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DAV-Boulderhalle in Thalkirchen:In schwierigem Gelände

Mit 30 Prozent mehr Nutzern rechnet der Alpenverein, wenn er seine Kletteranlagen in Thalkirchen modernisiert.

(Foto: Robert Haas)

Der Alpenverein will die Boulderanlage in seinem Kletterzentrum modernisieren, die Kritiker sprechen von einem massiven Neubau, der die Frischluftschneise blockiert und noch mehr Verkehr ins Viertel zieht

Von Birgit Lotze, Sendling

Wenn sich der Sendlinger Bezirksausschuss (BA) am Montag, 7. September, mit dem Bauantrag für eine Kletterhalle im Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins (DAV) in Thalkirchen beschäftigt, dann ist das ein Déjà-vu. Es geht bereits um die dritte Halle für den DAV, eine Boulderhalle diesmal, die den bisherigen Freiluft-Kletterfelsen, den sogenannten Schrein, ersetzen soll. Der DAV ist mit 200 000 Mitgliedern der zweitgrößte Verein Münchens. Die Chefin des BA-Unterausschusses Mobilität und öffentlicher Raum und der Chef des Unterausschusses Bau, Dagmar Irlinger (Grüne) und Ernst Dill (SPD), haben den Bauantrag geprüft und ein einstimmiges Votum angekündigt. "Wir - und wie es aussieht, alle Fraktionen im BA - sind dagegen", sagt Irlinger.

Bei den ersten beiden Hallen hatte das nichts genützt: Der Bezirksausschuss lehnte ein massives Gebäude in der Frischluftschneise ab, das Planungsreferat äußerte ähnliche Bedenken, sprach von Eingriffen in Natur- und Landschaftsschutz. Letztlich wurde die Hallen aber dann doch genehmigt und gebaut. Die Lokalbaukommission (LBK) hatte im Prinzip nichts dagegen.

Geht es nach dem DAV, dann soll das Kletterzentrum in Thalkirchen attraktiv und modern bleiben, soll sich wirtschaftlich erhalten können. Es gilt als größte Kletteranlage der Welt, damit wirbt der Verein. Während der BA von einem Hallen-Neubau spricht, sagt Michael Düchs, Vorstandsmitglied des Trägervereins des Kletter- und Boulderzentrums München im DAV, nach dem Verständnis des Vereins "gibt es keine Erweiterung, sondern nur eine Modernisierung". Ökologisch stehe die geplante neue "Anlage" mit einem begrünten Dach und einer begrünten Fassade "besser da als die bisherige veraltete Beton-Freianlage". Man bleibe in deren Abmessungen. Da sei mehr versiegelt, als man von außen wahrnehme, unter dem Kiesbett stecke ein gigantisches Fundament. "Da wächst kein Grashalm." Der DAV sei überzeugt davon, für Sendling etwas Gutes zu schaffen, sagt Düchs in Reaktion auf die Kritik aus dem Viertel. Man habe für das neue Konzept viel nachgearbeitet, in vielen Details viel verbessert. "Auch für uns als Alpenverein ist es ein Anliegen, dass wir nicht mehr Schaden anrichten, als schon angerichtet wurde."

Im August 2019 hatte der DAV seinen ersten Bauantrag für die Boulderhalle zurückgezogen, weil das Planungsreferat Ablehnung signalisiert hatte. Es sei mit Auswirkungen auf das Klima (Nähe zur Frischluftschneise), auf Wasser (hoher Grundwasserstand), Landschaftsbild und Artenschutz zu rechnen, so das Referat. Allein die Planung hatte den DAV damals laut Düchs bereits eine dreiviertel Million Euro gekostet. Im nächsten Anlauf startete der mitgliederstarke Verein eine Online-Petition, in kurzer Zeit meldeten sich mehr als 10 000 Unterstützer einer Modernisierung, fast 7000 davon aus München.

Die umstrittene Halle, für die es zu diesem Zeitpunkt nicht mal einen Bauantrag gab, wurde Thema im Kommunalwahlkampf, die OB-Kandidatinnen signalisierten Unterstützung für eine Modernisierung: erst Kristina Frank (CSU), dann Katrin Habenschaden (Grüne), kurz darauf plädierte die SPD für eine gemeinsame Lösung. Im Koalitionsvertrag von Grünen und SPD hieß es dann: "Wir stimmen einem Erweiterungsbau zu unter der Voraussetzung, dass die Frischluftschneise nicht beeinträchtigt und ein leistungsfähiges Verkehrskonzept erarbeitet wird."

Cornelius Mager, Chef der Lokalbaukommission (LBK) und Verhandlungspartner des DAV auf Seite der Behörden, sieht die überarbeiteten Hallenpläne als gelungenen Kompromiss an. Sie seien in zwei Verhandlungsschritten von Norden deutlich eingedampft worden, sagt er. Die Fläche, die der DAV nun für die Halle einplane, "hält sich jetzt im Rahmen der bisherigen Versiegelung und greift nicht mehr in bestehende Grünstrukturen ein". In der Frischluftschneise - deren Erhalt ein maßgebliches Argument der Sendlinger ist - liege das Gelände eh nicht, sagt Mager, die Schneise verlaufe über den Isarauen. Aber natürlich leisteten die Grün- und Freiflächen der Sportanlage einen ökologischen und klimatischen Beitrag. Sie generierten auch "in gewissem Umfang" kühlere Luft.

In Sendling befürchtet man hingegen, dass es den Grünzug, wird eine weitere Halle gebaut, bald gar nicht mehr geben wird. Mit jeder Bebauung rücke die Gefahr näher, dass der Grünzug aus dem Flächennutzungsplan falle. Den "Kompromiss" sieht Dagmar Irlinger denn auch kritisch: "Nur marginale Veränderungen" gebe es verglichen mit dem ersten Entwurf. Nach den neuen Plänen falle die Halle zwar von der am Boden genutzten Quadratmeterzahl etwas kleiner aus, räumt Irlinger ein. Dafür breite sie sich nach oben umso mehr aus. Sie sei auch weit höher als die Freiluftanlage mit ihren sechs bis zehn Metern - insgesamt mehr als 13 Meter hoch über eine Breite von 50 Metern. Statt der lockeren Felslandschaft solle ein massiver Komplex entstehen, "ein Riegel", sagt Irlinger. Die Fassadenbegrünung auf einer Seite sei "besser als nix", doch den ökologisch negativen Effekt des massiven Baus gleiche sie keinesfalls aus. Das Projekt gehe auch nicht konform mit dem Klimagutachten, das auslotete, wie die Stadt die Temperaturen in München im Griff behalten kann.

In Sendling wird noch ein weiterer Einwand erhoben: Es gibt schon jetzt massiven Parkdruck in der Umgebung der Anlage, weil viele Kletterer per Auto anreisen. Der DAV verspreche sich von der Verwirklichung seiner Pläne eine Steigerung der Nutzerzahlen um 30 Prozent, sagt Irlinger, doch ein Verkehrskonzept sei nicht vorgelegt worden. Auch die Zusage der Stadt, die Parkharfe, die derzeit vor allem von Kletterern besetzt werde, ins Parkraum-Management zu integrieren, sei nicht erfüllt.

Derzeit sei die Parkharfe primär für Sportler gedacht, sagt Michael Düchs, auch für die von den angrenzenden Anlagen, deshalb sie die Lage noch unklar. Abgesprochen sei mit den Behörden, die Zahl der Radabstellplätze zu erhöhen und eine E-Bike-Ladestation hinzustellen. Auch wolle man U-Bahn-Fahrpläne aushängen. "Damit wollen wir die Attraktivität, mit dem Fahrrad zu kommen, erhöhen." Im Winter werde der DAV die Parkplätze des benachbarten Kleingartenvereins mieten.

© SZ vom 03.09.2020

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