bedeckt München 25°

Mordprozess in München:"Die Augen zugemacht und dreimal ganz schnell abgedrückt"

Auftakt im Prozess um Mord in Sportwagen

Der Angeklagte steht im Hochsicherheitsgerichtssaal des Oberlandesgerichts neben seiner Rechtsanwältin.

(Foto: dpa)

Ein 24-Jähriger steht vor Gericht, weil er seinen Drogendealer wegen Schulden in dessen Sportwagen erschossen haben soll. Beim Prozessauftakt gesteht der Angeklagte.

Von Susi Wimmer

"Mörder", kreischt eine Frauenstimme, als David H. und die zweite Schwurgerichtskammer am Landgericht München I den Sitzungssaal betreten. "Du hast unseren Jungen genommen", ruft die Frau. Dann bricht ihre Stimme, Wachtmeister führen sie aus dem Saal, vom Gang her ist lautes Schluchzen zu hören. Unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen hat am Montag der Prozess gegen den 24 Jahre alten David H. begonnen. Er soll im März vergangenen Jahres wegen Drogenschulden seinen mutmaßlichen Dealer Lukas B. (Name geändert) in dessen Porsche direkt vor einer Kirche im Stadtteil Am Hart mit drei Schüssen in den Kopf ermordet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Habgier und Heimtücke vor. David H. ist geständig.

Handyauswertungen, Zeugenbefragungen, DNA-Spuren und Fingerabdrücke, Bilder aus den MVG-Kameras und ein Ohrenzeuge: Es ist eindrucksvoll, was ein Ermittler von der Mordkommission an belastenden Indizien gegen den Angeklagten vorträgt. Der hatte über seine Rechtsanwältin, Daniela Gabler, die Tat zuvor umfassend gestanden. Wie er am Abend des 17. März 2020 vor der evangelisch-lutherischen Versöhnungskirche auf den Rücksitz in den Panamera von Lukas B. stieg, seinen ausgestreckten Arm mit der Waffe hob, dann habe er "die Augen zugemacht und dreimal ganz schnell abgedrückt".

David H. wirkt äußerlich ruhig, ein junger Mann in grauem Sakko und passendem Rolli. Die Szenen im Gericht scheinen ihn nicht zu beeindrucken. Auf die Frage des Gerichts, wann er sich denn verlobt habe, fragt er: "Muss ich das beantworten?"

H. gelang am 9. Februar dieses Jahres die Flucht aus dem Gefängnis. Er versteckte sich in einem Lkw in präparierten Kartons, ließ sich auf der Autobahn aus dem Laster fallen und flüchtete verletzt zu seinem Vater in die Schleißheimer Straße. Beim Verlassen der Wohnung wurde er von Zivilbeamten festgenommen. "Das ist die erste gelungene Entweichung seit fast 25 Jahren", sagt Michael Stumpf, Chef der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. H. sei in einem Arbeitsbetrieb tätig gewesen. Die Flucht sei "nicht ohne die Hilfe von einem oder mehreren Gefangenen" möglich gewesen. Detaillierter will er sich nicht äußern, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Der Auftritt von David H. vor Gericht mag so gar nicht zu dem Bild passen, das am ersten Prozesstag von ihm gezeichnet wird: ein Typ, der seit seinem 18. Lebensjahr kokst, spielsüchtig ist, selbst Drogen verkaufte, der laut seiner Mutter immer mehr wollte, als er sich leisten konnte. Ein junger Mann, der zwar sagt, er sei zum Zeitpunkt der Schüsse "wie ferngesteuert" gewesen, der aber gleichzeitig vor und nach der Tat relativ planvoll vorging.

Lukas B. sei seit 2019 sein Dealer gewesen, lässt der 24-Jährige erklären. Zehn Gramm Koks pro Monat habe er abgenommen, das Gramm für 70 Euro. B. habe ihn häufig nachts angerufen, wenn er nach dem Feiern jemanden brauchte, der ihn heimfuhr. Dafür habe es ein Gramm extra gegeben. Doch mit der Zeit sei er immer abhängiger von B. geworden, und dieser immer machtbesessener. Um seine Schulden zu bezahlen, habe er mit Koks dealen müssen. Und B. habe plötzlich Zinsen verlangt. Hinzu seien auch körperliche Angriffe gekommen. Einmal sei er mit ihm in einen Wald gefahren, B. habe ihn mit einer Waffe bedroht und verlangt, er solle sich ausziehen. Jetzt wisse er, was passiere, wenn er nicht zahle, soll B. gesagt haben. Am Ende habe B. pro Woche 1000 Euro Zinsen verlangt, er hätte 8000 Euro zahlen sollen.

Am Abend des 17. März habe er zwei Lines geschnupft, vom Dachboden eine Selbstladepistole geholt, die ihm ein Familienmitglied geschenkt hatte, und sei mit der geladenen Waffe gegen 18.44 Uhr zu B. in den Porsche gestiegen. "Schieß doch, du Hurensohn. Ich lass dich nicht in Ruhe", soll B. gesagt haben. Dann drückte David H. ab. Die Polizei kennt die Tatzeit so genau, weil ein Zeuge an dem Wagen vorbeiging. Er sah David H. einsteigen und hörte drei dumpfe Schüsse. Er sei sich aber dann doch unsicher gewesen und weitergegangen, sagte der Mann später bei der Polizei.

Erst tags darauf wurde die Leiche von Lukas B. entdeckt. Am 27. März stand das SEK um 6.15 Uhr vor der Türe von David H. Er hatte sich bei seinen Aussagen in Widersprüche verstrickt. Später wurde auch seine Freundin in Haft genommen, weil sie behauptet hatte, sie seien verlobt. Damit hätte sie bei der Polizei nicht aussagen müssen. Später gestand sie, gelogen zu haben. David H. habe sein Handy zurückgesetzt, wollte die Kleidung vom Tattag verschwinden lassen - und habe ihr gegenüber die Tat indirekt eingeräumt.

© SZ.de/dpa/vewo, van
Zur SZ-Startseite
Urteil im Mordprozess nach Verschwinden von Mutter und Tochter

Mordprozess ohne Leichen
:"Wir sind überzeugt, dass er beide getötet hat"

Seit Sommer 2019 fehlt von Maria G. und ihrer Tochter Tatiana jede Spur. Nun ist der Ehemann der Frau wegen Totschlags verurteilt worden. Es ist das Ende eines außergewöhnlichen Verfahrens.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB