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Wie Künstler die Krise meistern:Wenig zu lachen

Josef Brustmann beim Paddeln

Oft auf dem Wasser - hier beim Kajakfahren am Starnberger See -, selten auf der Bühne ist der Kabarettist Josef Brustmann in Zeiten von Corona.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der Kabarettist Josef Brustmann zieht eine bittere Bilanz

Von Jessica Schober, Icking

Drei Wollwürste - das war die beste Unterstützung, die der Kabarettist Josef Brustmann aus Icking seiner eigenen Aussage nach während der Coronakrise erhalten hat. Von einer Bäuerin in einem Hofladen seines Vertrauens bekam er die Wollwürste zugesteckt mit dem fürsorglichen Hinweis: "Mei, euch Künstlern geht's doch grad so schlecht." Falls seine Bühnenauftritte dauerhaft ausbleiben sollten, versprach ihm die Landwirtin noch Eier und Kartoffeln zur Notversorgung. So weit ist es bisher nicht gekommen. Und doch sieht die Lage für den Kabarettisten derzeit mau aus. Er hat 3000 Euro aus dem bayerischen Künstlerhilfeprogramm bekommen - jedoch erst, als er den Antrag noch ein zweites Mal stellte.

Seine Bilanz trägt der Berufskomiker eher verbittert vor: viereinhalb Monate Totalausfall und keine Perspektive in Sicht. "Jeder Kurzarbeiter kriegt monatelang Unterstützung. Bloß bei den Künstlern ist man schon extrem sparsam mit dieser dreimonatigen Einmalzahlung."

Mitte März hatte Brustmann seinen letzten Auftritt in Berlin. "Ich bin jetzt das erste Mal in meinem Leben arbeitslos", sagt der Tausendsassa, der in seinem früheren Leben mal Musiklehrer war, jetzt aber singt, schreibt, dichtet und bei Gelegenheit gern kalauert. Im Moment lebt er von Rücklagen und wartet darauf, wieder auf die Bühne zu dürfen. "Ich hab' die Zeit genutzt und ein Buch geschrieben", erzählt er. Es sei ein autobiografisches Werk auf den Spuren seiner zwei suizidalen Großväter geworden, für das er noch einen Verlag suche, erzählt Brustmann. Dass man von einem Kabarettisten ständige Pointen in noch so trüben Zeiten erwarte, habe ihn zuletzt auch ein wenig genervt. Statt Witze zu reißen, hat er viel Musik gemacht und ist jeden Tag im Kajak raus auf den Starnberger See gefahren. "Es war manchmal auch eine geile Zeit."

Im Juli spielte er immerhin fünf Konzerte, einen seiner ersten Auftritte hatte er in einem Autokino in Augsburg. "Es ist natürlich ein bisschen entwürdigend, vor hupenden Autos Witze zu erzählen", wie er sagt. Aber bevor er Hartz IV beantrage, mache er lieber Straßenmusik in der Fußgängerzone. "Man kann sich da schon irgendwie durchfriemeln."

Brustmanns Frau hat eine Künstleragentur. "Da wurden viele Termine erst mal von März auf Juni verschoben und jetzt gibt es Absagen bis in den Herbst hinein." Seine anfänglichen Experimente mit Livestreaming hat Brustmann erst einmal eingestellt. Unter Bühnenkünstlern setze da langsam ein Umdenken ein, auch wenn viele sich online ausprobiert hätten. "Man merkt jetzt, wie wichtig der Kontakt zwischen Künstler und Publikum ist. Ich habe beim Livestreaming schon manchmal mit waidwundem Herzen in die Kamera geschaut", sagt Brustmann.

© SZ vom 05.10.2020

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