Spende für den Breitensport:"So langsam holen wir wieder auf"

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Spende für den Breitensport: Grund zur Freude: Die Hockey-Mannschaften des HC Wacker können künftig noch professioneller trainieren - mit einem Videoturm, der von erhöhter Position aus die Bewegungen auf dem Feld einfängt.

Grund zur Freude: Die Hockey-Mannschaften des HC Wacker können künftig noch professioneller trainieren - mit einem Videoturm, der von erhöhter Position aus die Bewegungen auf dem Feld einfängt.

(Foto: Hockey Club Wacker e.V. München)

Auch die Münchner Sportvereine leiden unter der Pandemie. Trainings und Turniere fallen aus, die Mitgliederzahlen schrumpfen. Da kommt eine 400 000-Euro-Spritze durch eine Stiftung zum idealen Zeitpunkt.

Von Thomas Becker

Als sie beim TSV München-Ost nach Jahren des Überlegens, Planens und Wieder-Verwerfens dann doch den Schritt zum Neubau wagten, da war Corona auch bei dem Sportverein in Haidhausen nur als Biermarke bekannt. Knapp 4000 Mitglieder zählte der Klub mit den 16 Abteilungen vor zweieinhalb Jahren, als die Bauarbeiten für die neue Halle losgingen. Und die war nicht zu übersehen, denn man baute die neue Dreifach-Turnhalle auf die alte obendrauf, sodass an der Sieboldstraße, Ecke Auerfeldstraße ein ordentliches Trumm entstand.

Durch die mit der Baustelle einhergehenden Unannehmlichkeiten fiel die Mitgliederzahl von 4000 auf 3800. Dann kam Corona, und bald hatte der Klub weniger als 3000 zahlende Mitglieder. "Das Ziel bei Baubeginn waren 6000", sagt Andreas Hesse, der den Verein als Stellvertreter mit seinem Vater Hans Ulrich Hesse führt.

Im vergangenen halben Jahr sei die Mitgliederzahl zwar wieder auf 3700 angestiegen, aber die Beiträge fehlen an allen Ecken und Enden. Gut, dass sich die Beisheim Stiftung justament in diesem Sommer vorgenommen hatte, die von der Pandemie geplagten Münchner Sportvereine zu unterstützen. Beim TSV floss die Förderung in Digitalisierung und Öffentlichkeitsarbeit: frische Website, neue Vereinszeitung. Irgendwie muss man ja um neue Mitglieder werben.

Der TSV München-Ost ist einer von 31 gemeinnützigen Klubs, die vom Förderprogramm "vereinsstark" der Beisheim Stiftung profitieren. Dessen Ziel ist es, die vielseitige Sportvereins-Landschaft in der Stadt und im Landkreis München zu erhalten und die Vereine zukunftsfest zu machen. Dafür hat die Stiftung rund 400 000 Euro ausgeschüttet, 5000 bis 20 000 Euro pro Klub.

Digitalisierung? "Für so was ist ja nie Geld in der Vereinskasse."

Die Vereine konnten sich von Juli bis September bewerben, um Investitionen in ihre Infrastruktur zu finanzieren, Mitarbeiter durch Maßnahmen wie Fortbildungen zu unterstützen oder innovative Konzepte umzusetzen, zum Beispiel zur Unterstützung bedürftiger Mitglieder.

Annette Heuser, Geschäftsführerin der Beisheim Stiftung, sagt: "Wir gehen ja nicht einfach mit der Stiftungs-Gießkanne durch München, sondern schauen uns genau an, wer wirklich Bedarf hat und wo es Engpässe gibt." Für manche Vereine seien das "ja existenzielle Situationen".

Die Auswirkungen der Pandemie auf den Sport seien gravierend. Dabei habe gerade der Sport das Potenzial, in der Pandemie die Gesundheit und die Gemeinschaft zu stärken, sagt Heuser. Sehr viel ehrenamtliches Engagement sei weggebrochen, "weil nichts mehr stattfand und viele sich andere Betätigungsfelder gesucht haben. Die muss man jetzt zurückholen und ihnen Angebote machen".

Eine weitere Erkenntnis: Um die digitale Infrastruktur ist es nicht gut bestellt. "Da sind wir in Deutschland sehr schlecht aufgestellt", klagt Heuser, "aber für so was ist ja nie Geld in der Vereinskasse." Dabei sei eine gute Website "wichtig, um Kinder und Jugendliche anzuziehen".

Vor allem Kinder aus sportfernen Haushalten haben es schwer

Die nun geförderten Vorhaben sind vielfältig: Der FC Wacker München wird geflüchtete Kinder aus finanziell schwachen Familien durch kostenfreie Mitgliedschaften oder vergünstigte Mitgliedsbeiträge sowie durch kostenlose Vereinskleidung, Fahrkarten oder die Teilnahme an Feriencamps unterstützen.

Die Regatta München nutzt die Investition für die vollständige Digitalisierung der Vereins- und Veranstaltungsverwaltung. Der Tischtennisverein TTC Perlach erneuert sein Hallenequipment, will weiteres Personal einstellen und Trainer ausbilden. Zudem sollen neue Trainingseinheiten für Kinder und Jugendliche sowie ein Trainingslager angeboten werden.

Denn dass die Pandemie gerade den Nachwuchs gebeutelt hat, darüber besteht Einigkeit. Beim ESV München, dem größten Breitensportverein der Stadt, sind sie deshalb auf folgende Idee gekommen: Grundschulkindern soll ein Jahr lang zwei Mal die Woche kostenlos Sport angeboten werden, alle Sportarten außer Tennis.

"Bedürftig können diese Kinder aus finanziellen oder sozialen Gründen sein", erklärt Geschäftsführerin Pia Kraske. Zudem gebe es viele Kinder aus sportfernen Haushalten. Der ESV nahe der S-Bahn-Station Laim betreibt eine Kindersportschule, die mit Grundschulen kooperiert. "Die schlagen Kinder vor, und bei uns gibt es dann die Beratung, welcher Sport infrage kommen könnte", sagt Kraske.

Ein Musterbeispiel für niedrigschwelligen Zugang zum Sport - "und eine super Idee von denen", sagt sie in Richtung Beisheim Stiftung. Auch der ESV hat Mitglieder verloren, laut Kraske rund 1300. "Aber so langsam holen wir wieder auf."

Beim HC Wacker steht jetzt ein Videoturm

Etwas anders sieht es in Sendling beim HC Wacker aus, wo Hockey und Tennis gespielt wird. "Wir konnten im Oktober das tausendste Mitglied begrüßen", sagt der Erste Vorsitzende Björn-Alexander Schmidt. "Wir sind ganz gut durch Corona gekommen, aber nur mit hohem Aufwand, gerade in der Umsetzung der Regeln. Da gab es schon viele individuelle Trainerstunden."

Dank des "Weihnachtsgeschenkes" durch die Stiftung können die Trainer der insgesamt 28 Hockey-Mannschaften künftig auf ein neues Trainingstool setzen: einen Videoturm. Situationen aus dem Training oder dem Spiel können im Nachgang, ohne die körperliche, geistige und emotionale Belastung auf dem Platz, analysiert werden.

Die erhöhte Position der Kamera erlaubt den Taktikblick: Szenen können isoliert betrachtet und individuelle Handlungen nachvollzogen werden. Ein Fest für jeden Trainer.

Denen konnte man zudem einen Fortbildungs-Booster verpassen, in Form von Workshops mit dem ehemaligen Hockey-Nationaltrainer und Olympiasieger Stefan Kermas. Und dann war tatsächlich auch noch Fördergeld für die dringend nötige Renovierung der Umkleiden aus den 70er-Jahren drin. Irgendwo muss man diese Pandemie ja endlich mal aus den Klamotten kriegen.

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