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Tiere im Winter:Vollgefressen und verschlafen

Mit dem angefressenen Fettvorrat kann die Haselmaus bis zum Frühling durchschlafen.

(Foto: Mauritius)

Viele müde Münchner Tiere verschlafen die kalte Jahreszeit, andere hamstern Wintervorräte. Und es gibt Tiere, die extra im Januar in die Stadt kommen, um hier auf den Frühling zu warten.

Von Thomas Anlauf

Winterliche Stille liegt über dem verschneiten Allacher Forst. Vereinzelt hüpfen Vögel durch die Äste, hin und wieder krächzen Krähen. Hier ist ein guter Ort, um ganz in Ruhe den Winter zu verbringen. Viele müde Münchner Tiere verschlafen die kalte Jahreszeit, andere hamstern Wintervorräte. Es gibt aber auch Tiere, die extra im Januar nach München kommen, um hier auf den Frühling zu warten.

Martin Hänsel vom Bund Naturschutz vermutet, dass hier im Allacher Forst gerade Haselmäuse schlafen. Entdeckt hat der Forstwirt zwar noch keine, aber der Standort wäre ideal. In der Nähe, im Lochhamer Schulwald, wurden mehrere Tiere gezählt. Doch jetzt im Winter sind von den kleinen Nagetieren ohnehin kaum Spuren zu finden. Schon im Herbst haben sie sich unter Laubschichten eingegraben und nun verschlafen sie den Winter tief und fest bis zum April. Die Überlebensstrategie der gerade mal sieben Zentimeter großen Bilche oder Schläfer (sie zählen nicht zu den Mäusen) ist radikal: Bis in den Herbst fressen sich die nachtaktiven Nager so voll, dass sie von den Fettreserven bis zu sieben Monate zehren können. Ihr Körpergewicht steigt im Sommer von 15 auf 40 Gramm. Das wäre, wie wenn ein 80 Kilogramm schwerer Mann mehr als 130 Kilo zunehmen würde. Doch die Haselmäuse nehmen über das halbe Jahr im Winterschlaf das angefutterte Gewicht wieder ab, obwohl sie im Schlaf eine Körpertemperatur knapp über dem Gefrierpunkt haben und nur alle fünf Minuten einen Atemzug machen.

Wenn sie im Frühling endlich aufgewacht sind, müssen sie möglichst schnell etwas zu fressen finden. Sie klettern dann in Sträucher und sogar hoch in die Baumwipfel und ernähren sich dort von Trieben, Blättern, Knospen und Insekten. Sie müssen schnell zu Kräften kommen, es könnte schließlich trotz des fortgeschrittenen Jahres noch einen Kälteeinbruch geben.

Wenn die Haselmäuse endlich ausgeschlafen sind, ist die Hummelkönigin schon lange unterwegs. Dank ihres pelzartig mit Haaren besetzten Körpers fliegt sie schon bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt los auf Nahrungssuche im Schnee. Sie ist ganz auf sich allein gestellt, denn die im Vorjahr befruchtete Hummelkönigin ist die einzige Überlebende ihres Staates. Die Überwinterungsstrategie der Hummeln, von denen es in Deutschland mehr als 40 Arten gibt, ist ziemlich gefährlich: "Der Erfolg eines Volkes hängt von einem einzigen Individuum ab", sagt Naturschützer Martin Hänsel. Doch diese Taktik haben auch Hornissen. Die Jungköniginnen nehmen zudem im Winter eine besondere Haltung ein: Sie schlagen ihre zarten Flügel vor den Bauch, um sie so vor Kälte zu schützen. Hornissen überwintern übrigens gerne zwischen gestapelten Holzscheiten. Wer aus Versehen mit dem Brennholz eine Hornissenkönigin ins Haus geholt hat, sollte sie mitsamt Holzscheit wieder vorsichtig zurückbringen, rät Hänsel.

Hornissenkönigin (Vespa crabro), Emsland, Niedersachsen, Deutschland, Europa *** Hornet Queen Vespa crabro , Emsland, Lo

Hornissenköniginnen überwintern gerne in Holzstapeln.

(Foto: Erhard Nerger/imago)

Der Weinbergschnecke macht ihr Winterquartier so schnell niemand streitig. Die Schnecke trägt ihr Haus bekanntlich immer mit sich herum. Und in der kalten Jahreszeit macht sie es sich darin gemütlich, nun ja, sie verfällt in eine Kältestarre. Zuvor hat sie sich allerdings einen großen Nahrungsvorrat angefressen, vor allem welke Pflanzenteile, aber auch Laub stehen auf ihrem Speisenplan. Im Herbst schält sich die Weinbergschnecke in die Erde, schlüpft in ihr Gehäuse und dichtet es mit einem Kalkdeckel ab. Dann kriecht sie so weit wie möglich ins Innere, um ein wärmendes Luftpolster zwischen sich und dem Deckel zu schaffen. "Im Winter gibt die Schnecke fast all ihre Flüssigkeit ab", sagt Hänsel. Damit sei sie vor Frost besser geschützt.

Etwa drei bis vier Monate bleibt die nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützte Weinbergschnecke in ihrem Winterquartier, ihr Stoffwechsel ist dann auf zwei bis drei Prozent ihres normalen Energieumsatzes reduziert. Wenn die Tage wieder länger und milder werden, stößt die Weinbergschnecke ihren Kalkdeckel wieder ab und kriecht an die Oberfläche. Das sollte sie jedoch nicht zu früh im Jahr tun: Wenn es einen Kälteeinbruch gibt, kann die vom langen Winter erschöpfte Schnecke nicht mehr auf die Schnelle einen neuen Kalkdeckel produzieren - sie erfriert im Frühling.

Der Eichelhäher sucht versteckte Nüsse.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In München schlafen die Tiere im Winter aber nicht nur, besonders die Vögel sind dann aktiv. Die in der Stadt relativ häufig vorkommenden Eichelhäher kann man nicht nur am Futterhäuschen im Garten beobachten. Sie sind auch häufig in Mischwäldern wie der Fasanerie zu Hause. Wie der Name sagt, sammelt er mit Vorliebe Eicheln, aber er frisst auch Bucheckern, Insekten und Raupen. Die Eicheln sammelt der Vogel mit dem rötlich-braun bis rosa gefärbten Gefieder und den schillernd-blauen Federn unterhalb der Schulter bereits im Sommer und versteckt sie überall in seinem Revier. Angeblich sammelt er bis zu 5000 Eicheln im Jahr. Klar, dass er sich da nicht alle Verstecke merken kann. "Wenn man im Wald eine einzelne Eiche sieht, dann war daran mit Sicherheit ein Eichelhäher beteiligt", sagt Martin Hänsel. Trotzdem bleiben dem Eichelhäher bei seiner Sammelwut immer noch genügend Nüsse, um gut über den Winter zu kommen.

Andere Vögel reisen sogar extra von weit her nach München. In den nächsten Tagen oder Wochen könnten zahlreiche Seidenschwänze hier landen. Das geschieht nicht in jedem Winter gleichermaßen. Aber die Vögel mit ihren markanten Federhauben ziehen scharenweise aus ihren Brutgebieten in der Taiga nach Süden, wenn dort das Futter knapp wird. Sie sind dann in der Stadt überall dort zu finden, wo es genügend Beeren gibt, also in Parks ebenso wie in naturbelassenen Gärten. Wenn ein Seidenschwanz erst einmal einen reich bestückten Beerenstrauch entdeckt hat, kennt er kein Halten mehr: Er frisst dann oft das Doppelte seines Körpergewichts.

Die Nebelkrähe kommt wegen des milden Klimas in die Stadt.

(Foto: Mauritius)

Auch die Nebelkrähe zieht in strengen Wintern häufig bis nach München. Für die hell- bis mittelgraue Krähe, die normalerweise in Russland und Skandinavien lebt (auch östlich der Elbe gibt es Populationen), ist das Klima in der Landeshauptstadt richtig mild. Vor einigen Jahrzehnten fühlten sich zahlreiche Nebelkrähen im großen Landschaftspark zwischen Blumenau, Laim und Pasing wohl. Heute sind es deutlich weniger geworden, die im Winter nach München ziehen. Womöglich liegt es daran, dass durch den Klimawandel die Winter in Nordeuropa so mild geworden sind, dass die Vögel gar nicht mehr nach Süden ziehen müssen. Dann bleibt im Winter eben für die Münchner Vögel mehr Futter übrig.

© SZ vom 11.01.2021
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