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Brauereien in München:Wiesn nein, Bier ja

Oktoberfest 2017 - Auftakt

Das Oktoberfestbier hat besonders süffig zu sein und einen Stammwürzeanteil von mindestens 13,5 Prozent aufzuweisen.

(Foto: Tobias Hase/ dpa)

Wegen der Corona-Pandemie gibt es in diesem Jahr kein Oktoberfest, auf das traditionelle Festbier aber müssen die Liebhaber nicht verzichten. Wie viel es davon geben wird, ist aber offenbar noch ein Geheimnis.

Von Franz Kotteder

Es soll tatsächlich Menschen geben, die gut auf die Wiesn verzichten können, solange es das Wiesnbier gibt. Frei nach dem Motto: "Zur Not ess' ich die Wurst auch ohne Brot." Diese Menschen kommen in diesem Jahr sicher gut durch den Herbst, obwohl es kein Oktoberfest geben wird. Denn das Wiesnbier, das wird es trotzdem geben.

Tatsächlich ist es keineswegs so, dass die großen Münchner Brauereien, die auf dem Oktoberfest ausschenken dürfen, durch die Absage der Wiesn in die Bredouille geraten sind. Obwohl sie ja eigentlich gut sieben Millionen Liter weniger absetzen - das ist die Menge, die normalerweise an den 16 Tagen zwischen Ende September und Anfang Oktober beim größten Volksfest der Welt auf der Theresienwiese konsumiert werden. Darauf sitzen bleiben werden sie jedenfalls nicht. "Die Absage kam ja so rechtzeitig", sagt Birgit Zacher, die Sprecherin der beiden großen Brauereien Paulaner und Hacker-Pschorr, die zum Schörghuber-Konzern gehören, "dass wir uns darauf einstellen konnten." Denn das Bier für die Wiesn wird jedes Jahr erst Mitte Juli angesetzt, damit es bis Mitte September fertig ist.

Es ist aber auch keineswegs so, dass die Brauer deshalb auf Kurzarbeit gesetzt werden mussten. Denn das Wiesnbier gibt es seit vielen Jahren auch im Getränkehandel und in der Gastronomie, außerhalb der Wiesn - und in diesem Jahr halt auch deutlich mehr davon als sonst. Zahlen sind von den Brauereien allerdings nicht zu bekommen, der Hektoliterausstoß ist offenbar ein großes Betriebsgeheimnis. Birgit Zacher druckst herum, wenn das Gespräch darauf kommt, und lässt sich gerade mal ein: "In Flaschen füllen wir nur ganz wenig ab!", aus der Nase ziehen. Und Spaten und Löwenbräu, die beide zum großen internationalen Braukonzern Anheuser Busch-InBev gehören, bekommen auch mit mehreren Tagen Vorlauf keine Antwort zustande.

Der Großteil des Wiesnbiers, das trotz der Absage gebraut wird, fließt wohl in Fässer für die Gastronomie, so viel lässt sich aus den spärlichen Antworten dann doch herauslesen. Wie es in den Kneipen und Wirtshäusern nachgefragt wird, wenn es kein Oktoberfest gibt, lässt sich wohl nur mutmaßen - Erfahrungswerte gibt es ja nicht. Aber es gibt jedenfalls eine 16-tägige "Wirtshaus-Wiesn" in rund 50 Gaststätten, da ist eine gewisse Nachfrage sicher zu erwarten. Und schließlich handelt es sich wirklich um etwas Besonderes.

Dies ist seit etwa 150 Jahren so. Anfangs hatte die Wiesn nämlich gar nicht so sehr den Ruf eines Bierfests. Bis 1871 wurde dort nur das sogenannte Sommerbier ausgeschenkt, ein normales Lagerbier. Das aber ging damals wegen des heißen Sommers aus. Weil so etwas aber nicht sein durfte, wagte es der Wiesnwirt Michael Schottenhamel im Jahr darauf, das stärkere Märzenbier auszuschenken, zu einem deutlich höheren Preis. "Wann die Münchner was Richtigs kriagn, na schaugn sie s'Geld net o!", lautete seine Begründung. Eine Annahme, auf die sich Brauereien und Wiesnwirte bis heute offenbar erfolgreich verlassen, verfolgt man die Bierpreisdebatten über die Jahre hinweg.

Seither gilt jedenfalls: Das Oktoberfestbier hat besonders süffig zu sein und einen Stammwürzeanteil von mindestens 13,5 Prozent aufzuweisen. Lange Zeit war das Oktoberfestbier besonders dunkel, erst seit den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde es wieder heller. Heute ist es eine geschützte Marke und darf nur von den sechs Brauereien Hacker-Pschorr, Paulaner, Spaten, Löwenbräu, Augustiner und Hofbräu gebraut und auf der Wiesn ausgeschenkt werden. Wobei sich die Giesinger Brauerei langsam anschickt, auch diese Bastion zu erobern. Man darf gespannt sein, mit welchen Argumenten sich vor allem die immer globaler und neoliberaler agierenden großen Braukonzerne gegen diese Konkurrenz positionieren wollen - wo doch sonst der Markt alles regelt?

Vorderhand pflegt man jedoch die Tradition. Und beim Schörghuber-Konzern überlegt man sogar, ob es vielleicht doch wieder die traditionelle Bierprobe vor der Wiesn geben soll, obwohl es keine Wiesn gibt. Auch wenn das Ergebnis womöglich wieder haargenau so ausfallen könnte wie all die Jahrzehnte davor: Das neue Wiesnbier - es schmeckt doch wieder überraschend gut!

© SZ vom 08.08.2020/syn
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