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Tierpark Hellabrunn:35 000 Euro Minus pro Tag

Ein Zoo kann keine Kurzarbeit anmelden, denn die Tiere müssen weiter versorgt werden. 50 000 Euro Kosten entstehen pro Tag.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Tierpark macht wegen der Corona-Krise jeden Tag Zehntausende Euro Verlust - auch nach den neuesten Lockerungen. Bankrott gehen lassen wird die Stadt ihren Zoo aber nicht.

Rasem Baban klang vor einigen Wochen bei der Zahl 2185 noch zufrieden, sogar fast euphorisch. Das war an dem Tag, als der Münchner Tierpark nach zwei Monaten Zwangspause wieder öffnen durfte. Der Zoo-Chef und seine Mitarbeiter hatten ein Konzept vorgelegt, mit dem Platz für 2185 Besucher sein würde auf dem Gelände an der Isar - bei Einhaltung aller Corona-Regeln. Nun, einen guten Monat später, ist selbst die Zahl 4400 keine gute mehr. Und Baban klingt angespannt. Er hat in den zurückliegenden Tagen mehrere Male betont, dass Hellabrunn die Insolvenz drohe, sollte der Zoo weiter so viel Minus machen wie derzeit.

Die Rechnung ist relativ einfach. "Wir konnten den Zoo ja nicht runterfahren, alle Bänder stoppen und Kurzarbeit anmelden", sagt Baban. Hellabrunn muss rund um die Uhr von ausgebildeten Tierpflegern und Ärzten betreut und verwaltet werden. Kosten: 50 000 Euro pro Tag. Zwei Millionen Euro habe ihm der Lockdown bereits gekostet, sagt der Zoo-Chef, seit der dezenten Wiedereröffnung stehen dem aber nur 16 000 Euro Einnahmen täglich gegenüber. "Noch immer sind wir derzeit bei etwa 35 000 Euro Minus pro Tag."

Nun hatte Baban gehofft, dass die Lockerungen der bayerischen Staatsregierung am Dienstag für den Zoo deutlicher ausfallen würden. Bislang waren alle Tierhäuser geschlossen, und sie werden es auch bleiben. Das Problem war die Berechnung der benötigten Fläche pro Besucher. Zunächst ging der Zoo zum Start Mitte Mai von 20 Quadratmetern pro Besucher aus, nun sind es nur noch zehn. Damit können sich 4400 Besucher gleichzeitig in Hellabrunn aufhalten. "Aber damit machen wir am Ende wohl noch immer bis zu 20 000 Euro Minus am Tag."

Baban hat mehrere Briefe an die Staatsregierung geschrieben, einige sind noch in Bearbeitung. Finanzielle Hilfe stehe dem Zoo nicht zu, war eine Antwort. Die würde im schlimmsten Fall von der Stadt kommen, die Hauptanteilseigner der Zoo AG ist. Verena Dietl (SPD), die Dritte Bürgermeisterin, sagte am Mittwoch zur schwierigen Lage des Zoos: "Die Stadt lässt doch den Tierpark nicht bankrottgehen." Bei Defiziten werde er natürlich aus der Stadtkasse unterstützt. Die Tiere müssen versorgt werden. Die Stadt führe gerade Gespräche mit dem Freistaat, wie man mehr Besucher in den Tierpark lassen könne.

Tierpark Hellabrunn in München vor Wiedereröffnung in der Coronakrise, 2020

"Wenn wir weiter Minus machen, habe ich Ende September oder Anfang Oktober Liquiditätsprobleme", sagt Direktor Rasem Baban.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch Baban hat letztlich keine wirkliche Sorge, dass der Zoo insolvent gehen könnte. Seine Aussagen zuletzt über die aktuelle Situation sind eher eine laute Warnung. Er sprach von einem "schleichenden Tod" und eben schon auch von einer theoretischen Möglichkeit einer Insolvenz. "Wenn wir weiter minus machen, habe ich Ende September oder Anfang Oktober Liquiditätsprobleme." In so einem Fall habe die Stadt zwar schon signalisiert, dann zu unterstützen, aber das sei aus seiner Sicht gar nicht nötig. Wenn im Tierpark auf einer anderen Grundlage die zulässige Höchstbesucherzahl berechnet würde, könnte der Zoo auch schnell wieder profitabel wirtschaften. "Fünf Quadratmeter pro Person", sagt Baban. Und das sei noch großzügig gerechnet. Wenn man die Arme ausstrecke, benötige man eine Fläche von etwa drei Quadratmetern. Mit dieser Zahl könnten pro Tag 8600 Besucher auf die 44 000 Quadratmeter große Anlage in Hellabrunn. "Meine Bitte an die Staatsregierung ist: Setzt uns nicht mit einem Kaufhaus gleich." Denn im Zoo würden sich ja alle immer im Freien aufhalten. Zum einen seien die Tierhäuser eben geschlossen, zum anderen habe man auch sehr verantwortungsvolle Besucher. "Wir haben ja hier kein Partyvolk." Sondern vor allem viele Familien, die ohnehin eigentlich gar keinen Abstand einhalten müssten. Seit der Wiedereröffnung habe es kaum Verstöße gegen die bestehenden Regeln im Zoo gegeben. Ab und an mal eine Erinnerung, die Masken beim Toilettengang aufzuziehen. "Aber die Leute sind mittlerweile doch ohnehin schon ganz routiniert, wir mussten fast niemanden auf Regeln hinweisen."

Außerdem werde bei den Berechnungen immer davon ausgegangen, dass die Maximalzahl der Besucher den ganzen Tag lang im Zoo ist, doch "das widerspricht unseren Erfahrungen", sagt Baban. Manche kommen vormittags, andere nachmittags, auch dadurch entzerre sich der Besucherandrang auf dem Gelände.

Zuletzt hieß es, dass im Zweifel die Löwen abgegeben werden müssten, wenn der Zoo weiter Defizite mache. Das stimme nicht, sagt Baban. "Unsere Löwen werden derzeit auf einer Anlage gehalten, die den aktuellen Haltungsrichtlinien nicht mehr entspricht." Deshalb sei diese Haltung nur geduldet. Der Zoo plant bereits seit längerer Zeit, die frühere Braunbären-Anlage zu einer großen neuen Anlage für die Löwen umzubauen. "Die Genehmigung haben wir, das Geld auch." Noch. Gehe es wirtschaftlich so weiter wie bisher, könne das Geld aber eben nicht für die neue Anlage eingesetzt werden.

Die Situation ist in anderen Bundesländern unterschiedlich für die Zoos, sagt Baban, auch die Berechnungsgrundlagen würden variieren. Welche Regeln gerade wo gelten, wisse er nicht. "Die ändern sich ja auch dauernd." Babans Hoffnung ist, dass sie sich mit Hilfe aus dem Münchner Rathaus auch für die bayerischen Tierparks bald noch einmal ändern.

© SZ vom 18.06.2020/aner
Tierpark Hellabrunn Büro Zoodirektor Rasem Baban

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Von Philipp Crone

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