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Kunst:"Gemalte Bilder sprechen eine andere Bewusstseinsebene an"

Er komme von der Linie, sagt Meyer-Andreaus selbst.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die halbe Welt hat Jürgen Meyer-Andreaus schon bereist - und dabei stets gemalt, was er sah. Nun baut der gelernte Architekt seinen Sitz Tag für Tag am Viktualienmarkt auf.

Von Sabine Buchwald

Der Mann auf dem Klappstuhl fällt auf in diesen Tagen ohne Gedränge und Hektik auf dem Viktualienmarkt. Die Haare silbergrau, Mund und Nase mit weißem Stoff bedeckt. Der Oberkörper leicht nach vorne gebeugt über einen Bogen Papier, festgeklemmt auf einer Holzplatte. Neben dem Klappstuhl, auf dem Boden, liegen Aquarellkästen, die Grün- und Grautöne haben ausgefurchte Kuhlen. Auch das Ziegelrot ist bereits stark beansprucht. Das ist Dächerfarbe. Und hier sitzt einer, der malt, was er sieht.

Nein, man störe ihn nicht, sagt der Mann auf dem Klappstuhl. Jürgen Meyer-Andreaus, Dipl.-Ing, Architekt, Regierungsbaumeister, steht auf der Visitenkarte, die er aufs Pflaster legt. Auf der Rückseite ist die Hamburger Elbphilharmonie zu sehen, vom Fluss aus gemalt. Er habe noch viel, viel mehr Bilder zu Hause, murmelt Meyer-Andreaus unter seinem Mundschutz. Er ist vorsichtig in diesen Zeiten, in denen man Abstand halten soll zu Fremden. Sonst seien es fast immer nur Kinder, die sich trauten, ihn anzusprechen, sagt er. So lange, bis die Eltern sie wegdrängten. Dabei ratsche er gern. Er könnte auch Stillleben malen, zu Hause, aber es ziehe ihn nach draußen. Einsperren habe er sich noch nie lassen.

Man sieht es den Aquarellen von Jürgen Meyer-Andreaus an, dass er gelernter Architekt ist.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Man sieht Meyer-Andreaus nicht an, dass er Jahrgang 1934 ist. 85 Lebensjahre, ein Weltkrieg und viele Ortswechsel liegen hinter ihm. Vielleicht habe der Großvater aus Italien die Unruhe in seine Gene gebracht, wer weiß. Geboren und aufgewachsen sei er in Wittenberge, erzählt Meyer-Andreaus. Nach der Schule wollte er studieren - und durfte nicht, damals in den Fünfzigerjahren in Brandenburg. Deshalb habe er bei seinem Vater Steinmetz gelernt. Dann sei er doch fortgegangen: Erst nach Berlin, wo er 1955 das Abitur nachholte, weil seines im Westen nicht zählte.

Anschließend habe er sich für Architektur eingeschrieben und sei in den Semesterferien so viel gereist, wie er nur konnte. Mit einem Motorrad, einer DKW 125, fuhr er von Berlin aus in Richtung Süden. "Funkenpuster" habe man diese knatternden Maschinen genannt. Bis nach Troja, Sizilien und Lissabon habe er es damit geschafft. Und schon damals habe er gemalt, was er sah. Das Fotografieren interessierte ihn nie sonderlich. "Gemalte Bilder sprechen eine andere Bewusstseinsebene an", sagt er. An jeden Moment könne er sich erinnern, in dem eine Zeichnung entstand. Vor Jahren etwa ohne Geld auf den Färöerinseln zu stehen, weil er bestohlen worden war. Andere wären enttäuscht zurückgefahren, Meyer-Andreaus verkaufte Zeichnungen an eine Zeitung und blieb.

Auch das schnelle Zeichnen liegt ihm. Hingeworfen im Stehen, trotzdem nie ungenau. Er komme von der Linie, sagt er, der Architekt. Deshalb zeichnet und malt er wohl vor allem Gebäude. Keine Porträts, manchmal Bäume, die dann auch zu Linien werden. Aus seinen Farbtöpfchen holt Meyer-Andreaus Intensität, so stark es Aquarellfarben zulassen: Ins Frühsommersonnenlicht getauchte Stelzenhäuser auf den Lofoten leuchten feuerrot. Eine Tempelanlage in Laos glimmt in tropenwarmem Gelb. Ein Küstenmoment auf Lanzarote changiert in tiefen Blautönen - man glaubt, die Kühle des Wassers beinahe spüren zu können.

Die Wohnung ist ein riesiges Archiv jeglicher Baukünste.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Diese Bilder hat Meyer-Andreaus auf Flyer gedruckt, mit denen er für Malkurse wirbt. Aus den Kunstwerken spricht das Glück der Reisefreiheit - es schmerze ihn, dass die nun eingeschränkt sei. Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland, das würde ihn reizen. Russisch habe er in der Schule gelernt. Er spreche auch Schwedisch und Spanisch. Vier Jahre habe er in Stockholm gelebt, sei von Schweden nach Mexiko auf einem Frachter übers Meer gefahren. 1968 war das, im Olympiajahr. Er fühle sich wohl an Gewässern. Gut, dass durch München die Isar fließt.

Die muss er überqueren, wenn er von seiner Wohnung in der Au Richtung Innenstadt läuft. Oder an ihr entlang zum Englischen Garten. Vom Monopteros aus schaue er oft auf die Spitzen der Stadt. Weil ihn Großbaustellen faszinieren, fahre er auch oft zum Marienhof hinter dem Rathaus. Er fühle sich wohl, wo viel Gewachsenes beisammenstehe, sagt er. An München liebe er besonders die geballte Historie. Hier lebe er mit seiner zweiten Frau, hier sei sein Sohn zur Welt gekommen.

Tausende Bilder habe er bereits gemalt, sagt der Künstler.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vor 50 Jahren sei er nach München gekommen - für ein Aufbaustudium in Städtebau an der Technischen Universität. Er habe in Mexiko selbst schon an einer Uni Architektur gelehrt. Nach zwei Studienjahren stellte ihn die Regierung von Oberbayern an. 15 Jahre sei er für Augsburg und Ingolstadt zuständig gewesen. Dann wurde er Sprecher im bayerischen Umweltministerium, bis zur Pensionierung vor nun mehr 20 Jahren.

Und die Malerei? 70 Jahre Training und 40 Kurse habe er selbst hinter sich. Wer bei ihm Unterricht nehme, müsse erst das Sehen lernen. "Bei mir beginnt das Malen und Zeichnen mit dem Zuschauen", erklärt er auf seinen Flyern. Was er dann male, überlasse er aber seinem Bauchgefühl. "Der Verstand führt uns oft genug in die Irre, der Bauch aber nicht." Etwa zwei Stunden brauche er, bis ein Aquarell fertig sei. So seien Tausende Bilder entstanden, die kleinen stecken in Büchlein, die großen in grauen Pappschachteln. Seine Wohnung ist ein gigantisches Archiv, das er manchmal öffnet für Ausstellungen. Er würde gerne mehr verkaufen, sagt Meyer-Andreaus, und wieder im Auftrag malen wie früher.

Spürt er Furcht in diesen Tagen? Ja, es sei das Unbekannte, was ihm Angst einflöße, sagt er. Nicht zu wissen, was noch alles passieren wird. Und doch zieht es ihn raus. Immer wieder auf den Viktualienmarkt, der jetzt allein den Münchnern gehört. "Es ist das Herz der Stadt", sagt Meyer-Andreaus. Dort werde auch jetzt umgeschlagen, was man zum täglichen Leben brauche. Viele Standlbetreiber trotzen dem Virus und verkaufen weiter ihre Ware. "Etwas umschlagen", das kommt aus der Seemannssprache. Aus der man Fernweh hören kann.

© SZ vom 14.04.2020/vewo
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