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Streetart:Münchens Graffiti-Szene ist viel aufregender als ihr Ruf

"Wenn man sich ein bisschen mit der Szene auseinandersetzt, erkennt man sofort, welches Kunstwerk von wem ist", sagt Martin Arz.

Bei einer Stadtführung kann man der - meist illegalen - Kunstform nachspüren. "Heute sehe ich Sachen, die mir vor 15 Jahren nie aufgefallen wären", sagt der Führer Martin Arz.

Was kommt einem als erstes in den Sinn, wenn man an München denkt? Der BMW-Vierzylinder im Olympiapark, ein Weißwurstfrühstück auf dem Viktualienmarkt? Die Wiesn, der FC Bayern oder Eliteuniversitäten - für all das ist München bekannt. Was man nicht sofort mit der Stadt verbindet, das ist die Kunst im öffentlichen Raum. Genau die stellt der Autor und Maler Martin Arz bei seiner "Streetart-Safari" in den Mittelpunkt. Denn tatsächlich findet die deutsche Streetart-Geschichte nicht etwa in Berlin oder Hamburg ihren Ursprung - sondern in München.

Was auf den ersten Blick nach einem normalen öffentlichen Parkplatz aussieht, ist, wie Arz erklärt, die größte Freiluftgalerie Deutschlands. Hier, unterhalb der Donnersbergerbrücke (S-Bahn-Ausgang Richelstraße), startet seine etwa zweieinhalbstündige Tour durch die Streetart-Szene Münchens. "Abseits der üblichen Trampelpfade" will der 56-Jährige bei seinen Führungen gehen, die er bereits seit 2010 anbietet. Lange Zeit war damit die Route vom Friedensengel entlang der Isar bis zur Brudermühlbrücke, dann durchs Schlachthofviertel zur Tumblingerstraße gemeint. Doch im vergangenen Jahr hat Arz seine Route geändert, für die jetzige braucht man kein Fahrrad mehr, außerdem sei sie "witterungsbeständiger".

Unter dem Schutz der Donnersbergerbrücke, zwischen parkenden Autos und einem Dönerimbiss, befindet sich das, was Martin Arz als "echte Kunst" bezeichnet. Münchner Graffitikünstler wie Sat One, Loomit, WON ABC, Blauer Vogel und Beastistyles haben hier ihre Spuren hinterlassen. Arz, der seit 1983 in München lebt, kennt jeden der Namen. "Wenn man sich ein bisschen mit der Szene auseinandersetzt, erkennt man sofort, welches Kunstwerk von wem ist", sagt er. Nicht nur anhand der verschiedenen Techniken - da gibt es das "Style Writing", die Schablonentechnik oder den Comicstil -, sondern auch anhand der aufgegriffenen Themen. Neben einem Pfeife rauchenden Gnom mit Ziegenbart und einem vieläugigen Monster mit Kettensäge üben einige Kunstwerke Kritik an der Gesellschaft. So werden die Folgen der Digitalisierung thematisiert und auch das Münchner Kindl wird immer wieder in ironischer Weise abgebildet.

Längst nicht alle Werke sehen noch so aus, wie sie von den Künstlern ursprünglich hinterlassen wurden. "Streetart hat immer etwas Vergängliches", sagt Arz, "als Straßenkünstler musst du dich sofort von deinem Motiv verabschieden." Der Ausdruck "Crossing" beispielsweise bezeichnet das Zerstören eines fremden Graffitis durch Übermalen.

Bilder an fremde Wände zu sprühen ist grundsätzlich illegal. Nur an sogenannten "Wall of Fames" dürfen sich Graffiti-Künstler legal verwirklichen. Münchens einzige legale Graffiti-Wand befindet sich an der Tumblingerstraße. Und das, obwohl in den Achtzigerjahren Deutschlands erste "Wall of Fame" die Flohmarkthallen an der Dachauer Straße zierte. Bis zu ihrem Abbruch 1989 war sie sogar Europas größte und ist bis heute einer der Gründe dafür, warum München als Ursprungsort der deutschen Streetart-Geschichte gilt.

Deren Höhepunkt war 1985, Arz nennt ihn den "großen Knall": In der Nacht zum 24. März besprühten sieben Jugendliche eine Geltendorfer S-Bahn auf ganzer Länge mit bunten Buchstaben und Figuren im Comicstil. Ihr Kunstwerk, das schnell als "der erste Wholetrain Deutschlands" bekannt wurde, war zwar längst nicht das erste Graffiti in der Bundesrepublik, doch bleibt es bis heute wohl eines der bedeutendsten.

Einer der sieben Sprayer war Mathias Köhler, besser bekannt als Loomit. Heute zählt er zu Deutschlands renommiertesten Graffitikünstlern. Doch nicht nur wegen seines Bekanntheitsgrads spielt er in Arzs alternativer Stadttour eine zentrale Rolle. Ende der Neunziger besaß er, der selbst Künstler ist, ein Atelier im Kunstpark Ost - dort, wo sich heute das neu entstehende Werksviertel befindet. Sein Arbeitsplatz grenzte direkt an das Atelier von Loomit. Er selbst, sagt Arz, sei damals nie wirklich mit Graffiti in Berührung gekommen, malte schon immer auf Leinwände. Loomit habe zwar einmal vorgeschlagen, ihm das Sprayen beizubringen, er habe jedoch abgelehnt. "Tja, ich hätte vom Besten lernen können", sagt Arz, "aber ich dachte einfach, dass Graffiti nicht so mein Ding ist."

Erst etwa zehn Jahre später begann er, Interesse für diese Kunstform zu entwickeln, die nicht in Museen, sondern unter Brücken, auf öffentlichen Straßen und Gebäuden zu sehen ist. Bei einem Aufenthalt in Paris fotografierte er verschiedene Motive, zurück in München beschäftigte er sich dann intensiv mit der Graffiti-Szene in seiner Wahlheimat und stellte den Kontakt zu Loomit wieder her. "Heute sehe ich Sachen, die mir vor 15 Jahren nie aufgefallen wären", erzählt Arz, der 2018 bereits sein zweites Buch zur Münchner Streetart-Szene veröffentlicht hat.

Am Candidplatz endet seine Tour, für die er pro Teilnehmer 14 Euro verlangt. Dort befindet sich die "Brücken-Galerie", die von international bekannten Künstlern gestaltet wurde, darunter viele Münchner. Obwohl sich die Streetart aus der illegalen Szene heraus entwickelt habe und bis heute mit dieser in Verbindung gebracht werde, wünscht Arz sich mehr von den großen, legalen Arbeiten, wie sie am Candidplatz zu sehen sind. Schade sei es, dass städtische Immobilien in München nicht stärker mit der Streetart-Szene verknüpft werden. "Man stolpert halt nicht so drüber, wie in Amsterdam, Berlin oder Madrid", sagt Arz. Damit die Künstler die Wertschätzung bekämen, die sie verdienten, sei es in den nächsten Jahren nötig, "immer mehr am München-Klischee zu kratzen".

Die nächsten Termine für die Streetart-Safari sind am 5. April, 1. Mai und 21. Juni (der Termin im März ist bereits ausgebucht). Anmeldung unter www.muenchen-safari.de

© SZ vom 02.03.2020/baso
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