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SZ-Adventskalender:"Ich will nicht, dass du arm wirst"

"Sie trauen sich nicht, Wünsche zu äußern", sagt die Mutter über ihre Töchter. "Es hapert an allen Ecken und Enden."

(Foto: Stephan Rumpf)

Die alleinerziehende Mutter erhofft sich ein geregeltes Leben - und möchte ihren drei Töchtern kleine Wünsche erfüllen.

Von Sven Loerzer

Weil der Kinderwunsch nicht in Erfüllung ging, entschied sich das junge Ehepaar für die künstliche Befruchtung - trotz der hohen Kosten, von denen die Krankenkasse nur die Hälfte übernahm. Doch die erste Schwangerschaft wurde für die Mutter alles andere als einfach. "Ab der zehnten Woche war es eine Liegeschwangerschaft", sagt die Frau. "Bis zur 22. Woche habe ich nicht gewusst, ob mein Kind lebend auf die Welt kommt." Lea, inzwischen sechs Jahre alt, leidet an ADHS. Emilia, fünf Jahre alt, kam durch einen "Not-Kaiserschnitt" zur Welt. Die Mutter litt schwer an einer Wochenbettdepression.

Als die Ehe kurz davor war, in die Brüche zu gehen, war die junge Mutter mit dem dritten Kind schwanger. Es wurde eine Frühgeburt, "elf Wochen zu früh". Die heute vierjährige Lina musste lange im Krankenhaus bleiben. Die ständige Sorge, die Angst, dass Lina stirbt, bereiteten der Mutter psychische Probleme. Weil die Familie mehr Platz brauchte, war sie umgezogen und hatte Kredite für die Einrichtung aufgenommen. Um finanziell über die Runden zu kommen, ging die Softwareentwicklerin schnell wieder arbeiten. Um leistungsfähiger zu sein, nahm sie Aufputschmittel. Linas Herzfunktion und Atmung musste überwacht werden, wenn der Monitor Alarm schlug, musste die Mutter ihr Kind aus der Krippe abholen. Die Firma legte ihr einen Aufhebungsvertrag nahe.

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Nach ihrem Zusammenbruch bekam sie einen Platz in einer Mutter-Kind-Station zur Entgiftung, dann fand sie eine Langzeittherapie, wo die Kinder bei ihr bleiben konnten. "Das war wirklich toll, das hat mir sehr geholfen." Derzeit erhält sie noch Krankengeld, zusammen mit dem Unterhalt liegt sie knapp über der Bemessungsgrenze für staatliche Unterstützung. Vor drei Jahren ist ihre Ehe endgültig in die Brüche gegangen, geblieben sind ihr Schulden, weswegen die alleinerziehende Mutter Hilfe bei der Schuldnerberatung der Stadt München suchte. "Ich möchte wieder reinkommen, in ein geregeltes Leben." Die Schuldnerberatung begleitet ihren Weg durch das Verbraucherinsolvenzverfahren, "in sechs Jahren kann ich dann wieder bei null anfangen", wenn sie die Restschuldbefreiung erhält. Als nächstes steht der Wiedereinstieg ins Berufsleben an, sie bewirbt sich als Teilzeitkraft für 20 Stunden wöchentlich. "Ich tue mein Bestes, dass der Neustart funktioniert."

In der kleinen Dreizimmerwohnung fehlt es noch an vielem. Ein größerer Kühl-und Gefrierschrank, möglichst energiesparend, würde der Mutter das Einkaufen und Vorkochen erleichtern. Die älteste Tochter bräuchte wegen ihrer ADHS-Diagnose unbedingt mehr Ruhe für die Hausaufgaben, die sie jetzt am Esstisch erledigen muss. Um aber einen Schreibtisch mit Stuhl und Rollcontainer anzuschaffen, reicht das Geld nicht. Dringend nötig wäre auch ein Etagenbett für die Kinder, denn die Vierjährige muss derzeit noch im alten Gitterbett schlafen.

Die Kinder wissen, dass das Geld knapp ist. "Sie trauen sich nicht, Wünsche zu äußern", erzählt die Mutter. Dabei kennt sie ihren geheimen Wunsch, einmal zur Mickymaus zu fahren, ins Disneyland. "Meine Große sagt immer zu mir, ich will nicht, dass du arm wirst." Die Mittlere, die noch Frühförderung erhält, träume vom Reiten, "sie ist eine kleine Tierflüsterin", aber schon der Ballettunterricht, der vom Kindergarten angeboten wird, koste 33 Euro extra pro Kind und Monat. Da helfe der Zuschuss von 15 Euro pro Kind und Monat aus dem Bildungs- und Teilhabepaket für Familien mit geringem Einkommen nicht gerade viel.

"Es hapert an allen Ecken und Enden", sagt die alleinerziehende Mutter. "Ich bin dankbar, wenn mir Freunde ausrangierte Sachen schenken. Irgendwie geht es weiter und irgendwann wird es besser. Ohne die Menschen, die mir geholfen haben in den letzten Jahren, hätte ich es nicht geschafft."

© SZ vom 04.12.2019/zara
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