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Porträt:Der große Unbekannte

Druckgrafiken faszinieren den Sammler Walter Kames seit seiner Schulzeit. Doch er engagiert sich auch für andere Künste - wie die Musik.

(Foto: Stephan Rumpf)

Walter Kames spendet Millionen für Musikstudenten. Der Münchner hielt sich gern im Hintergrund. Jetzt ist Schluss damit.

Von Susanne Hermanski

Es gibt Mäzene in Bayern, die kennt man. Sie ließen sich vom Freistaat schon eigene Museen bauen, treten gern in die Öffentlichkeit und sprechen gut und gerne über ihr Engagement. Walter Kames war in diesem Punkt bislang relativ zurückhaltend. Kaum jemand nickt wissend, wenn sein Name fällt. Jetzt kann und soll sich das ändern, wenn es nach Walter Kames geht, denn der Mann sucht Nachahmer. "Gerade jetzt", sagt der Unternehmer und Sammler, "wo die Corona-Krise in der Kultur noch schlimmere Probleme mit sich bringt". Eines dieser Probleme bekämpft Kames ganz konkret: die Wohnungsnot speziell von jungen Musik- und Tanzstudenten in München.

Denn gerade die Musiker stehen auf dem verheerenden Wohnungsmarkt in München vor einem doppelten Kummer. "Kommt einer von ihnen mit einem Geigenkasten zur Wohnungsbesichtigung, können Sie sich vorstellen, wie trübe die Aussichten für ihn sind", sagt Kames, der Musikliebhaber. Deshalb hat er nun eine Spende in Millionenhöhe geleistet. Der exakte Betrag wird nicht veröffentlicht, doch klar ist, in der Folge werden in Schwabing-West 80 Wohnheimplätze für Studierende der Hochschule für Musik und Theater München entstehen. Und das in Windeseile. Denn Kames und die Musikhochschule kooperieren mit dem Münchner Studentenwerk, und dieses hat ein bereits laufendes und genehmigtes Projekt in der Agnesstraße, bei dem mangels Finanzierung der nächste Bauabschnitt nicht verwirklicht werden konnte. Das ist jetzt anders. "Und ich bin sicher, wenn alles gut weiterläuft, stehen diese 80 Wohnungen den jungen Musikern und Tänzern schon im Sommer nächsten Jahres zu Verfügung."

Studentenwohnheim Adelheidstraße

Das Studentenwohnheim an der Agnes- und Adelheidstraße erhält dank der Millionenspende von Walter Kames bald Zuwachs.

(Foto: Henning Koepke)

Wer Walter Kames einmal persönlich kennengelernt hat, der weiß, dass diese freundlichen Worte auch eine Art Kampfansage sind. Der ehemalige Banker Walter Kames hasst Trödelei und bürokratische Schwerfälligkeit. "Fünf Jahre lang sind wir mit der Summe, die wir jetzt gespendet haben, vergeblich herumgelaufen", sagt Kames, der nicht gern ein Blatt vor den Mund nimmt. "Wir haben Verantwortlichen der Stadt und des Freistaats angeboten, in Projekte einzusteigen, die Wohnraum für junge Künstler schaffen. Aber nichts hat funktioniert, bis wir gemeinsam mit der Musikhochschule auf diese Lösung mit dem Studentenwerk gestoßen sind."

Walter Kames ist einer, der selbst wohl schon immer auf Zack war. Kunst sammelt er, seit er sein erstes Praktikum gemacht hat. Damals war er noch Schüler und jobbte bereits an der Börse. In seiner Heimatstadt Düsseldorf, auf seinen Wegen zur Arbeit, kam er an verschiedenen Antiquariaten vorbei. Und dort im Schaufenster lachte ihn etwas an, dass just jene Welt aufs Korn nahm, die der Sohn eines Gastronomen gerade neu entdeckte: die Karikaturen des französischen Zeichners Honoré Daumier (1808-1879). Auf dessen satirischen Blättern tummeln sich die Spekulanten, da geht es um Finanzmarktkrisen und Korruption, um politischen Opportunismus und - jawohl - um Wohnungsnot.

Von seinen ersten "erwirtschafteten Überschüssen", so Kames, kaufte er sich Daumiers Meisterstückchen und noch viele andere grafische Blätter, die ihn faszinierten. Darunter alte Aktien. Wohlgemerkt nicht jene, die noch im Verkehr waren, sondern die physischen, in den frühen Jahren des Aktienhandels oftmals extrem kunstvoll ausgefertigten Anteilsscheine. Und so ist Kames Sammlung auch in diesem Sektor heute enorm groß. Und es gehören Prachtstücke dazu wie die allererste Aktien der Deutschen Bank. Kames selbst sagt, er habe das Sammelgebiet Historischer Aktien "weltweit begründet".

Nach dem Studium ging Walter Kames nach München. "Mein Vater hatte andere Pläne für mich und wollte gern, dass ich ins elterliche Geschäft einstieg", sagt er, "da schien mir München gut, weil weit weg". Dort gründete er früh, in den Sechzigerjahren, sein Unternehmen für private Anlageberatung - und verkaufte es bereits Ende der Achtzigerjahre. Schon seit damals widmet er sich ganz seinen eigenen Anlagen. Doch er teilt auch. 2012 spendeten er und seine Frau der Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Das kunstsinnige Ehepaar Brigitte und Walter Kames überließ der Graphischen Sammlung mehr als 3000 Lithografien sowie 30 Holzschnitte. Vor allem vollständige Serien und frühe Arbeiten. Darunter auch einige Blätter von Daumier, die danach bis 2013 in der Ausstellung "Monsieur Daumier, Ihre Serie ist reizvoll! Die Stiftung Kames" zu sehen war. Dem Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster übergab er 2018 weitere 300 Grafiken des französischen Karikaturisten und zudem 69 Karikaturen von Zeitgenossen Daumiers.

Doch wer nun denkt Walter Kames hätte sich als Sammler weitgehend monothematisch ausgerichtet, der irrt und frage beispielsweise Musikhochschulpräsidenten Redmann. Denn der hat aus Kames Besitz unter anderem den Konzertflügel von Udo Jürgens erhalten. Ob der einmal zum Einsatz kommt? Vielleicht wird daran ja bald schon einer der jungen Musiker mit brandneuer Studentenwohnung glücklich. Walter Kames aber ist etwas anderes wichtiger: "Ich will anderen Spendern Mut machen. Der Einsatz für Kultur lohnt sich. Vielleicht braucht man an einigen Punkten einen langen Atem", sagt er und klingt dabei energisch wie stets. "Aber es ist möglich, mit fast jeder Summe einen Beitrag zu leisten." Im Zweifel fragt man ihn.

80 Wohnungen für junge Künstler

An diesem Mittwoch war es soweit: Der Bratscher Diyang Mei und ein Trio des Jazz Instituts Musikhochschule stimmten festliche Klänge an im Kleinen Konzertsaal der Arcisstraße 12, die Unterschriften unter den Spendenvertrag wurden gesetzt. Die private Spende von Walter Kames ermöglicht den Neubau eines Gebäudes auf dem Gelände der studentischen Wohnanlage Agnes-/Adelheidstraße in Schwabing-West mit einem Bauvolumen, das nach derzeitigen Schätzungen rund 25 Millionen Euro umfasst. Fest steht: Es werden dadurch insgesamt 176 neue Wohnplätze entstehen, 80 davon werden für Studierende der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) reserviert. Außerdem ist der Bau mehrerer Musik- und Übungsräume geplant, um den jungen Musikern ein ungestörtes Musizieren und Üben zu ermöglichen.

Bernd Redmann, Präsident der Musikhochschule, weiß, wie bitter nötig in einer teuren Stadt wie München diese 80 Wohnheimplätze für seine Studenten sind. Denn musische Begabung geht nicht unbedingt mit einem reich gefüllten Geldbeutel der Eltern einher, die ihren Kindern eine entsprechende Wohnung finanzieren können. "Diese Wohnheimplätze sind ein wesentlicher Schritt, um den künstlerischen Nachwuchs in München nachhaltig zu fördern", sagt Redmann. Erschwingliche Studentenwohnungen oder gar Internatsplätze etwa für die jungen Eleveninnen und Eleven in der Ballettausbildung sind nicht nur ein lang gehegter Wunsch des Präsidenten der Musikhochschule. Auch der Chef des Bayerischen Staatsballetts Igor Zelensky und sein Vorgänger Ivan Liška haben in diesem Punkt immer wieder dringend Hilfe erbeten. Ebenso kämpfen die August-Everding-Stiftung und die Hochschule für Fernsehen und Film damit, ihre Studenten in der Stadt unterzubringen. HFF-Chefin Bettina Reitz hat sich dazu wiederholt geäußert.

Das Studentenwerk München ist zuständig für 15 Hochschulen und somit für 131 000 Studierende im Bereich Oberbayern. Mit seinen knapp 600 Mitarbeitern soll das Werk "einen wesentlichen Beitrag zur Chancengerechtigkeit im Hochschulsystem" leisten - so seine Selbstdefinition. Die Geschäftsführung des Münchner Studentenwerks hat seit 1. Mai 2020 Tobias M. Burchard inne. Er betont: "Wir würden uns über weitere Großspenden freuen, die unsere sozialen Dienstleistungen unterstützen." Denn das Studentenwerk München bietet etwa 11 000 Wohnplätze in seinen eigenen Wohnanlagen, doch der Bedarf ist weit größer. In den Mensen des Werks werden jährlich 4,5 Millionen Gerichte ausgegeben, es fördert mehr als 8000 Studierende nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), bietet den Studierenden ein Kulturangebot, betreibt ein umfangreiches Beratungsnetzwerk und 20 Kindertagesstätten. her

© SZ vom 09.07.2020

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