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Spielzeugmuseum München:Kindheitserinnerungen hinter Glas

Helena Steiger, die neue Leiterin des Spielzeugmuseums

Erinnerungen hinter Glas: Helena Steigers Vater sammelte, bis kein Platz mehr war in der Münchner Wohnung und die Mutter sagte: "Ich oder das Spielzeug".

(Foto: Florian Peljak)

Helena Steiger wuchs in einem Zuhause voller Spielsachen auf. Die standen allerdings alle hinter Glas. Heute kümmert sie sich um die Sammlung ihres Vaters, die inzwischen ein Museum ist.

Das Blechpferd ist in der Vitrine ein bisschen nach hinten gerutscht, sodass es beinahe verdeckt wird, von einem Trommler mit spitzem Hut, ebenfalls aus Blech. Das Pferd trägt ein Stirnhalfter, an dem zwei kleine Glöckchen befestigt sind, und es bäumt sich majestätisch auf, die Vorderhufe für immer in der Luft gefangen. Helena Steiger steht vor der Vitrine im zweiten Stock des Turms am Marienplatz und sagt: "Es ist ein bisschen versteckt, aber das Pferd ist mein Lieblingsspielzeug". Das eine Lieblingsspielzeug, unter Tausenden Spielsachen verteilt auf vier Stockwerke.

Helena Steiger, dunkelbraunes, schulterlanges, gewelltes Haar, Brille, glucksend-herzliches Lachen, ist 55 Jahre alt, und sie hat vor Kurzem offiziell die Geschäftsleitung des Spielzeugmuseums im Alten Rathaus übernommen. Das Blechpferd gehört ihr, seit sie zehn ist. Gespielt hat sie damit aber nie, auch in ihrer Kindheit stand es in einer Vitrine. So war das also schon immer: Helena Steiger, umgeben von Spielzeug hinter Glasscheiben.

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Steigers Vater, Ivan Steiger, ist nicht nur Karikaturist, der 1968 mit seiner Frau und der vierjährigen Helena vor den Folgen des Prager Frühlings nach Deutschland floh, und 2009 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, er ist auch "ein sehr, sehr großer und leidenschaftlicher Sammler", sagt seine Tochter. Ein Spielzeug-Sammler, der das Zuhause der Familie über Jahre hinweg mit altem, teils sehr altem, Spielzeug vollstopfte: Dampf-Eisenbahnen inklusive Landschaften und Bahnhöfe, Geschicklichkeitsspiele mit Metallkügelchen, Puppen, Zinnsoldaten, Zirkustiere, Roboter zum Aufziehen, Barbies und Teddybären. Alles aus den Jahren zwischen circa 1800 bis 1960, alles "Werte", so Steiger, mit denen nicht gespielt werden durfte.

Steigers Vater sammelte, bis kein Platz mehr war in der Münchner Wohnung, bis die Mutter sagte: "Ich oder das Spielzeug." Sie hätten Glück gehabt, sagt Helena Steiger. Ihr Vater fragte bei der Stadt nach und ihm wurde vorgeschlagen, den sanierten Turm des Alten Rathauses in ein Spielzeugmuseum zu verwandeln. Helena Steiger war damals 19 Jahre alt, half mit beim Umziehen der Spielsachen. "Komisch war das, wie viel Platz wir daheim auf einmal hatten", sagt sie und lacht.

Sie saß dann regelmäßig an der Kasse des Museums, hörte sich die Geschichten der Menschen an, die kamen und von ihren Erinnerungen erzählten. Erinnerungen, die wach wurden, wenn sie Spielsachen wiedererkannten. Märklin-Eisenbahnen oder die ersten ferngesteuerten Schuco-Autos, bei denen "ferngesteuert" noch hieß, dass das Auto durch ein Kabel mit der Fernbedienung verbunden war, Steiff- Teddybären, deren Fell vom Liebhaben so abgegriffen ist, dass es fast durchsichtig wirkt. "Viel Nostalgie", sagt Steiger, viele Großeltern mit Enkelkindern. Das Museum gehörte von da an einfach dazu, zu ihrer Familie, zu ihrem Leben.

Mittlerweile ist der Vater 81 Jahre alt, und Helena Steiger hat den operativen Teil der Museumsgeschäfte übernommen. "Mein Vater ist noch immer der kreative Kopf, das ist mir ganz wichtig", sagt sie. Er weiß, wo er was haben will und er ist auch der, der die Geschichten der Spielsachen kennt, die er in ganz Deutschland, aber auch in England, Frankreich und in den USA gekauft, ertauscht oder ersteigert und nach München gebracht hat. Alles ist katalogisiert, "wir haben außerdem stapelweise Fachliteratur zu Hause", sagt Steiger. Niemand kenne sich so gut aus wie ihr Vater.

Deshalb ist es ihr so wichtig, dass das alles erhalten bleibt. Deshalb kümmert sie sich bereits seit einigen Jahren, und vor allem seit dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr, um alles, was an Personalmanagement, Buchhaltung und Instandhaltung des Museums anfällt. Ihre sieben Jahre jüngere Schwester tut das Gleiche in Prag. Denn auch dort betreibt die Familie ein Spielzeugmuseum. "Für meinen Vater war das schön, auch wieder einen Ort in seiner alten Heimat zu haben", sagt Steiger.

Dass die Töchter diesen Job übernehmen würden, war klar. "Das ist ein Familienbetrieb, ich helfe hier seit der Kindheit mit, und auch wenn es viel Arbeit ist, macht es Spaß", sagt sie. Viel Arbeit ist es für Steiger vor allem, weil sie hauptberuflich freie Bilanzbuchhalterin ist, und selbst zwei Kinder hat. Ihre Tochter wiederum, die gerade 18 geworden ist, arbeitet auch schon an der Museumskasse. Und: "Ich führe sie langsam an alles heran. Man weiß ja nie, was ist, wenn mir was passieren sollte", sagt Steiger. Leicht und unbeschwert sagt sie das, aber es wird klar: Das Museum muss weitergehen, die Sammlung in der Familie bleiben. Deshalb kommt Steiger mindestens zweimal pro Woche in den Turm am Marienplatz, bringt der Dame, die gerade Aufsicht hat, einen Krapfen mit, bleibt kurz für einen Ratsch stehen, sieht nach dem Rechten.

Das Münchner Spielzeugmuseum ist ein Privatmuseum. Auch in anderen Städten Deutschlands werden Spielzeugsammlungen ausgestellt. In Nürnberg beispielsweise ist das Spielzeugmuseum ein städtisches Museum und wird auch durch einen Verein gefördert. Ein privates Museum zu sein, heißt für die Familie Steiger, dass alle Ausgaben, auch die Miete, aus den Einnahmen bestritten werden müssen. Es heißt auch, dass alles, was an Wissen vermittelt wird, selbst erarbeitet wurde und alle Exponate den Steigers gehören. Was ausgestellt wird, ist dabei lange noch nicht alles, was die Familie an Spielsachen besitzt. "Wir haben noch viel mehr", sagt Steiger. Wie viel? "Hunderttausende bestimmt, aber irgendwann haben wir aufgehört zu zählen", sagt sie. Es gehe im Museum eher darum, einen Einblick in die Geschichte des Spielzeugs zu geben, als die ganze Fülle zu zeigen.

Eine Geschichte des Spielzeugs ist ein bisschen wie eine Kulturgeschichte des Menschen in klein: Im 19. Jahrhundert gab es Puppen für Mädchen und Eisenbahnen für Jungen, und vor allem im wohlhabenden Bürgertum wurde damit höchstens einmal im Jahr, an Weihnachten, um den Christbaum herum, "gespielt", also: aufgebaut, zugeschaut und wieder weggepackt. Es gab zwar Spielzeuge, die weniger wertvoll, sozusagen Spiel-Spielzeuge waren, aber auch da ging es darum, Kinder auf die Erwachsenenwelt vorzubereiten; eine Welt, in der Mädchen später in der Küche Kuchen backen würden und wussten, wie man Babys wickelte, und in der Jungs Soldaten, Eisenbahner oder Metzger wurden.

"So war es halt", sagt Helena Steiger vor einer Vitrine mit einem so akkurat ausgestatteten Miniaturspeisezimmer, dass sogar Puderzucker auf dem Gugelhupf zu sehen ist. "Damit wurde wahrscheinlich nicht gespielt", sagt Steiger. Wie das wohl ist, ein so detailverliebtes, handgemachtes Spielzeug zu haben, und dann nicht damit spielen zu dürfen? Kennt sie so ein Gefühl nicht von zu Hause? Ja, sie sei schon hin und wieder vor den Vitrinen gestanden, sagt Steiger, hätte gern die eine oder andere Kugel des ein oder anderen Geschicklichkeitsspiels in die richtige Kerbe manövriert, aber eigentlich habe sie nie wirklich gern mit Spielsachen gespielt, eigentlich sei sie viel lieber draußen gewesen, Rad fahren, Sport treiben. Heute reitet sie gerne. "Ich liebe Pferde", sagt sie.

Vielleicht ist das Glöckchen-Pferd im zweiten Stock deshalb ihr Lieblingsstück. Sie hat ihm keinen Namen gegeben, aber sie erzählt, wie sie es auf einem Nachtflohmarkt in Nürnberg bekommen hat: "Man hat immer so reingelugt in die Autos, bevor die Aussteller ausgepackt haben", sagt Steiger. Aus einer der gepackten Kisten lugte das Pferd zurück. "Wir wussten nicht, ist es Plastik oder Blech, ist es ein schönes Stück oder nicht? Zwei Stunden sind wir um dieses Auto rumstrawanzt, bis die Dame kam, die es ausgepackt hat und dann kam dieses Pferd zum Vorschein", sagt Steiger, "das haben wir uns dann natürlich geholt." Ihr Vater hat es ihr geschenkt - und zu Hause wurde es in eine Vitrine gestellt.

Ob sie es jetzt nicht lieber bei sich daheim hätte? Sie schüttelt den Kopf. "Was haben die Leute davon, wenn es nicht hier in einer Vitrine steht?"

Das Spielzeugmuseum ist täglich von 10 bis 17.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt für Erwachsene kostet 6 Euro, für Kinder 2 Euro, Familien zahlen 12 Euro.

© SZ vom 30.01.2020/kaal
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