Olympia-Stadt München:"Schmutziger als Bochum und lauter als Berlin"

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Als Zuschauer am Rande des Länderspiels BR Deutschland gegen die UdSSR v li NOK Präsident Willi D; Serie "Auf der Siegerstraße", Sport Region

NOK-Präsident Willi Daume, Architekt Günter Behnisch und Hans-Jochen Vogel (von links).

(Foto: imago)

Als die Olympischen Spiele 1972 nach München kamen, zeichneten zwei angesehene Magazine ein düsteres Bild von der Stadt. Eine Sache hat sich seither in der Tat nicht verbessert.

Glosse von Anna Hoben

Die literarische Gattung der Städtebeschimpfung ist eine hohe Kunst, der Schutzheilige der Grantler alias Thomas Bernhard hat sie in Stücken, Romanen und Briefen zur Perfektion gebracht. Über skandinavische Hauptstädte: "Stockholm, was für eine öde Stadt, ganz zu schweigen von Oslo, enervierend, sagte er, nervenzerstörend. Kopenhagen, nun ja." Über Paris: "Ich finde Paris abscheulich / alle Welt will nach Paris / für mich war Paris immer die hässlichste Stadt die ich kenne." Besonders schlimm traf es Augsburg: "Gibt es denn in Augsburg / überhaupt einen Arzt / einen Rheumaspezialisten / in diesem muffigen verabscheuungswürdigen Nest / in dieser Lechkloake?"

Der österreichische Schriftsteller hat die Latte hoch gehängt. Aber die beiden Porträts über München, die im Januar 1972 anlässlich der bevorstehenden Olympischen Spiele im Zeit-Magazin und im Spiegel erschienen sind und die die Welt vor Kurzem ausgegraben hat, hätten Bernhard zur Ehre gereicht. "Die unheimliche Stadt" titelte das Zeit-Magazin. München sei "Deutschlands dreckigste Metropole, schmutziger als Bochum und lauter als Berlin". Mediziner, Statistiker und Beerdigungsunternehmer wüssten: "Wer in München lebt, stirbt früher."

Ähnlich negativ mutete die Titelgeschichte zur "Olympiastadt München" im Spiegel an. Das Magazin fasste zusammen: "ärgste Boden-Spekulation", "größte Autodichte", "schlechtere Luft als selbst Industriereviere wie Ludwigshafen-Mannheim", höchste Krebssterblichkeit in ganz Deutschland, und zu allem Überfluss noch dies: "Statt fülliger Kellnerinnen bedienen im Hofbräuhaus mürrische Ober." Fazit: Die Weltstadt mit Herz sei "vom Infarkt bedroht".

In einem Gastbeitrag in der Zeit wehrte sich Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel gegen die "Stadt-Beschimpfung aus Niederdeutschland". München sei "durchaus nicht die giftigste Stadt", sondern schlicht die einzige, die die Luftverschmutzung schon kontinuierlich seit 1964 messe. In der Stadt nahm man sich indes die Kritik auch zu Herzen. Im überfüllten Mathäser-Festsaal debattierten im Februar die OB-Kandidaten über "München - die unheimliche Stadt?". Die abschließende Diskussion mit dem Publikum sei "teilweise turbulent" verlaufen, berichtete die SZ.

Heute, im Olympia-Jubiläumsjahr, kann sie berichten: An der Sache mit der Bodenspekulation hat sich in 50 Jahren nichts geändert.

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