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Prozess um sexuellen Missbrauch:"Es war eine Liebesbeziehung"

Prozessbeginn gegen Professor der Musikhochschule

Ein ehemaliger Professor der Musikhochschule München soll seine Freundin dreimal vergewaltigt haben. Nach dem Prozess gegen den ehemaligen Leiter Siegfried Mauser ist dies der zweite Kriminalfall dieser Art, der die Musikhochschule erschüttert.

(Foto: dpa)

Ein ehemaliger Musikhochschul-Professor soll seine Freundin dreimal vergewaltigt haben. Vor Gericht zeigt er sich über die Vorwürfe schockiert.

Von Susi Wimmer

"Ich möchte mich nicht als Engel darstellen", so lautet ein Satz aus dem Redeschwall des Hans-Jürgen von Bose. Er, der in der Anklage als aggressiv und unbeherrscht beschrieben wird, der als freizügiger und zügelloser Professor an der Musikhochschule galt, gibt sich vor dem Landgericht München I bieder und brav. Mit Rollkragenpullover und Sakko nimmt er auf der Anklagebank Platz, hört aufmerksam zu, will alles erklären. Wie die vielen Medikamente und Drogen in sein Haus in Zorneding kamen, wann er mit welcher Frau liiert war, eine Affäre hatte oder verheiratet war. Zu dem schwersten Tatvorwurf, nämlich dass er in den Jahren 2006 und 2007 seine Freundin dreimal vergewaltigt haben soll, dazu äußert er sich nicht. Über seine Anwälte lässt er kundtun, dass diese Vorwürfe ihn "überrascht und geschockt" hätten. "Es war eine Liebesbeziehung."

Ob und wie stark der Prozess gegen den 66-jährigen und pensionierten Kompositionsprofessor die Musikhochschule erneut erschüttern wird, hängt sicher davon ab, wie tief die dritte Strafkammer unter dem Vorsitz von Frank Schaulies in den Lehrbetrieb der letzten Jahrzehnte eintauchen will. Erst im vergangenen Jahr war der ehemalige Präsident Siegfried Mauser wegen sexueller Nötigung zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Mauser und Bose waren befreundet. Gab es an der staatlichen Institution Strukturen, die Machtmissbrauch ermöglichten oder gar förderten? Um diese Frage weiter zu ergründen, wollte die Hochschule eigens einen externen Prozessbeobachter berufen. Doch einen Tag vor Beginn des Prozesses löste sie die Vereinbarung mit dem Strafrechtsexperten Frank Saliger wieder auf. Er hatte zu Jahresbeginn die AfD bezüglich einer womöglich illegalen Parteienspende vertreten.

Bereits Stunden vor Prozessbeginn warteten deshalb Präsident Bernd Redmann persönlich und Oliver Umlauf als Vertreter des Kanzlers auf Einlass in Saal B 177. Die Zahl der Sitzplätze war coronabedingt auf acht begrenzt, der Rest der Interessierten musste draußen bleiben. Drinnen verlas die Staatsanwältin die Anklage, wie Helena P. (Name geändert) und Bose sich im Februar 2006 kennenlernten. Sie war die Schwester eines seiner Studenten und 22 Jahre alt, Bose 53. Bose sagte 2015 bei der Polizei, sein Student habe von seinen "Eskapaden", wie Besuchen in Swingerclubs, gewusst. Und seine Schwester habe das unbedingt ausprobieren wollen und sei damit auf ihn zugekommen.

Wegen des Geldes zog es ihn nach einem Burnout zurück an die Musikhochschule, obwohl er sich dort angeblich fühlte "wie ein kariertes Zebra".

Die Anklage zeichnet weiter das Bild einer jungen Frau, die in ein Geflecht aus Manipulation, folterähnlichen Methoden und Angst geraten sein soll. Bose soll in seinen Wutanfällen gedroht haben, er müsse nur hinlangen und ihr Gehirn klebe an der Wand. Die Schreckschusspistole, die neben seinem Bett lag, sei eine scharfe Waffe, soll er ihr weis gemacht haben, und dass er die Karriere ihres Bruders vernichten könne. Nächtelange Diskussionen, in denen er die Frau mit Anschreien und Drogen wach hielt, um über Lüge und Wahrheit zu diskutieren, in denen sie auch weder trinken noch essen durfte, sollen für die 22-Jährige ein Klima der Gewalt und Ausweglosigkeit geschaffen haben. In solchen Nächten soll er die bereits geschwächte Frau in drei Fällen vergewaltigt haben. Erst Jahre später ging Helena P. zur Polizei. Die schickte im April 2015 ein Sondereinsatzkommando in Boses Haus. Bei der Polizei hatte Bose damals gesagt, er hege den Verdacht, dass ein Professor der Hochschule und Helena P. ein Komplott gegen ihn geschmiedet hätten.

Helena P. sei nicht die Sklavin von Bose gewesen, erklärt Anwalt Steffen Ufer für seinen Mandanten. Sie habe gewusst, dass die Waffe nicht scharf sei. Sie sei eine selbstbewusste Frau, die sich bei Übergriffen sofort getrennt hätte. Die Tabletten und Drogen, die die Polizei in Boses Haus fand, seien unter anderem zur Behandlung seines Erwachsenen-ADHS gewesen.

Bose selbst verteilt seinen schriftlichen Lebenslauf an die Prozessbeteiligten. Die Vita nennt seine Kompositions-Werke und seine fünf Kinder, aber auch seine Ehefrauen, Freundinnen, "Techtelmechtel" und reicht bis zur Pensionierung im Jahr 2007 "wegen Burnouts". Wegen des Geldes sei er später zurückgekommen, obwohl er sich an der Hochschule fühlte "wie ein kariertes Zebra". Nach dem Polizeieinsatz 2015 wurde er suspendiert, 2018 pensioniert. Da das Landesamt für Finanzen ihm versehentlich zu viel Pension gezahlt habe, habe er nun "null Beamtenbezüge". Auch seine Krankheiten werden aufgelistet: vier, fünf Bandscheibenvorfälle, schwerste Depressionen, Narkolepsie und ADHS. Ein Psychiater, so Bose, habe ihm mal erklärt, dass man Patienten wie ihm Kokain verschreiben sollte.

Der nächste Prozesstag findet am 23. November unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dann tritt Helena P. in den Zeugenstand.

© SZ vom 14.11.2020/lfr
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