Corona im Hasenbergl:"Die Familien sind erschöpft"

Lesezeit: 5 min

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Wo sind all die anderen Kinder hin? Ein fünfjähriger Junge sitzt allein auf einem Seil auf einem Spielplatz.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Johanna Hofmeir arbeitet in einer Betreuungseinrichtung für Kinder und Jugendliche im Hasenbergl, dem Quartier mit den höchsten sozialpolitischen Herausforderungen. Wie erleben die Menschen dort die Pandemie?

Von Berthold Neff

Wie sich die Folgen der Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche auswirken, erlebt Johanna Hofmeir, Leiterin der Betreuungseinrichtung "Lichtblick Hasenbergl", jeden Tag. Mit ihrem Team eröffnet sie allen Schwierigkeiten zum Trotz Kindern neue Chancen, ihren Weg in eine gute Zukunft zu finden.

SZ: Frau Hofmeir, seit fast drei Jahrzehnten sind Sie mit der von Ihnen gegründeten Sozialeinrichtung "Lichtblich Hasenbergl" präsent. Was hat sich verändert in dieser langen Zeit?

Johanna Hofmeir: Das nördliche Hasenbergl ist laut dem städtischen Sozialmonitoring das Quartier mit den höchsten sozialpolitischen Herausforderungen. Vieles ist im Laufe der Zeit besser geworden, aber es gibt auch neue Probleme. Das Viertel sieht heute schöner aus, man hat saniert, die Lebensqualität der Menschen verbessert. Früher waren die Menschen hier in hohem Maße von sozialen Hilfen abhängig, aber das ist heute nicht mehr so. Viele arbeiten allerdings im Niedriglohnsektor, und dann reicht es halt auch trotz der Arbeit nicht, um den Lebensunterhalt zu decken.

Der Lockdown wegen Corona hat diese Probleme sicher verschärft, weil viele dieser Minijobs weggefallen sind.

Ja, und das hatte Auswirkungen auch auf die Kinder. Das Problem der Schulverweigerer, das wir erfolgreich verringert hatten, hat sich jetzt wieder verschärft. Da versuchen wir, gegenzusteuern.

Was tun Sie da genau?

Wir begleiten im "Lichtblick" die Hälfte der von uns betreuten Kinder bis zum mittleren Bildungsabschluss, also Mittlere Reife. Inzwischen schaffen es einige sogar weiter. Wir haben bei diesem Prozess auch viel gelernt.

Worauf kommt es dabei an?

Die Kinder müssen denken lernen. Sie müssen das, was sie hören oder lesen, verstehen und einordnen können. Dass diese Fähigkeit vielen abgeht, ist oft eine klassische Folge von Stress. Das beginnt schon im Mutterleib, selbst der Fötus kriegt mit, wenn es Probleme in der Familie gibt. Und später als Kind wird man in seiner Denk- und Lernfähigkeit gebremst, wenn die Familie leidet, zum Beispiel unter der Belastung finanzieller Armut. Diese Kinder sind genauso intelligent wie andere, die in besseren Gegenden wohnen, aber die Kinder werden durch ihre Lebensumstände gebremst, durch toxische Lebensumstände.

Corona im Hasenbergl: Johanna Hofmeir, Leiterin der Sozialeinrichtung Lichtblick Hasenbergl.

Johanna Hofmeir, Leiterin der Sozialeinrichtung Lichtblick Hasenbergl.

(Foto: privat)

Sie beginnen deshalb schon früh mit der Förderung.

Ja, wir brauchen dann schon ein Jahr, um nachzuholen, was diese Kinder in der Familie schon verpasst haben im Vergleich zu fördernden Elternhäusern. Was wir gemerkt haben: Unsere Kinder und Jugendlichen haben sich schwer getan, Informationen zu verknüpfen. Es hat ihnen an Allgemeinbildung gefehlt, aber auch die Fähigkeit, in einem Text schnell zu erkennen, was das Wesentliche ist. Das alles sind Spätfolgen des stressreichen Aufwachsens, in dem sich die Kinder oft zurückziehen anstatt sich zu öffnen und die Welt zu entdecken.

Wie entsteht dieser Stress in der Familie?

Es sind zum einen die permanenten finanziellen Sorgen. Jetzt geht es damit wieder los. Viele haben in der Pandemie ihre Jobs und Mini-Jobs verloren. Wenn die Restaurants schließen, braucht man keine Küchenhilfen und keine Spüler mehr. Wenn die Beschäftigten im Home-Office arbeiten, braucht man die Großraumbüros nicht mehr zu putzen. Es ist eine ständige Sorge. Wenn die Waschmaschine kaputt geht und kleine Kinder da sind, dann gerät das ohnehin knappe Budget aus dem Ruder. Eltern, die massive existenzielle Sorgen haben, können ihren Kindern nicht die nötige Sicherheit bieten. Hinzu kommt, dass die Familien oft in sehr beengten Verhältnissen leben, weil sie sich keine größere Wohnung leisten können. Wenn die Kinder keine Rückzugsmöglichkeit haben, stresst sie das zusätzlich.

Was sind die weiteren Probleme?

Was mich am meisten bedrückt, ist die Tatsache, dass "unsere Familien", wie ich sie nenne, oft weniger gesund sind als andere. Wenn man wenig Geld hat, macht man keine großen Sprünge, dann greift man zu Billigprodukten. Man müsste, wenn man so wenig Geld hat, gut rechnen und gut managen können, um trotzdem eine gute Ernährung sicherzustellen. Viele merken ja auch nicht, dass die Werbung für die Fertigprodukte etwas suggeriert, was nicht der Wahrheit entspricht. Deshalb haben wir schon zu Beginn der Pandemie versucht, mit frischem Obst und Gemüse gegenzusteuern.

Und dann gibt es noch die Gefahren der Sucht?

Sicher. Da erzählt mir eine Mutter, ohne den Energy-Drink am Morgen schafft sie es nicht durch den Tag. Wir haben am Beginn der Pandemie eine Umfrage gemacht im Kindergarten, diese Eltern haben wir ja zwei Mal am Tag gesehen, waren im Gespräch mit ihnen. 80 Prozent der Mütter waren im Risikobereich, sie leiden an Asthma oder Herz-Lungen-Problemen oder unter Bluthochdruck. Und das mit Ende 30 oder 40.

Wie steuern Sie dagegen?

Wir setzen auf ein Training zur gesunden Lebensführung. Das hat jetzt nichts mit Corona zu tun, wir kämpfen schon lange gegen die milieubedingte Fehlernährung. Die Kinder, die bei uns verköstigt werden, sind ja gar nicht glücklich, wenn sie plötzlich statt der künstlichen Aromastoffe frisches Gemüse oder Salat bekommen, diese gesunden Sachen, die man auch noch so anstrengend kauen muss. Man muss das den Kindern auch entsprechend verkaufen und begeistert rufen: Heute, Kinder, gibt es was Besonderes, Brokkoli!

Dürfen die Kinder auch selbst kochen?

Sicher, schon die Kleinen dürfen mithelfen. Und die Großen kochen schon mal ein Fünf-Gänge-Menü, die sind richtig fit. Wobei man bei Kindern das Wort "gesund" eher vermeiden sollte, da meinen sie, da kommt etwas, das nicht so gut schmeckt.

Was ist außerdem wichtig?

Bewegung natürlich. Die Freude am Sport, am Fußball, am Volleyball. Das hilft auch, die Belastung besser zu verkraften. Das Leben wird nicht einfacher für diese Menschen, sie müssen lernen, mit belastenden Situationen gut umzugehen. Auch Kinder können lernen, mal tief durchzuatmen, neue Kraft zu schöpfen. Im Familienzentrum kümmern wir uns in dieser Richtung auch um die Eltern. Wir zeigen dort, wie sie ihre Kinder schützen und fördern können.

Die Pandemie macht all das noch viel schwieriger?

Sicher. Wir haben die Familien unterstützt, weil sie ja mit all den Anträgen überfordert waren. Wir haben Lebensmittelpakete verteilt, mit viel frischem Obst und auch mit Fieberthermometern. Ich habe bemerkt, dass die Angst der Menschen vor dem Virus groß war, ihre Verwirrung. Viele haben sich tagelang nicht mehr aus der Wohnung getraut. Jetzt hören wir immer öfter, dass es positiv Getestete in den Familien gibt.

Wie reagieren die Kinder darauf?

Im Kindergarten häuften sich die Fälle, dass sich Kinder eingenässt haben. Die Schulkinder waren zunehmend unkonzentriert, kamen mit dem Lernen nicht mehr zurecht. Es gab auch welche, die gar nicht mehr in die Schule wollten. Das kriegen wir jetzt langsam wieder in den Griff, aber klar ist: Die Familien sind erschöpft, ihre finanziellen und emotionalen Ressourcen sind aufgebraucht, die Nerven liegen blank. Die Kinder merken, dass die Eltern Angst haben, die Wohnung zu verlieren. Wir machen uns um unsere Familien große Sorgen.

Und wenn ein neuer Lockdown kommt?

Unsere Einrichtung ist baulich gut auf die Pandemie eingerichtet, wir können nahezu jeden Raum von außen betreten. Wir haben ein strenges Hygienekonzept, hier kommt keiner rein, der nicht geimpft ist. Wir sind also gut vorbereitet. Aber gerade die Kinder kann man nicht auf Abstand halten, und man kann bei ihnen auch nicht permanent eine Maske tragen, sie müssen einfach auch das Gesicht sehen. Das ist für uns alle eine große Belastung. Wir kämpfen uns Woche für Woche durch.

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