Vor Gericht:Illegaler Handel mit Impfnachweisen im Darknet

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Zwei Angeklagte sollen fast 1100 gefälschte Corona-Impfzertifikate verkauft haben. Es sei ganz einfach gewesen, sie zu fälschen. Bis Oktober 2021 sollen sie damit rund 136 000 Euro ergaunert haben.

Von Andreas Salch

Zuerst war es eine Gefälligkeit. Draga P., Pharmazeutisch-Technische-Angestellte, stellte ihrem Bekannten im Juni des vergangenen Jahres in einer Apotheke in Schwabing ein digitales Corona-Impfzertifikat der EU aus, obwohl er nicht geimpft war. Die 53-Jährige tat das, damit sich Dennis Sch. nicht impfen lassen musste und trotz 2-G-Regel weiter in Kneipen gehen konnte. Dann wurde aus der Gefälligkeit ein Geschäft: Draga P. und Dennis Sch., 37, kamen auf die Idee, solche Zertifikate für Impfgegner zu erstellen und sie über das Darknet zu verkaufen. Bis Oktober 2021 sollen sie fast 1100 Corona-Impfnachweise gefälscht und damit rund 136 000 Euro ergaunert haben.

Seit Montag müssen sich beide vor der 8. Strafkammer am Landgericht München I verantworten. Die für Betrug und Korruption im Gesundheitswesen in Bayern zuständige Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg hat Anklage wegen des Verstoßes gegen das Impfschutzgesetz, Geldwäsche und Betrug erhoben. Dennis Sch. wird zudem vorgeworfen, Unterlagen für den Kauf eines Porsche Cayman sowie Zeugnisse der Industrie- und Handelskammer gefälscht zu haben, um so an Jobs als Mediengestalter zu kommen.

Draga P. räumte zum Auftakt des Prozesses unter Tränen sämtliche Vorwürfe ein. Was in der Anklage stehe, treffe zu, so die 53-Jährige in ihrer Erklärung. Allerdings habe sie von dem Geld nichts bekommen. Sie bereue ihren Fehler sehr und schäme sich zutiefst für das, was sie getan habe, sagte die Pharmazeutisch-Technische-Assistentin. Psychisch sei sie angeschlagen und halte sich nurmehr "mit Antidepressiva über Wasser". Weitere Angaben machte Draga P. zunächst nicht.

Bezahlt wurde mit Kryptogeld, der Benutzername lautete "schindlerliste"

An jenem Tag Mitte Juni 2021, an dem die 53-Jährige für Dennis Sch. ein Corona-Impfzertifikat ausgestellt hatte, stellte sie auch ein Exemplar für dessen Verlobte aus, obwohl auch sie nicht gegen das Coronavirus geimpft war. Draga P. habe dies getan, damit Dennis Sch. mit seiner Verlobten in Biergärten und Gaststätten gehen konnte, heißt es in der Anklageschrift.

Auf die Idee, Impfnachweise im großen Stil herzustellen und zu verkaufen, kamen die beiden Angeklagten aufgrund einer technischen Störung, die zur Folge hatte, dass alle vor dem 21. Juni 2021 ausgestellten Zertifikate auf dem Smartphone nicht mehr gültig waren. Draga P. stellte für ihren Bekannten und dessen Verlobte zwei neue her. Dabei soll ihr und ihrem Bekannten aufgefallen sein, dass dies problemlos möglich war.

Ab Mitte August 2021 kümmerte sich Draga P. in der Apotheke, in der sie arbeitete, heimlich um die Generierung von QR-Codes. Dennis Sch.s Aufgabe war es, diese über einen Messengerdienst zu verkaufen. Der Benutzername lautete: "schindlerliste". Die Bezahlung erfolgte in Kryptowährungen. Ende August 2021 lief das Geschäft zunächst nur langsam an, ging mit der Zeit aber immer besser.

Um das Risiko für Draga P., die die Impfzertifikate während ihrer Arbeitszeit herstellte, zu verringern, änderten sie und Dennis Sch. laut Anklage mehrmals ihre Vorgehensweise. Das ging so weit, dass die beiden den Computer in der Apotheke, in der die 53-Jährige angestellt war, so manipulierten, dass dieser sich nachts und am Wochenende selbständig einschaltete. Auf diese Weise konnten QR-Codes mit Daten von Interessenten generiert werden, ohne dass Draga P. Gefahr lief, bei der Arbeit am PC ertappt zu werden. Dennis Sch. will laut seinen Anwälten am Mittwoch eine ausführliche Erklärung abgeben.

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