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Prozess in München:"Es war klar, dass da jemand um sein Leben kämpft"

Der Retter als Zeuge vor Gericht: Konsulatsmitarbeiter Solomon Tefera lief sofort los, um zu helfen.

(Foto: Susi Wimmer)

Solomon Tefera half einer 68-Jährigen, als ein Fremder sie beim Haus der Kunst mutmaßlich überfiel und zu Boden drückte. Vor Gericht schildert er, wie er die erstickten Schreie hörte und reagierte.

Von Susi Wimmer

Die Stimme sei von unten gekommen, aus Bodennähe. Ein Schrei nach Hilfe, der unterbrochen, erstickt wurde. "Es war klar, dass da jemand um sein Leben kämpft", sagt Solomon Tefera. Es sind zuweilen winzige Augenblicke, Zufälle, die über Leben und Tod, über Rettung oder Verderben entscheiden. Solomon Tefera war an jenem Dezemberabend im Englischen Garten zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und: Er tat genau das Richtige. Durch sein Eingreifen verhinderte er, dass eine 68 Jahre alte Frau Opfer eines Sexualverbrechens wurde. Als mutmaßlicher Täter sitzt Nicolae C., 45, auf der Anklagebank vor dem Landgericht München I. Er leugnet jegliche Gewalt oder böse Absicht und sagt: "Eine Frau kann man in den Arm nehmen und küssen, bis der Tag kommt. Da ist nichts Schlechtes dabei."

Nicolae C. verschränkt die Arme über seinem grünen Anstaltshemd, lehnt sich zurück und raunt auf rumänisch ein kehliges "Da!", um der achten Strafkammer seine Anwesenheit zu bestätigen. Als die Vorsitzende Richterin Birgit Popp-Lossau pflichtgemäß fragt, wann er geboren sei, murrt der Angeklagte: "Haben Sie denn die Daten nicht da?" Schwerer sexueller Übergriff mit Gewalt in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung steht auf der Anklageschrift, und als die Staatsanwältin den Sachverhalt vorträgt, fragt C. wütend: "Wer hat diese Anklageschrift überhaupt geschrieben?" Sein Anwalt Jürgen Hadinger regt ein Rechtsgespräch an, anschließend stellt die Kammer dem Angeklagten bei einem vollen Geständnis eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und vier Monaten bis drei Jahre und zehn Monate vor. Nicolae C. lehnt ab. "Mein Mandant sieht sich als missverstanden und unschuldig an", zitiert Hadinger seinen Klienten.

Die Ärztin Martina F. (Name geändert) kam am 5. Dezember vergangenen Jahres gegen 18 Uhr gerade von der Apotheke und spielte mit ihrem Hund mit einem Stock hinter dem Haus der Kunst an der Prinzregentenstraße. Laut Anklage sprach Nicolae C. sie auf Englisch an, ob sie mit ihrem Hund kämpfe. Sie verneinte und ging weiter. C. überholte sie, stellte sich vor sie mit ausgebreiteten Armen, hielt sie fest und stieß sie auf die Wiese zu Boden. Mit seinem ganzen Körpergewicht auf ihr liegend, soll er "Bussi, Bussi" gerufen und der 68-Jährigen zwischen die Beine gegriffen haben. Er soll versucht haben, ihre Hose zu öffnen. Die Frau rief um Hilfe. Dann soll Nicolae C. ihr die Zunge mehrmals in den Mund geschoben haben, woraufhin Martina F. kräftig zubiss. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte das Stirnband der Frau genommen und es ihr als Knebel gegen den Mund gedrückt haben, um ihre Schreie zu ersticken. Danach soll er versucht haben, sie mit dem Band zu würgen.

Solomon Tefera, Mitarbeiter im benachbarten US-Konsulat, befand sich gerade auf dem Gelände am Haus der Kunst, als er einen Hilfeschrei hörte. "Ich lief sofort los, konnte aber nicht orten, woher der Schrei kam, es war stockfinster." Er ging hinein in die Dunkelheit, blieb an einer Weggabelung stehen und sah das Leuchthalsband eines kleines Terriers, der bellte. Er ging auf den Hund zu, dann hörte er den zweiten Schrei, "ganz schwach und unterbrochen". Er rief laut "Lass los!" in die Dunkelheit, da sei ein Mann auf ihn zugekommen. "Geh, geh weg", sagte der. Und Tefera tat das Richtige: Er drohte mit der Polizei, lief zurück ins Licht und redete überlaut mit der Einsatzzentrale der Polizei, den Blick immer auf den dunklen Park gerichtet, ob der Fremde ihm folgte.

Da sah er eine Frau mit einem Hund aus dem Gebüsch heraus ins Licht fliehen. "Es war schrecklich zu sehen. Die Dame hätte meine Mutter sein können, sie zitterte, ihre Kleidung war schmutzig." Er brachte die verängstigte Frau in den Container der Wachleute vor dem Konsulat, "ich sagte ihr, dass sie nun in Sicherheit sei". Selbst für ihn, den Retter, sei die Zeit nach dem grausigen Vorfall schwierig gewesen. "Aber es hat geholfen, dass die Sache gut ausging", sagt er.

Nicolae C. räumt nur eine kräftige Umarmung und einen Kuss auf Backe und Mund ein. "Wieso dachten Sie, dass die Frau so etwas will", fragt Richter Eric Ende. "Irgendjemand sagte, wenn Frauen im Park sind, machen sie was mit Männern." Nicolae C. weiß, dass die Polizei seine DNA auf der Kleidung der Frau fand. Deshalb wurde er eine Woche nach der Tat verhaftet. "Und wo steht, dass man eine Frau nicht küssen und anfassen darf?" Paragraf 177 StGB, antwortet ihm das Gericht. Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt.

© SZ vom 03.09.2020/aner
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