Anlaufstelle ohne Anmeldung:Die Rettung liegt im Untergrund

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Anlaufstelle ohne Anmeldung: Offene Türen für Menschen in akuter Not: Seit 50 Jahren ist die "Münchner Insel" im Zwischengeschoss des Marienplatzes Anlaufstelle für Hilfesuchende. Einer ihrer Leiter ist Norbert Ellinger.

Offene Türen für Menschen in akuter Not: Seit 50 Jahren ist die "Münchner Insel" im Zwischengeschoss des Marienplatzes Anlaufstelle für Hilfesuchende. Einer ihrer Leiter ist Norbert Ellinger.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit 50 Jahren hilft die "Münchner Insel" im Zwischengeschoss des Marienplatzes Menschen, die akut in eine Krise geraten sind - weil der Partner die Familie sitzen gelassen hat, das Geld nicht mehr reicht oder der Arzt eine schlimme Diagnose verkündet hat.

Von Andrea Schlaier

Für viele Menschen liegt die Rettung im Zwischengeschoss des Marienplatzes. Dort, wo die meisten zu U-und S-Bahn hasten, findet sich ganz unscheinbar ein Raum, den man unangemeldet betreten kann, wenn's im eigenen Leben brennt: Weil einem der Arzt eben eine schwere Krankheit verkündet hat, der Partner sich für eine Zukunft ohne die Familie entscheidet, das eigene Kind verunglückt ist, die Stimmen im Kopf brüllend laut sind oder die Nebenkosten alles aufgefressen haben, was an Erspartem noch auf dem Konto lag. Seit 50 Jahren ruht die "Münchner Insel" als ökumenische Krisen- und Beratungsstelle hier unten im Herzen der Stadt. Ein Netz aus Fachleuten nimmt sich Zeit fürs Gespräch, bietet schnelle, praktische Unterstützung und betreut, die die anlanden, psychologisch, seelsorgerisch und juristisch. Dafür braucht's weder Anmeldung noch Krankenschein und Geld schon gar nicht.

Als München die Zusage zu den Olympischen Spiele bekommen habe, habe es sich neu erfunden: als weltoffene Stadt mit Herz. "Die Kirchen hier haben sich gefragt, was kann man dieser Stadt mit Herz Gutes tun?" Norbert Ellinger umschreibt so den Impuls zur Gründung der Münchner Insel. Seit einem Jahr ist der evangelische Pfarrer ein Teil des Leitungs-Duos der ökumenischen Einrichtung, die von den beiden großen Kirchen getragen wird. Den katholischen Part übernimmt federführend Sybille Loew. "Wir wollen für Menschen in Not da sein - egal welchen Glauben und welche Herkunft sie haben."

Von der ersten Stunde an sind die Münchner auch gekommen. "Trennung und Scheidung war damals noch was Besonderes", sagt Ellinger. "Da ging's los, dass sich die Leute getraut haben, über ihre Probleme zu sprechen." Das gelte auch für psychische Schwierigkeiten - bis heute ein tabuisierter Bereich. Krisen in menschlichen Beziehungen sind, wenn man so will, der rote Beratungsfaden in den vergangenen Jahrzehnten.

In den letzten Monaten seien wieder besonders viele Ehepaare gekommen. "Ich hab' das Gefühl, dass in der schweren Corona-Zeit viele vielleicht noch zusammengehalten haben, aber die Beziehung wurde auf die Probe gestellt." Und drohe jetzt zu zerbrechen. Wo aber hin, wenn das gemeinsame Nest nicht fortbesteht? Wie eine bezahlbare Wohnung in dieser Stadt finden, für die geteilte Familie?

Wer den Weg hierher findet, ist in der Regel im Blaulicht-Modus, Ellinger spricht von "akuter Krisenhaftigkeit": ein Schicksalsschlag, ein Todesfall in der Familie, eine schlimme Nachricht. Bis vor einem Jahr war der 58-Jährige Leiter der Telefonseelsorge München. "Da rufen viele Menschen an, die chronisch in der Krise sind. Da gibt's viel mehr Stammgäste. Die Themen und die Massivität in der Insel sind schon nochmal heftiger."

Letzte Woche war eine Frau bei ihm, die Angst vor ihrem gewalttätigen Mann hatte. In solchen Fällen nehmen die Insel-Helfer Kontakt zu anderen Einrichtungen auf, in diesem Beispiel dem Frauennotruf. Die Beraterszene in der Stadt ist eng vernetzt. Selbst die Rentenversicherungsanstalt wird aktiv eingebunden, wenn das Ruhegeld das Konto einer Seniorin mal nicht erreicht. Geöffnet ist die Insel von Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr, Ausnahme ist der Donnerstag, dann öffnet sich die Tür von 11 bis 18 Uhr.

Entscheidend für die große Akzeptanz des Angebots - seit Jahren kommen um die 8000 Menschen jährlich - sei die gewährte Anonymität. "Viele sind nach dem Gespräch erstaunt", sagt Ellinger. "Sie machen keine Aufzeichnungen und brauchen meine Krankenkarte gar nicht?" Sehr dankbar seien die kirchlichen Träger, so der Theologe, dass die Landeshauptstadt München einen "nicht geringen Beitrag für die Miete da unten zahlt und unsere Arbeit sehr tatkräftig unterstützt".

In einem ökumenischen Festgottesdienst wird an diesem Mittwoch, 12. Oktober, um 16 Uhr in der St. Markuskirche, Gabelsbergerstraße 6, das 50-jährige Bestehen der Münchner Insel gefeiert.

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