Oktoberfest:Die Theresienwiese muss trist bleiben

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Winterstimmung in München - Schneefall, 2021

Das Wirtschaftsreferat will die Theresienwiese wegen des Oktoberfests und dessen Auf- und Abbau nicht verschönern.

(Foto: Robert Haas)

Bäume, Blumen, Regenbogenflagge: Die Stadt erteilt allen Ideen der Anwohner zur Verschönerung des Geländes eine Absage. Die Lokalpolitiker wollen sich damit jedoch nicht abfinden.

Von Julian Raff

Positiv gedacht könnte man sagen, dass die Bewohner der Ludwigsvorstadt in der Pandemie wenigstens eine ganzjährig zugängliche, wenn auch karge Fläche im Herzen ihres Viertels gewonnen haben. Was sich in 50 wiesnfreien Wochen - ohne Auf- und Abbauzeiten sind es etwa 35 - aus der Theresienwiese machen ließe, darüber haben die Ludwigsvorstädter und ihre Vertreter im Bezirksausschuss (BA) aber schon vor Corona immer wieder nachgedacht.

Entsprechend enttäuscht reagieren sie nun auf abschlägige Antworten des Wirtschaftsreferats, dessen Chef Clemens Baumgärtner (CSU) keinen Weg sieht, Teile der 42 Hektar großen Fläche grüner und bunter zu gestalten. Liege- und Blühwiesen im südlichsten Teil sind demnach ebenso wenig mit der Hauptnutzung vereinbar, wie eine riesige, auf den Boden gemalte Regenbogenflagge.

Im vergangenen Sommer hatten die Ludwigsvorstädter in ihrer Bürgerversammlung beantragt, Wiesenflächen beim Skatepark im Süden des Geländes anzulegen, wo normalerweise die "Oide Wiesn" und das Zentral-Landwirtschaftsfest stattfinden. Wie auch die anderen Schotterrasenflächen, zusammen etwa ein Viertel der Theresienwiese, blühte dieser Bereich in den zwei zurückliegenden Corona-Sommern trotz intensiver Freizeitnutzung sichtbar auf, wie auch die Behörde feststellt.

Den immer noch unwirtlichen Schotterrasen durch eine bepflanzte Humusschicht zu ersetzen, wird aber aus Sicht des Referats nichts bringen, sobald das Gelände wieder als Festplatz bespielt und mit schwerem Gerät befahren wird. Die jährliche Wiederherstellung des Rasens könnte nach dem Abbau frühestens im November beginnen, bei ungünstiger Witterung auch erst im darauffolgenden April, womit sich das Zeitfenster bis zum Aufbau im Juli zu einem Spalt verengte.

Für die Lokalpolitiker sind auch Bäume kein Tabu

Die Lokalpolitiker geben sich nicht zufrieden mit einer Auskunft, die, so der dortige Grünen-Sprecher Arne Brach, den in der Pandemie "deutlich gewordenen Nutzungswillen" ignoriere und "einer dicht besiedelten Stadt wie München nicht gerecht wird". BA-Chef Benoît Blaser (Grüne) fordert im Namen des gesamten Gremiums, bespielte Flächen, wo nötig, auch mit mehr Aufwand wieder herzustellen und erinnert an den Ärger über die Schäden am Königsplatz, welche die Internationale Automobilausstellung hinterlassen hat. Darüber hinaus möchte der BA mögliche Baumstandorte auf der Theresienwiese geprüft sehen.

Ein "Nein", formuliert als "Ja, aber", hält das Wirtschaftsreferat auch der BA-Idee entgegen, auf einer Asphaltfläche in der Mitte, der Matthias-Pschorr-Straße, oder im Norden der Theresienwiese die wohl größte Regenbogenflagge der Welt aufzutragen, im Format 30 mal 100 oder gar 40 mal 150 Meter. Den Stadtteilvertretern und den Münchner Grünen schwebt laut Antrag vom Februar ein "international beachtetes Statement für die Akzeptanz von Vielfalt" vor, auch wenn die Landeshauptstadt das Bewerbungsrennen für die Gay Games 2026 kürzlich auf der Zielgeraden gegen Valencia verloren hat. Ein positives Signal an prominentem Ort erkennt auch Wirtschafts- und Wiesnreferent Baumgärtner. Allerdings kämen sich gerade dort mit dem Oktoberfest und dem Regenbogen-Symbol zwei "starke Marken" in die Quere.

Großflächig Farbe auf dem Boden würde einen sechsstelligen Betrag kosten

Daneben führt das Wirtschaftsreferat auch technische Hindernisse an: Die Bodenfarben könnten weder dem Ansturm der Festbesucher standhalten, noch dem schweren Gerät beim Auf- und Abbau. Ein strapazierfähiger und griffiger Farbauftrag koste sicher mehr als 100 000 Euro. Hinzu käme der Aufwand für Pflege und Ausbesserung eventueller Vandalismus-Schäden.

Staatliche und städtische Denkmalschützer können sich dabei allenfalls ein auf vier bis sechs Wochen begrenztes Aufbringen vorstellen, wobei die Beseitigung der Farbe weitere 20 000 Euro kosten würde. Das Kulturreferat stellt keine Fördermittel bereit, da es die Flagge als "soziokulturelles Projekt mit politischer Zielsetzung" wertet und nicht, wie die Antragsteller, als Kunstwerk im öffentlichen Raum. Im Denkmalschutz sieht der BA ein - so Initiator Brach - "Willkür-Argument" angesichts des Skateparks, der Basketballkörbe und vor allem eines wesentlich größeren, auf dem Asphalt markierten Verkehrsübungsplatzes.

Wo der Widerspruch zum Markenkern der Wiesn liegen soll, darüber rätseln im Bezirksausschuss nicht nur die beiden Vertreter der Rosa Liste. Die Finanzierungsbedenken hofft Brach jedenfalls durch Spenden zerstreuen zu können. Er sieht "keine Gefahr, dass am Ende nur eine halbe Flagge zusammenkommt".

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