Equal-Care-Day:Im Hamsterrad der Pflege

Equal-Care-Day: "Ohne die aufopfernde, zeitintensive Pflege von den Kindern, Töchtern, Schwestern und Schwiegertöchtern würde das System nicht funktionieren", sagt Henrietta Lienke-Wiglinghaus.

"Ohne die aufopfernde, zeitintensive Pflege von den Kindern, Töchtern, Schwestern und Schwiegertöchtern würde das System nicht funktionieren", sagt Henrietta Lienke-Wiglinghaus.

(Foto: Robert Haas)

Frauen wie Henrietta Lienke-Wiglinghaus tragen einen großen Teil der Sorgearbeit für pflegebedürftige Angehörige - ohne dass es die Gesellschaft wahrnimmt. Ein Festival zum Equal-Care-Day in München will auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen.

Von Ekaterina Kel

Ihre Mami liegt ihr am Herzen. So nennt sie ihre Mutter manchmal, auch wenn sie 58 Jahre alt ist und selbst schon einen Sohn hat. Sie will für ihre Mutter da sein. Neben dem Beruf, neben dem eigenen Mutter- und Ehefrausein, neben dem Haushalt, dem Sport, den sie zum Ausgleich macht. Das, was Henrietta Lienke-Wiglinghaus macht, nennt sich Sorgearbeit oder Care-Arbeit. Und meistens ist sie für die Gesellschaft unsichtbar und zudem unbezahlt. Sie passiert scheinbar einfach so, nebenbei - es ist die Arbeit der pflegenden Angehörigen.

Manchmal ruft die Mutter, Hannelore, ihre Tochter dreimal am Tag an. Sie wohnt allein in ihrer eigenen Wohnung in Schwabing, zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Mit ihren 92 Jahren sei sie recht fit, erzählt Lienke-Wiglinghaus, kaufe selbst ein, mache sich immer schick, Lippenstift und Halskette. Bis vor Kurzem sei sie noch Fahrrad gefahren. Aber das hohe Alter und das nachlassende Gedächtnis machten einiges schwieriger. Dank Pflegegrad zwei komme einmal am Tag ein Pflegedienst und helfe ein wenig, zum Beispiel bei der Fußpflege. Denn nach einer kürzlichen Hüft-Operation könne sich ihre Mutter nicht gut bücken. Nach zwei Krankenhausaufenthalten habe außerdem einer der Brüder die Mutter monatelang zu Hause unterstützt. Die ganzen Finanzen, der Papierkram, die Orga - die habe sie schon vor etwa zwei Jahren abgegeben. In die Hände von Henrietta Lienke-Wiglinghaus.

Es sei für sie eine Selbstverständlichkeit, für ihre Mutter da zu sein, sagt die Tochter. Beim Gespräch im Café legt die brünette Frau die Finger beider Hände immer wieder zusammen, als ob sich ein Kreis schließen würde. An den Handgelenken trägt sie feine goldene Armbänder. Auch wenn es manchmal anstrengend sei, hätten sie "eine sehr enge Beziehung" zueinander, sagt die 58-Jährige. "Sie ist auch ein großes Vorbild für mich."

Sie sei die erste Bezugsperson ihrer Mutter geworden. Das heißt, die Anrufe entgegenzunehmen, für all die kleinen Fragen da zu sein. Mal sind es Briefe an Versicherungen oder Banküberweisungen, mal funktionieren der Computer oder der Fernseher wieder nicht, mal braucht sie neue Winterschuhe. "Natürlich bin ich manchmal auch genervt. Das ist anstrengend und mühsam. Aber meine Eltern haben so viel für mich und meinen Sohn getan. Jetzt gebe ich etwas zurück." So sei er eben, der Zyklus des Lebens.

So wie Lienke-Wiglinghaus, geht es sehr vielen Menschen in Deutschland. Knapp mehr als die Hälfte, 51 Prozent, aller Pflegebedürftigen wurden 2019 laut Statistischem Bundesamt ausschließlich durch Angehörige zu Hause versorgt. Bei weiteren 30 Prozent kommt ein ambulanter Pflegedienst oder eine selbstorganisierte Haushalts- und Pflegehilfe, oft aus Osteuropa, in ihr Zuhause, aber im Hintergrund sind häufig weiterhin die Angehörigen aktiv: Sie organisieren, telefonieren, schreiben Anträge, kümmern sich um Sorgen, planen die Zukunft. Sehr häufig sind es Frauen. Lienke-Wiglinghaus sagt: "Ohne die aufopfernde, zeitintensive Pflege von den Kindern, Töchtern, Schwestern und Schwiegertöchtern würde das System nicht funktionieren."

Laut einer Studie der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB), die zwischen beruflich und informell Pflegenden unterscheidet, leistete in München im Jahr 2021 die berufliche Pflege etwa 249 400 Arbeitsstunden pro Woche, die informelle Pflege kam auf fast doppelt so viele, mindestens 410 000 "Sorge- und Pflegestunden" pro Woche.

Lienke-Wiglinghaus arbeitet in Teilzeit als Art Direktorin in einem großen Verlag. Vor ein paar Jahren hat sie noch nebenbei angefangen, Philosophie zu studieren. Es "stützt" sie, wie sie sagt. Daneben leiste sie etwa zehn bis 15 Stunden in der Woche Sorgearbeit für ihre Mutter, schätzt Lienke-Wiglinghaus. Und weil sie findet, "dass das Arbeit ist", hat sie mit ihren Brüdern vereinbart, dass sie 400 Euro monatlich von ihrer Mutter dafür bekommt, seit etwa einem Jahr. "Da habe ich ein besseres Gefühl und meine Mutter auch."

"Das Hamsterrad muss weg."

Die meisten Angehörigen dürften für ihre Sorgearbeit nichts bekommen. Der Deutsche Frauenrat, eine Dachorganisation verschiedener Frauenverbände, fordert deshalb eine Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige. Bisher gibt es nur einen Anspruch auf ein kurzfristiges Pflegeunterstützungsgeld für bis zu zehn Tage - das steht in keinem Verhältnis zu der geleisteten Sorgearbeit, die über Monate oder Jahre dauert.

In Zukunft wird der Druck noch wachsen. Angesichts des demografischen Wandels auf das "klassische Modell" der pflegenden Angehörigen zu setzen, sei unrealistisch, sagt einer der Autoren der VdPB-Studie, Thomas Klie. "In allen Regionen Bayerns geht das informelle Pflegepotenzial in den kommenden 20 Jahren zurück", heißt es in der Studie. Es werde schlicht zu wenig junge Pflegende für zu viele Pflegebedürftige geben.

"Warum empören wir, die pflegenden Angehörigen, uns nicht flächendeckend im ganzen Land?" Das fragt Brigitte Bührlen in ihrem "Manifest für eine menschliche Pflege". Die Münchnerin hat 2010 die Stiftung "Wir!" gegründet. Sie hat selbst 20 Jahre lang ihre demenzkranke Mutter gepflegt. Nun fordert sie mehr Aufmerksamkeit für das Thema in der Politik, ihr schwebt eine landes- und parteiübergreifenden Kommission vor, die Pflege insgesamt neu ausrichten sollte. "Die Angehörigen-Pflege findet in einem Hamsterrad statt. Der Staat polstert es hier und da etwas aus. Aber das Rad bleibt. Ich sage: Das Hamsterrad muss weg", sagt Bührlen.

Und in dem Hamsterrad befinden sich vor allem Frauen. Sie verwenden durchschnittlich 52 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit als Männer, sagt Soziologin Jutta Allmendinger in einem Podcast des Statistischen Bundesamts, also für Sorge um pflegebedürftige Angehörige, aber auch Kinder. An diesem Donnerstag, 29. Februar, findet in München deshalb zum ersten Mal ein Festival zum sogenannten Equal-Care-Day statt, um auf die Lücke zwischen den Geschlechtern bei der Care-Arbeit, also Sorgearbeit, aufmerksam zu machen. Weil es überwiegend "unsichtbare Arbeit" sei, hingenommen von Politik und Gesellschaft, mache man den Aktionstag an einem Schalttag, dem 29. Februar, der seinerseits im Kalender unsichtbar ist, heißt es auf der Homepage. In allen anderen Jahren findet er am 1. März statt.

Von morgens bis abends gibt es Programm im Kulturzentrum Luise an der Ruppertstraße. Höhepunkt ist der Keynote-Vortrag der Journalistin und Autorin des Buchs "Das Unwohlsein der modernen Mutter", Mareice Kaiser. Auch Brigitte Bührlen gibt dort einen Workshop zum Thema pflegende Angehörige.

Zusammen mit mittlerweile 15 anderen Organisationen hat sich ein Münchner Bündnis Equal Care gefunden. Die Gerechtigkeit bei der Verteilung von Sorgearbeit sei "eine der sozialen Fragen unserer Zeit schlechthin", sagt eine der Organisatorinnen, Michaela Mahler von der Münchner Initiative Nachhaltigkeit. Die Emanzipation habe dazu geführt, dass Frauen berufstätig sein dürfen. Dabei sei aber vergessen worden, dass Frauen ja bereits einen Vollzeitjob hatten -Haushalt, Kinder, Familie. Diesen dann auch neu zu verteilen und zu organisieren, sei aber von der Gesellschaft verpasst worden.

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