Demonstration Tausende bei Anti-AfD-Kundgebung in München

Das Licht von 5000 Handys strahlte gegen 21 Uhr eine Botschaft in den Abendhimmel aus - und damit auch Richtung Maximilianeum.

(Foto: Stephan Rumpf)

In Sichtweite des Landtags protestieren sie gegen den Einzug der rechten Partei ins bayerische Parlament. Einer der Veranstalter der Demo berichtet von einem Drohbrief.

Von Martin Bernstein und Magdalena Latz

"Wehret den Anfängen!" Unter diesem Motto sind am Montagabend mehrere Tausend Menschen einem Aufruf von Ulrike Bührlen und Benjamin David von den "Urbanauten" gefolgt und haben für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte demonstriert. Der Anfang - das ist für die Initiatoren der Kundgebung der Einzug der AfD in den Bayerischen Landtag, nur ein paar hundert Meter von der Kundgebung am Maxmonument entfernt. Ein "finsterer Triumph", wie die Organisatoren der Kundgebung bereits im Vorfeld erklärten. "Die AfD nutzt unser demokratisches System um die Demokratie langfristig abzuschaffen", sagte Benjamin David unmittelbar vor Beginn der Kundgebung, "deswegen ist es völlig ok gegen ihren Einzug in den Landtag zu demonstrieren".

Ursprünglich hatte die Demonstration auf der Maximiliansbrücke stattfinden sollen, also noch näher an der Volksvertretung. Doch laut David hatte das Innenministerium keine Ausnahmegenehmigung erteilt - die Demonstranten mussten sich deshalb außerhalb der Bannmeile des Parlaments versammeln, die vom Friedensengel bis zum Müllerschen Volksbad reicht und auch Praterinsel und Maximiliansbrücke einschließt. Der befriedete Bezirk um das Parlament soll nach Angaben aus dem Landtag sicherstellen, "dass die Abgeordneten unbeeinträchtigt von Störungen, wie zum Beispiel Demonstrationen, freie Entscheidungen treffen können".

Unbeeinträchtigt, aber nicht unbeeindruckt: Darauf hofften die Organisatoren. Das Licht von 5000 Handys - so viele Teilnehmer waren es laut Veranstalter - strahlte gegen 21 Uhr eine Botschaft in den Abendhimmel aus und damit auch Richtung Maximilianeum. Das sei "das größte Lightpainting aller Zeiten", sagte der Lichtkünstler Ulrich Tausend. Als Vorbild nannte er die Münchner Lichterkette von 1992, als rund 400 000 Münchnerinnen und Münchner gegen Rassismus und rechte Gewalt demonstriert hatten. Der Verein "Lichterkette" beteiligte sich auch am Montagabend, ebenso Siegfried Benker, Geschäftsführer der Opferberatungsstelle "Before".

Die Organisation hat nach den rassistischen Ausschreitungen von Chemnitz auch in München eine deutliche Zunahme rechter Gewalt registriert. Die Arbeit von Before sei "wichtiger denn je", sagte Benker. "Der Kampf gegen Rechts muss jetzt auch im Landtag geführt werden." Die Veranstalter stellten ihre Kundgebung bewusst in eine Reihe mit Großkundgebungen der zurückliegenden Monate, als jeweils 40 000 Menschen in München gegen Rassismus und rechte Hetze demonstriert hatten. "Bei der Europawahl droht ein europäischer Rechtsruck", befürchten Bührlen und David. "Deshalb dürfen wir jetzt, nach dem 'Sommer der Demos', nicht aufhören, Zeichen zu setzen, für unsere Demokratie, für Frieden, für Freiheit, für die Menschenrechte, für ein geeintes Deutschland in einem offenen Europa."

Mehr als 40 Organisationen und Vertreter des öffentlichen Lebens schlossen sich dem Aufruf an, unter ihnen das Bündnis "München ist bunt", die Schauspielerin Johanna Bittenbinder und der Liedermacher Roland Hefter sowie ihre 200 Kollegen von den "Künstlern mit Herz", Andrea Betz von der Inneren Mission, die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler, Terry Swartzberg von der "Stolpersteine"-Initiative, Georg Fichtner von "Pulse of Europe" sowie Vertreter der Parteien. Viele von ihnen traten am Montagabend mit Statements auf die Bühne. So sagte die Landeschefin der SPD, Natascha Kohnen: "Ich werde niemals einen Mann der AfD zum Vizepräsidenten des Landtags wählen. Das ist für mich eine rechtsradikale Partei." Parteikollege Florian Ritter fordert die Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz.

Peter Heilrath (Grüne) mahnte, man müsse "Rote Linien" ziehen und sie mit den Mitteln des Rechtsstaats verteidigen. Ates Gürpinar, Landeschef der Linken, nannte die Spaltung zwischen Arm und Reich als Ursache des Rechtsrucks. Der Schauspieler Rufus Beck moderierte die Kundgebung; im musikalischen Teil traten unter anderem Roland Hefter, die Kabarettisten Weiherer und Thomas Maurer sowie die Bands Hello Gypsy, Blank-Weinek und Bittenbinder auf. Vor der Bühne waren auch die "Omas gegen rechts" zu sehen. "Ich habe meinen Eltern damals Vorwürfe gemacht, dass sie nicht reagiert haben", sagte Monika Heimerl.

"Und das möchte ich mir später nicht anhören müssen." Wie berechtigt die Warnung vor einem Rechtsruck ist, zeigte ein im Vorfeld an Veranstalter David und dessen Familie gerichteter Drohbrief aus der rechten Szene. Der Verfasser des in München abgestempelten Schreibens drohte: "Sie werden sich für Ihre Untaten rechtfertigen müssen." Bisher, so David, habe er vor allem Hasspostings in den sozialen Medien, aber auch Drohanrufe bekommen. "Nach der kleinen Demo, die ich gegen den AfD-Wahlkampfabschluss mit Alice Weidel organisiert hatte". Jetzt bekämen die Drohungen eine neue Qualität, so der Vorsitzende der Urbanauten. Fassungslos zeigten sich Demo-Teilnehmer: "Ich hätte nie gedacht", so eine Münchnerin, "dass diese Stimmen immer noch und immer wieder existieren, dass aus der Geschichte nichts gelernt wurde, dass Menschen sich wieder für Rassismus entscheiden".

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