Olympische Spiele 1972:Der Erfinder der Ehrenrunde

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Olympische Spiele 1972: Auf dem Weg in die Geschichtsbücher: 400-Meter-Hürdenläufer John Akii-Bua, erster Olympiasieger aus Uganda.

Auf dem Weg in die Geschichtsbücher: 400-Meter-Hürdenläufer John Akii-Bua, erster Olympiasieger aus Uganda.

(Foto: Imago)

Auf der Laufbahn überwindet John Akii-Bua die Hürden scheinbar mühelos. Mit seiner Fröhlichkeit avanciert der Leichtathlet aus Uganda zum Liebling des Münchner Publikums. Doch das Olympiagold bringt ihm kein Glück.

Von Roman Deininger und Uwe Ritzer

Sein Herz, hat John Akii-Bua später erzählt, habe in den Stunden vor dem Endlauf "geschlagen wie ein Maschinengewehr". Akii-Bua, der Sohn ugandischer Hirten, ist im Halbfinale über 400 Meter Hürden die beste Zeit aller Teilnehmer gelaufen. Und das obwohl er kurz vor dem Ziel ein paar Mal die Knie nach oben gezogen hat, als wolle er noch schnell überschüssige Energie loswerden. Dennoch handelt ihn kaum ein Experte für die Goldmedaille. Manche sagen, ihm fehle der nötige Ernst. Ist er nicht ständig in der Disco des olympischen Dorfs gesichtet worden? Bei anderen hat sich womöglich das rassistische Vorurteil gehalten, dass die Hürdendisziplin für Läufer aus Afrika zu anspruchsvoll sei, zu wissenschaftlich.

Die meisten Hürdenläufer können nur mit einem Bein abspringen, mit dem linken oder dem rechten. Sie sind darauf angewiesen, die Schritte zwischen den Hürden exakt zu zählen, sonst treffen sie den Absprung nicht sauber. Doch Akii-Bua, der 22 Jahre alte Polizeirekrut, hat eine besondere Gabe. Ob links oder rechts: Wenn die Hürde da ist, fliegt er drüber.

"Mankiller" nennen Leichtathleten die 400 Meter Hürden, jeder einzelne Lauf ist eine Tortur. Akii-Buas Trainer, der Brite Malcolm Arnold, hat vor Olympia im Training die Hürden um zehn Zentimeter erhöht und seinem Schützling eine zwölf Kilo schwere Bleiweste angelegt. Arnold weiß, dass Akii-Bua siegen kann. Er darf vorher nur nicht zu viel darüber nachdenken, was dieser Sieg bedeuten würde.

Die Verheißungen der Unabhängigkeit erfüllen sich in Uganda nicht

Die jungen Nationen der Dritten Welt beanspruchen in München ihren Platz auf der globalen Bühne des Sports. In Berlin 1936 nahmen gerade mal 49 Nationen teil, 1972 sind es 121. Die europäischen Kolonien in Afrika, Asien und der Karibik sind zerfallen. Der Äthiopier Abebe Bikila ist zur Ikone geworden, als er 1960 im nächtlichen Rom barfuß den Marathon gewann, die erste Goldmedaille für einen Athleten aus Subsahara-Afrika. Bikilas Triumph ist eine Inspiration für den ganzen Kontinent. Uganda hat sich 1962 von britischer Herrschaft befreit, olympisches Gold ist dem Land bisher verwehrt geblieben.

Die Verheißungen der Freiheit haben sich in Uganda politisch nicht erfüllt, Korruption und Stammeskonflikte behindern den Aufbruch. 1971 hat sich der Offizier Idi Amin an die Macht geputscht, viele Menschen setzen ihre Hoffnungen zunächst in den vermeintlich starken Mann. Unter den brutalen Despoten Afrikas entpuppt sich Amin als der wohl übelste, ein Popstar unter den Schlächtern, der seine Gegner an Krokodile verfüttert. John Akii-Bua ist Christ und gehört zum Stamm der Langi - für beides kann man in Amins Uganda schnell umgebracht werden. Die Radio- und Fernsehübertragung des Münchner 400-Meter-Hürden-Finales hat der Diktator verboten.

"Das ganze Stadion stand still im Respekt für eine kleine Nation auf dem Weg ins Desaster"

An all das darf Akii-Bua nicht denken, als er am 2. September um seinen Startblock herumtänzelt. Der elegante Brite David Hemery ist der Favorit, zumal Akii-Bua die Innenbahn zugelost wurde, wo der Kurvenlauf im engsten Radius noch mehr Kraft erfordert. Hemery geht stark an, doch am Beginn der Zielgeraden ist Akii-Bua gleichauf. Offenbar mühelos zieht er vorbei und läuft zum historischen Gold. 47,82 Sekunden, Weltrekord, als erster Mensch unter 48 Sekunden. Nach dem Zielstrich läuft er vor Glück einfach weiter und weiter, überquert unsichtbare Hürden. Der Moment gilt im Rückblick als Erfindung der Ehrenrunde. Die Münchner Zuschauer könnten nicht begeisterter jubeln, wenn ein Deutscher gewonnen hätte. Das ist außergewöhnlich in einer Zeit, in der schwarze Athleten von deutschen Journalisten noch völlig ungeniert "schwarze Gefahr" genannt werden.

Bei der Siegerehrung trägt Akii-Bua ein Stirnband in den Farben Ugandas, schwarz, gelb, rot.

Olympische Spiele 1972: Bahnbrechend: John Akii-Bua erfindet in München nicht nur die Ehrenrunde, er macht auch das Küssen der Medaille bei der Siegerehrung populär.

Bahnbrechend: John Akii-Bua erfindet in München nicht nur die Ehrenrunde, er macht auch das Küssen der Medaille bei der Siegerehrung populär.

(Foto: AP)

"Die ugandische Nationalhymne wurde gespielt", erinnerte er sich später, "und das ganze Stadion stand still im Respekt für eine kleine Nation auf dem Weg ins Desaster." Uganda taumelt vor Freude, Akii-Buas Bild findet wie das eines Heiligen seinen Weg in die Häuser und Hütten des Landes. Akii-Bua ist klar, dass das dem Diktator in Kampala nicht gefallen kann. Nach der Schlussfeier verabschiedet er sich in der Dunkelheit vor dem Stadion von seinem Trainer Malcolm Arnold, nach vier gemeinsamen Jahren. Der eine fliegt heim nach London. Und der andere kehrt zurück in Idi Amins Uganda.

John Akii-Bua ist nun ein Volksheld, Amin kann ihn nicht einfach ermorden wie Hunderttausend andere. Der Despot empfängt ihn notgedrungen königlich, und wenn Amin aus dem Ausland mal wieder die systematische Verfolgung des Langi-Volkes vorgeworfen wird, zeigt er auf den Goldjungen und sagt: "Ihr behauptet, ich töte die Langi? Hier sind sie doch." Akii-Bua lebt, aber er lebt in ständiger Furcht. Er darf nicht reisen, drei seiner Brüder verschwinden in Amins Gefängnissen.

In Idi Amins Uganda fürchtet Akii-Bua täglich um sein Leben - er flüchtet in den Alkohol

Montreal 1976 verpasst er, weil Uganda mit 15 anderen afrikanischen Ländern die Spiele boykottiert, nachdem Neuseelands Rugby-Team folgenlos ein Länderspiel im Apartheidstaat Südafrika absolviert hat. Es sei seine "Pflicht", gegen "Menschenrechtsverletzungen" zu protestieren, fabuliert Amin. Akii-Bua hat da schon sein Zimmer im olympischen Dorf bezogen, umsonst. Zu Hause flüchtet er sich in den Alkohol, fürchtet täglich um sein Leben. Wenn er in München nicht Gold geholt hätte, schreibt er in sein Tagebuch, "hätte ich aus Uganda fliehen können. Aber ich habe die höchste Ehre für mein Land erreicht, ich konnte es nicht verlassen. Uganda war wie ein Gefängnis."

Als 1979 die Schreckensherrschaft Amins in Kriegswirren zu Ende geht, lässt Akii-Bua seine hochschwangere Frau und seine Kinder ins sichere Kenia schleusen. Der berührende Dokumentarfilm "The John Akii Bua Story" des Briten Daniel Gordon von 2008 erzählt, wie er selbst es außer Landes schafft: Er wird in seinem Auto von mehreren Mercedes-Limousinen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen überholt und hängt sich an die Stoßstange - in der Kolonne des deutschen Botschafters gelangt er über die kenianische Grenze. Die Bundesrepublik ist eine Art Schicksalsland für John Akii-Bua.

Das Heimweh wächst und wächst, richtig glücklich wird er nicht mehr

Nach einigen Monaten dreht ein europäisches Kamerateam in dem Flüchtlingslager, in dem er und seine Familie untergekommen sind. Zufällig erkennt ein Reporter, dass der abgemagerte Mann, der da vor ihm kauert, der Held von München ist. Die Bilder gelangen auch nach Herzogenaurach, wo Puma beheimatet ist, dessen Schuhe Akii-Bua bei seinem Olympiasieg getragen hat. Unternehmenschef Armin Dassler beschließt sofort, ihn und seine Familie nach Deutschland zu holen. Er bekommt einen Job als Markenbotschafter, es gibt wunderbare Bilder aus diesen Jahren: Akii-Bua radelt durch Herzogenaurach, vorbei an Fachwerkhäusern, die Leute winken.

Doch das Heimweh wächst und wächst. "Hier ist alles", sagt er dem Kicker, "aber dein Herz ist weit weg." Seine deutschen Weggefährten wie Speerwurf-Olympiasieger Klaus Wolfermann ahnen, dass Akii-Bua eher früher als später zurückgehen wird in seine immer noch zerrüttete Heimat. 1983 ist es so weit. In Uganda arbeitet er erst als Leichtathletik-Trainer, dann wieder als Polizist. Richtig glücklich wird er nicht mehr. Am 20. Juni 1997 stirbt er verarmt in Kampala, nach offiziellen Angaben an Krebs. Bei Puma in Herzogenaurach glauben sie bis heute, dass Aids die wahre Todesursache war. Einer der beiden roten Schuhe, in denen John Akii-Bua 1972 zum ersten Olympiagold für Uganda lief, steht dort im Archiv.

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