SZ-Serie: Künstlerpärchen:Hingabe steckt im Detail

Evi Keglmeier und Thomas Steierer

Musikerin Evi Keglmeier und Kabarettist Thomas Steierer halten es nicht nur auf Abstand gut miteinander aus, sondern auch in der Enge eines Lockdowns.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Liebe, Zoff und Musenküsse, Folge 5: Die Musikerin Evi Keglmaier und der Kabarettist Thomas Steierer fanden erst im zweiten Anlauf zueinander. Jetzt ergänzen sie sich perfekt.

Von Oliver Hochkeppel

Umzugskartons stehen herum, und das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Vor einem Monat sind Evi Keglmaier und Thomas Steierer umgezogen, aber bevor sie alles auspacken können, wollen erst noch ein Wasserschaden und andere Kleinigkeiten repariert werden. Ansonsten sei es traumhaft, hier in einer der ruhigsten und grünsten Ecken Laims, sagen die beiden. Nur einen direkten Nachbarn gibt es, mit dem sie sich wie mit einigen anderen schon angefreundet haben, aus der Ferne hört man oft jemanden "virtuos Klavier spielen", das Neue Rex ist ums Eck, "das ist ein tolles Arthouse-Kino, da sind wir gleich drin gewesen." Auf Anhieb hätten sie sich hier so heimisch gefühlt wie nie in den fünf Jahren im Westend zuvor.

Bis in der Idylle Laims alles fertig ist, wird es aber wohl noch eine Weile dauern. Schließlich schreibt der Kabarettist Thomas Steierer gerade an seinem neuen, zweiten Soloprogramm, und auch bei der einst durch Zwirbldirn bekannt gewordenen Musikerin Evi Keglmaier nimmt der Job langsam wieder Fahrt auf. Mit dem schon vor Corona bereits auf CD veröffentlichtem Projekt Keglmaier, einem lakonisch-poetischen Duo mit dem Schlagzeuger Greulix Schrank, geht es wieder los, zum Beispiel haben sie gerade die "euward8"-Finissage und Preisverleihung im Haus der Kunst musikalisch begleitet. Und auch die Hochzeitskapelle, in der sie mit Alex Haas, Mathias Götz und den Brüdern Markus und Micha Acher laut Band-Selbstbeschreibung "Rumpeljazz vom Feinsten" spielt, unter anderem schon auf Japan-Tournee war und den Deutschen Filmpreis für den Soundtrack zu "Wackersdorf" gewonnen hat, kommt langsam wieder ins Geschäft.

Sie war ihm schon lange aufgefallen

Ihre erste Begegnung hatten Keglmaier und Steierer 2009, beim Poetenstammtisch im Fraunhofer. "Da haben wir uns zum ersten Mal gesprochen", erinnert sich Steierer, "aber dann ist die Evi zum Rauchen rausgegangen, und ich als Nichtraucher blieb drinnen." Drei Jahre später, wieder im Fraunhofer, lief es besser. Keglmaier hatte einen Gastauftritt beim Hasemanns Töchter, und Steierer war da, weil er kurz zuvor mit Julia Loibl ein Interview gemacht hatte. Nach dem Auftritt kam man wieder ins Gespräch, diesmal nachhaltiger. "Ich hab mich schon noch an ihn erinnert", sagt Keglmaier, "er war ja ein Praktikumskollege von meiner Zwirbldirn-Partnerin Maria Hafner, deshalb hatte ich ihn schon ein paar Mal gesehen." Sie war ihm schon lange aufgefallen.

Nun also verabredeten sie sich, und der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt. Der 39-jährige Mann des Wortes, der damals noch nicht selbst auf der Bühne stand, sondern nach dem Politik-, Philosophie- und, Achtung, Theologiestudium als freier Journalist (vom BR und der AZ bis zur Obdachlosenzeitung Biss) und Werbetexter unterwegs war, und die breitbandig im Schulmusikstudium ausgebildete Exponentin der Neuen Volksmusikszene (an der Geige groß geworden, spielt sie heute hauptsächlich Bratsche und Tuba) wuchsen und zogen zusammen. Die Nagelprobe, wie sie sagen, waren dann die Lockdowns. "Da haben wir gemerkt, dass es auch funktioniert, wenn wir ungewohnt lang aufeinander sitzen."

Im Mai 2020 haben sie geheiratet, in der Mandlstraße. "Es war der erste Tag, an dem die Biergärten wieder öffnen durften," erinnert sich Steierer. "Wir hatten den Termin trotz Corona bewusst so angesetzt und auch nicht verschoben. Es war dann ganz lustig. Fünf Leute durften in den Saal, zwei Zeugen und der Josef Brustmann als Musiker, der eigentlich auf 25 Personen beschränkte Rest hat draußen gewartet. Dort haben wir dann problemlos unseren Sektempfang gemacht, während 500 Meter weiter alle von der Polizei gefilzt wurden." Und Keglmaier ergänzt: "Der Josef war eher unser geistlicher Beistand als die Standesbeamtin. Er hat das wahnsinnig charmant gemacht und uns sozusagen ganz leicht in den Ehestand hinüber geschubst." Etwas ungleich verteilt war die Zahl der Familienangehörigen. Der geborene Münchner Steierer hat nur eine kleine Familie - "ich war wie schon meine Eltern ein Einzelkind"-, die aus Landshut stammende Keglmaier eine ungleich größere. Allein vier Geschwister gibt es, "meine älteste Schwester ist schon Großmutter." Plötzlich so viel Anhang zu haben, gefällt Steierer richtig gut, zumal Landshut beide verbindet: Auch Steierer hat dort verwandtschaftliche Wurzeln und mag die Stadt.

Ihre Freundeskreise sind inzwischen miteinander verschmolzen

Eine gemeinsame, verbindende Basis, von der aus jeder den anderen bereichert - das gilt für viele Bereiche ihrer Partnerschaft. Insbesondere natürlich für ihre kulturellen Interessen. "Dank Thomas weiß ich immer, welche interessanten neuen Bücher man lesen muss. Und welche Indie-Bands gut sind. Ich komme ja eher von der Klassik und kannte mich da nie so aus", sagt Keglmaier. "Mir hat sie natürlich einen ganz anderen, direkten Zugang zur Musik eröffnet", gibt Steierer zurück. "Und manche meiner jetzigen Lieblingsband wie Die Strottern hätte ich ohne sie wohl nie entdeckt." Auch die Vorliebe für Ironie und schwarzen, tragikomischen Humor haben sie beide. Weshalb beide früh zum Kabarett Zugang fanden. "Schon meine Eltern liebten Kabarett", erzählt Keglmaier. "Mein Vater ist mit uns zum Zimmerschied oder zum Bairisch-Diatonischen Jodelwahnsinn gegangen. Und es geht die Legende, dass meiner mit meiner ältesten Schwester schwangeren Mutter bei einem Lachanfall über das Silvesterprogramm der Lach- und Schießgesellschaft mit Dieter Hildebrandt die Fruchtblase geplatzt ist. Sie war sonst eine ganz Ruhige mit einer tendenziell melancholischen Ader." "Da kann ich nicht mithalten", entgegnet Steierer, "bei mir ging es mit Polt los, dann seit ,Indien' war ich auch ein großer Fan von Josef Hader."

Ihre Freundeskreise sind inzwischen miteinander verschmolzen. "Es war mir ohnehin schon immer wichtig, dass der nicht nur aus Kollegen besteht, mit denen es sich auch zerschlagen kann, sondern auch Leute, mit denen ich beruflich überhaupt nichts zu tun habe", sagt Keglmaier. Trotzdem halten die beiden Privates und das konkrete berufliche Arbeiten getrennt. "Natürlich besuchen wir gegenseitig unsere Vorstellungen, wenn es geht, und geben uns Feedback. Und wir zeigen uns gegenseitig, woran wir arbeiten. Aber konkret macht jeder für sich sein Ding. Wenn ich einen Songtext schreibe, höre ich mir an, wie Thomas ihn findet. Aber am Ende mache ich es, wie ich will." Steierer ist schon deshalb gewissermaßen in seiner Blase, weil er für seine Programme all das verarbeitet, was er seit Jahrzehnten gesammelt und "schon für die Schublade geschrieben" hat. "Bei mir dauert es Jahrzehnte, bis es sich umsetzt", scherzt er. Wobei nicht ausgeschlossen ist, dass sie etwas gemeinsam auf die Beine stellen. "Manche sagen ohnehin, dass es inhaltlich Überschneidungen gibt bei dem, was wir machen", sagt Steierer. "Ich habe ja zuletzt mit dem Greulix Schrank nicht nur Keglmaier gemacht, sondern auch einige Hörspiele vertont, was ein riesiger Spaß war. Sowas könnte ich mir auch mal mit dem Thomas vorstellen", setzt Keglmaier nach.

Vor allem Steierer wird dafür freilich so schnell keine Zeit haben. Er will sich erst in der Kabarettszene etablieren, in der er als Spätstarter einen sensationellen Einstieg hatte. Im Dezember 2017 gewann er überlegen das Passauer Scharfrichterbeil, den wohl renommiertesten Nachwuchspreis der Republik, ohne vorher einen einzigen abendfüllenden Auftritt absolviert zu haben. Die danach heftig eintrudelnden Buchungen waren dann eher noch eine Orientierungs- und Experimentierphase. "Es hat sich dann stark professionalisiert", sagt er. Auch der Künstlername Metromadrid wird dieser Entwicklung vermutlich zum Opfer fallen. Wohl schon beim zweiten Programm, an dem er gerade heftig arbeitet. "Immer weiter" wird es heißen, und "mehr Theaterstück sein als Ablachentertainment", wie Steierer erklärt. Im Herbst ist, so es Corona zulässt, Premiere. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird da auch Evi Keglmaier dabei sein.

Zur SZ-Startseite
Foto: Florian Wagner  - nur für Leuteseite

SZ PlusFotografie
:"Diese Reise hat meine Sicht auf die Welt verändert"

Für seine Fotoreportagen ging Florian Wagner mit Mongolen auf Adlerjagd und durchquerte Deutschland auf dem Pferd. Eine Geschichte über die Suche nach dem perfekten Augenblick.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB