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Wohnen in München:Angekommen in San Riemo

Florian Fischer und Reem Almannai sind mit ihren Töchtern gerade eingezogen.

(Foto: Gino Dambrowski)

Flexible Wohnungen, gemeinsame Räume, Mitbestimmung: 100 Menschen ziehen in Riem gerade in ihr neues Zuhause - und gestalten dort die Zukunft des Wohnens.

Von Anna Hoben

Es ist unmöglich, in München eine Wohnung für eine zehnköpfige Familie zu finden. Eigentlich. Maria Spandris Familie hat die Nadel im Heuhaufen nach dreijähriger Suche gefunden - in San Riemo, dem ersten Projekt der Wohnungsbaugenossenschaft Kooperative Großstadt in der Messestadt Riem. Für die Großfamilie mit acht Kindern werden in dem Haus nun zwei Wohnungen zusammengelegt, 200 Quadratmeter hat ihre neue Bleibe dann.

Ein Glück, das sie kaum fassen können: "Ich und mein Mann Andrea waren begeistert", sagt Maria Spandri. Auch das Konzept von San Riemo gefällt ihr, mit seinen flexiblen Wohnungen. Wenn ein paar der Kinder aus dem Haus sind und die Eltern weniger Platz brauchen, können sie die Wände wieder hochziehen. "Das finde ich extrem modern", sagt Spandri.

Mit vier ihrer Kinder ist sie am Donnerstag zu einer Eröffnungsveranstaltung gekommen, die unter strengen Hygienevorschriften und mit wenigen Teilnehmern stattfinden durfte. Ganz fertig ist das Haus noch nicht, manches sieht noch provisorisch aus. Trotzdem ist es schon voller Leben. Ein Vater kommt an diesem Nachmittag gerade mit seinem Schulranzenkind nach Hause. Draußen wuseln Bauarbeiter herum, von irgendwo her tönt eine Bohrmaschine. Der offene Eingangsbereich, der auch ein Gemeinschaftsraum werden soll, wirkt noch kahl, die Wände sollen bald gelbe Farbe bekommen.

Auf einem Bügelbrett steht ein Beamer. Man sieht nun Fotos auf einer Leinwand, von den ersten Treffen der Kooperative Großstadt, die sich vor fünf Jahren gegründet hat. Die Architekten, die sich zusammentaten, vermissten in München die richtig guten Wohnhäuser, und sie übten Kritik an der Praxis intransparenter Architekturwettbewerbe. Also beschlossen sie, aktiv zu werden, als Genossenschaft. "Man sieht das in ganz Europa", sagte Christian Hadaller, Vorstand der Kooperative, damals: "Genossenschaften sind die Vorreiter, die Innovation vorantreiben."

San Riemo - das klingt nach Sehnsuchtsort

Fassade von San Riemo

Die Fassade von San Riemo fällt auf in der Umgebung der Messestadt.

(Foto: Anna Hoben)

Auch in München erleben sie eine Renaissance und verwirklichen interessante Projekte - auch weil die Stadt diese Wohnform stark fördert. Wohnraum für 12 000 Menschen ist so in den vergangenen Jahren entstanden, ist noch im Entstehen oder soll in naher Zukunft entstehen. Dazu beigetragen hat auch die Kooperative Großstadt, die in Riem im Konsortium mit den etablierten Genossenschaften Wogeno und Wagnis gebaut hat. Jetzt steht das Haus, das sie schon in den anfänglichen Planungszeiten liebevoll San Riemo getauft haben.

Das klang nach Sanremo, nach Sehnsuchtsort. Der Spitzname siegte damals über den Konkurrenzvorschlag Euphoriem. Nach einem offenen Wettbewerb bekamen die Architekten der zweitplatzierten Arge Summacumfemmer mit Juliane Greb den Zuschlag. Der erstplatzierte Entwurf hätte das Budget deutlich überschritten. Grundsteinlegung war im April 2019; ein ordentliches Richtfest hat es dann in diesem Jahr wegen Corona nie gegeben. Dafür haben sie das Budget fast eingehalten - nicht selbstverständlich bei den ständig steigenden Baukosten.

Mit seiner auffälligen Fassade sticht San Riemo nun heraus in seiner Umgebung. Es bietet Wohnraum für etwa 100 Menschen, von denen etwa die Hälfte bereits eingezogen ist. Familien mit Kindern, Singles, Paare, Rentner - eine gemischte Bewohnergruppe. Sie alle haben gemeinsam, dass sie das nun ausprobieren wollen: das Wohnen in einer Gemeinschaft, in der man mehr miteinander zu tun hat, als sich nur im Treppenhaus zu grüßen. Apropos Treppenhäuser: Die sind in San Riemo purpur und himmelblau gestrichen - das Ergebnis einer Abstimmung unter den Bewohnern.

Von Anfang an waren sie stark eingebunden in alle Prozesse, bei den Treffen wurde viel, lebendig und meinungsstark diskutiert. Über Gemeinschaftsräume, Dachterrassen, eine Bar im Waschsalon. Und über eine Holzwerkstatt - eine Idee mit Meister-Eder-Romantik, aus der am Ende nichts wurde. Teile des Erdgeschosses wird nun die Stiftung Lichtblick nutzen, mit einem Kinder- und Jugendhilfeprojekt. Im ersten Stock ist eine zehnköpfige Wohngruppe des Frauentherapiezentrums eingezogen.

Die Gründungsmitglieder seien anfangs zögerlich gewesen, was den Standort des Grundstücks in Riem anging, sagt Florian Fischer, der selbst von Beginn an dabei war und im Aufsichtsrat der Kooperative sitzt. "Das war vermutlich etwas überheblich oder verblendet." Heute ist er überzeugt: "Riem ist klasse", Schwabing oder das Glockenbachviertel seien im Vergleich "geradezu langweilig". Mit seiner Familie ist er vor einer Woche in San Riemo eingezogen. Sie haben sich für das sogenannte Nukleus-Wohnen entschieden, das die Kooperative quasi erfunden hat.

Dabei gibt es eine Kernwohnung mit etwa zwei Zimmern, die bei Bedarf mit weiteren Räumen erweitert und später wieder verkleinert werden kann. Auch die beiden Töchter, knapp fünf und dreieinhalb Jahre alt, fänden die neue Wohnung toll, sagt Fischers Frau Reem Almannai - weil sie nun ein eigenes Zimmer haben und weil es andere Kinder zum Spielen gibt.

Die Erwachsenen hingegen sind vom Prinzip Genossenschaft überzeugt, weil die Wohnform Sicherheit und ein lebenslanges Wohnrecht bietet, dazu vergleichsweise günstige Mieten - auch wenn man sich die Anteile erst einmal leisten können muss. Diese muss man einzahlen, um Bewohner werden zu können. Man ist dann Mieter und Eigentümer gleichzeitig. Diese Aspekte sind es auch, die Martin Brezina bewogen haben, einer Genossenschaft beizutreten. Er steht inmitten von Umzugskartons in seiner Wohnung. Was noch entscheidend war für ihn: "Die Möglichkeit, früh beteiligt zu sein, mitentscheiden zu können."

Ähnlich drückt es ein anderer Bewohner aus, der mit seiner Frau und dem studierenden Sohn einzieht. Eine solche Individualität gebe es selten, meint er. Über den Schnitt der Wohnung ist er deshalb sehr glücklich, ebenso über die Aussicht, mit den Alpen in der Ferne. Es gibt aber auch ein paar Dinge, die ihn stören, er will deshalb nun selber noch nacharbeiten. Es zeigt sich: Die Vorstellungen, was eine fertige Wohnung ist, sind eben unterschiedlich. Noch fließt auch das warme Wasser nicht kontinuierlich - Kinderkrankheit eines Neubaus. Trotz allem ist der Mann überzeugt, dass sich der Umzug lohnen wird. "Ich denke, dass das ein gemeinschaftliches Lebenshaus werden kann. Jetzt muss es sich bewähren."

© SZ vom 17.10.2020/lfr

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