlerdorf zum beliebtesten Studentendorf der Stadt, denn jeder Mieter durfte seine Fassade nach eigenen Vorstellungen gestalten.

Aber auch jenseits der studentischen Bedürfnisse, als extrem verdichteter urbaner Raum, als Wohnsiedlung mit schmalen Gassen und kleinen begrünten Plätzen, als eine Art moderner Kral, verkörpert Wirsings Olympiadorf ein planerisches Ideal, ja eine städtebauliche Utopie, über deren Vorbildfunktion viel geschrieben worden ist, die aber kaum irgendwo Nachfolger gefunden hat. Als freilich die Dächer im Studentendorf saniert werden mussten, hat man die Utopie ein zweites Mal realisiert: Man hat die 800 Bungalows in leicht verkleinerter Form nachgebaut, noch einmal aufgestellt, ja um 250 Einheiten erweitert.

Wie erst jetzt bekannt wird, ist Werner Wirsing am 29. Juli im Alter von 98 Jahren in München gestorben.

© SZ vom 03.08.2017/vewo

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