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Schwabing:Bedrohtes Zuhause

Auf dem Areal soll ein neues Quartier entstehen.

(Foto: Büro Landau + Kindelbacher (Visualisierung))

Eine Immobilienfirma will das Hotel Vitalis an der Kathi-Kobus-Straße abreißen und stattdessen eine Anlage mit bis zu 170 Wohnungen errichten. Um die Pläne zu verwirklichen, müsste auch ein noch gut erhaltenes Haus weichen, die Mieter hingegen wollen sich nicht verdrängen lassen

Von Ellen Draxel, Schwabing

Das Hotel Vitalis ist nicht mehr in bester Verfassung. Ein Sechzigerjahre-Bau, der, wollte man ihn erhalten, für viel Geld saniert werden müsste. Zwar wird das Hotel noch betrieben. "Aber Corona macht es nicht besser", sagt Peter Fritsche. Derzeit würden die Zimmer teils unter 50 Euro pro Nacht vermietet. Fritsche ist Geschäftsführer der Münchner Immobilienfirma Concrete Capital, die das Hotel samt zugehörigem Grundstück vor zwei Jahren erworben hat.

Fritsche will das Hotel deshalb jetzt abreißen. Und stattdessen einen Neubau mit 140 bis 170 Wohnungen errichten. Eine vier- bis fünfstöckige Wohnanlage, mit Dach- und Fassadenbegrünung, zwei begrünten Innenhöfen und einer Tiefgarage samt Ladesäulen für Elektrofahrzeuge und Fahrradstellplätzen. "München", ist der Bauherr überzeugt, "braucht dringend Wohnraum". Wohnraum, der idealerweise mittels Verdichtung im Bestand und einer damit einhergehenden Schonung von Grünflächen geschaffen werden sollte. Das Konzept, das Fritsche an der Kathi-Kobus-Straße 22-24 mit einer eigens dafür gegründeten Projektgesellschaft namens KKS Grundbesitz GmbH umsetzen will und für das er bereits einen Vorbescheidsantrag eingereicht hat, ist aus seiner Sicht dafür ein Paradebeispiel. Der Haken an dieser Version ist nur: Um Fritsches Planung zu realisieren, müsste ein weiterer Gebäudekomplex auf dem Areal weichen, der der KKS Grundbesitz GmbH ebenfalls zu großen Teilen gehört. Dieses Haus aber, angesiedelt am Theo-Prosel-Weg 11-13, befindet sich in gutem baulichen Zustand. Und es ist bewohnt - mit 35 Miet- und drei Wohnungseigentümer-Parteien.

Das aktuelle Areal rund um das Hotel Vitalis.

Die Mieter wehren sich gegen das Vorhaben. "Einige von uns wohnen hier seit 24 Jahren, seit das Haus bezugsfertig war", sagt Manuela Wultschnig von der Mietergemeinschaft. Die Mieten seien hier noch bezahlbar. "Beim derzeitigen Wohnungsmarkt aber haben wir kaum eine Chance, anderswo eine vergleichbare Wohnung zu gleicher Miethöhe zu bekommen." Die Mieter sind daher gegen den Abriss ihres Hauses. Wultschnig geht es dabei um mehr als um Einzelschicksale - ihr liegt auch "das große Ganze" am Herzen. Sie befürchtet, die neugebauten Wohnungen in diesem "gehobenen Projekt" könnten aufgrund der Miethöhe "die Bevölkerungsstruktur in Schwabing-West weiter nachhaltig verändern". Das Viertel brauche jedoch keine luxuriösen Eigentumswohnungen. Es brauche bezahlbaren Wohnraum.

Der Bezirksausschuss Schwabing-West sieht das ähnlich. Die Lokalpolitiker haben Fritsches Entwurf einstimmig abgelehnt - mit der Bitte, die Planung noch einmal zu überarbeiten. Dass das Hotel nun Wohnraum weichen soll und Fritsche außerdem zugesagt hat, mindestens 50 Prozent der Wohnungen entsprechend dem Mietspiegel zu vermieten, finden die Bürgervertreter zwar "gut". Den Abriss des Baukörpers am Theo-Prosel-Weg befürworten sie aus Gründen des Mieterschutzes aber nicht.

Weil für das Quartier der Gebäuderiegel weichen soll, der in gutem Zustand ist, gibt es Proteste.

(Foto: Büro Landau + Kindelbacher)

Umstimmen konnte sie auch nicht, dass Fritsche für den "Dialog" mit den Mietern bereits einen Ombudsmann eingesetzt hat. Und dass er verspricht, insbesondere für die acht Altmieter, die keinen befristeten Vertrag wie alle anderen hätten, die "volle Verantwortung" zu übernehmen. Etwa indem ihnen Ersatzwohnraum zur Verfügung gestellt wird und zusätzliche Kosten finanziell kompensiert werden sollen. Den Wohnungseigentümern will der Investor ihre Wohnungen abkaufen, Gespräche diesbezüglich stehen aber noch aus. Auch Fritsches Argument, ein Erhalt des Bestands sei deshalb nicht machbar, weil die sich unter dem Gebäude befindliche Tiefgarage während der Bauphase von mindestens zwei Jahren nicht mehr erschlossen werden könne, überzeugte das Stadtteilgremium nicht.

"Nicht nachvollziehbar" erscheint dem Bezirksausschuss zudem die vorgelegte Grünflächenplanung. Die Lokalpolitiker bezweifeln, dass auf einem Tiefgaragendach Bäume gepflanzt werden können - und fordern deshalb einen "plausiblen" Entwurf. Laut Peter Fritsche gibt es den aber schon: "Vorgesehen ist ein Teilbereich, der nicht unterbaut werden soll. Dort sind Pflanzungen von Bäumen sowie Entwässerungsflächen vorgesehen." Bislang ist die Hoffläche zu hundert Prozent versiegelt. Für kommende Woche ist ein erneutes Gespräch zwischen Lokalpolitikern und Investor anberaumt.

© SZ vom 12.10.2020

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