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Arena in Fröttmaning:"Es gibt Anwohner, die kriegen bei jedem Spiel fast einen Herzinfarkt"

MUENCHEN: Allianz-Arena / Parkplatzchaos etc

Chaos mit Ankündigung: Bei Fußballspielen begeben sich viele Autofahrer auf die Suche nach Parkplätzen in der Umgebung.

(Foto: Johannes Simon)

Heimspiel für den FC Bayern? Für die Anwohner in Freimann bedeutet das vor allem eins: Ausnahmezustand.

Von Stefan Mühleisen

Die sieben Männer schütteln den Kopf, dann prusten sie los. Ein irres Wiehern ist das, während die Frau aus dem Kreis Biberach die Türe ihrer BMW-Limousine zuknallt. Es ist kein hämisches und schon gar kein fröhliches Lachen. Es ist das ungläubige Schnauben von Ratlosen, die nicht begreifen können, mit welcher Selbstverständlichkeit die Frau ihren Wagen quer über den Gehsteig parken will. "Die parken doch alle hier, dann zahle ich halt einen Strafzettel", hatte sie gesagt. "Das gibt's doch nicht. Wie kann man nur so rücksichtlos sein", entfährt es Werner Strobl. Die Frau zischt ein paar wütende Worte, dann ist sie weg. Willkommen in der Siedlung Kieferngarten, anderthalb Stunden vor dem Anpfiff in der Allianz-Arena.

Es ist Mittwochabend dieser Woche, Bayern München trifft in der Champions-League-Revanche auf den FC Arsenal - und in den südlich angrenzenden Wohngebieten bricht mal wieder der Ausnahmezustand aus, der längst ein Normalfall ist. Strobl ist Vizevorsitzender der Siedlerschaft Kieferngarten, neben ihm stehen Vertreter der Interessengemeinschaft Auensiedlung und der Mietergemeinschaft Burmesterstraße. Sie sind mal wieder auf einem Rundgang durch ihr Viertel, es geht wieder mal um eine Bestandsaufnahme der Zumutungen, Unarten und Dreistigkeiten. "Es gibt Anwohner, die kriegen bei jedem Spiel fast einen Herzinfarkt, so regen die sich auf über die Zustände", weiß Werner Strobl.

Seit zehn Jahren gibt es die Arena in ihrer Nachbarschaft. Und so lange schon fallen vor Fußballspielen Hunderte Autos wie Heuschrecken in die ansonsten ruhige Gegend rund um den U-Bahnhof Kieferngarten ein. Sie kurven durch die kleinen Seitenstraßen vorbei an Einfamilienhäusern, stellen ihre Wagen auf Gehsteigen, auf Grünstreifen, vor Hauseinfahrten ab. Die Anwohner sehen sich machtlos einer gleichgültigen Blech-Armada gegenüber. "Die stellen sich hier kreuz und quer hin, das ist denen völlig egal", zürnt Strobls Siedlerschaftskollege Walter Hilger.

19.30 Uhr. Am Bahnhof Kieferngarten fährt eine U-Bahn Richtung Stadion ein, ein Knäuel aus Fußball-Fans zappelt im hellen Neonlicht. Menschentrauben wandern die Kieferngartenstraße hoch, Autos parken Stoßstange an Stoßstange. Ecke Tujaweg hat jemand seinen BMW X5 in einer Hofeinfahrt abgestellt, am Zaun hängt ein Schild "Einfahrt bitte freihalten". Ein paar Meter weiter hat ein Münchner VW-Busfahrer das gleiche höfliche Anliegen ignoriert. Werner Strobl und seine Mitstreiter vertreiben sich die Zeit mit Anekdoten. "Ich habe mal zwei Männer gefragt, warum sie ihr Auto auf dem Gehsteig abstellen. Da hat der eine gesagt: Halt's Maul, sonst haue ich dir die Bierflasche auf den Kopf", erzählt Franz Obst, Vorsitzender der Mietergemeinschaft Burmesterstraße/Bauernfeindstraße. "Viele reagieren aggressiv. Die sagen: Ich bin Steuerzahler und darf ja wohl mein Auto hier abstellen", berichtet Paul Seer aus der Auensiedlung.

Seit Anfang des Jahres ist der immense Frust der Freimanner noch weiter angeschwollen. Der FC Bayern darf die Zuschauerränge bei Bundesligaspielen um 4000 auf 75 000 Plätze aufstocken; knapp 70 000 dürfen es bei internationalen Spielen sein. "Seitdem ist es noch schlimmer geworden", versichert Walter Hilger. Er zählt zu jenen, die schon während der Planungen für die Arena davor gewarnt hatten, dass die Fußballfans die Siedlungen zuparken werden.

Seit Jahren fordern die Anwohner-Initiativen von der Stadt ein "Anwohnerschutzkonzept"; ihre Idealvorstellung ist ein restriktives Durchfahrtsverbot für Auswärtige, von massiver Polizeipräsenz durchgesetzt. Die Stadtteil-Politiker stehen dahinter. Doch ebenso mantraartig, wie die Anwohner auf eine Lösung dringen, so heißt es bis heute von der Polizei: Es gibt keine Rechtsgrundlage für Absperrungen, schließlich seien das öffentliche Straßen.

Dennoch arbeitet das Planungsreferat derzeit an einem Konzept, das im Frühjahr 2016 dem Stadtrat vorgelegt werden soll. Der Stadtrat muss ohnehin die Kapazitätserweiterung noch dauerhaft genehmigen; die Testphase läuft bis zum Ende der Bundesliga-Spielzeit am 31. Juli 2016. Maßgeblich ist dabei aber offenbar nicht die Parksituation in den Wohngebieten. Ein Gutachten hatte schon im Frühjahr bescheinigt, dies lasse sich verträglich abwickeln. Entscheidend ist vielmehr, ob der Bus-Shuttle-Service zwischen Donnersbergerbrücke und Stadion die U-Bahn-Linie U 6 signifikant entlasten kann. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) sieht dies als unerlässlich für eine dauerhafte Genehmigung an. Der kostenlose Bringdienst für die Fans war zunächst etwas schleppend angelaufen. "Bei internationalen Spielen wird die erforderliche Auslastung von 630 Fahrgästen inzwischen in der Regel erreicht", sagt ein MVG-Sprecher. Luft nach oben gebe es jedoch bei den Bundesligaspielen; dann würden etwa 1200 Fahrgäste das Angebot nutzen, 1600 seien jedoch erforderlich.

In Freimann dagegen herrscht dicke Luft, wann immer die Außenhaut des Stadions zu leuchten beginnt. Die Männer laufen jetzt durch den Schlößlanger. Ein Rinnsal quer über den Gehweg zeigt, dass sich hier unlängst jemand erleichtert hat. Vom Stadion her krächzt ununterbrochen eine Megafon-Durchsage: "Nach rechts fahren, nach rechts fahren." Ein Mann aus der Südwestpfalz sperrt sein SUV ab, zwei Drittel des Wagens ragen in den Gehsteig. Ein Fall für die Freimanner Abordnung. Der Mann bemüht sich um einen freundlichen Ton, immerhin. Und es wird deutlich, weshalb so viele das Wohngebiet bevorzugen - und eben nicht die Parkhäuser am Stadion benutzen. Es dauere mindestens zwei Stunden, bis man da nach dem Spiel wieder rauskommt, sagt er, das gehe nicht bei 400 Kilometern Rückfahrt: "Ich verstehe ihre Probleme. Ich würde hier nicht wohnen wollen."

Wieder so ein Satz, der einen erbitterten Lachanfall bei den Anwohnervertretern auslöst. Die Leute, sie hätten Verständnis, sagt Richard Högl aus der Auensiedlung verdrossen, "und sie parken trotzdem hier". In der Bauernfeindstraße, auf der anderen Seite der U-Bahn-Gleise, treffen sie auf eine Polizeistreife. Ein Beamter klemmt einen Strafzettel hinter den Scheibenwischer eines Kleinwagens. "Vielleicht trägt das ja Früchte", spricht Strobl ihn an. "Nein, das trägt keine Früchte. Zehn Euro, das kostet auch das Parkhaus. Da lachen die doch drüber", antwortet der Polizist. Der Hauptkommissar weiß zudem, dass es in Freimann Leute gibt, die im Internet ihren privaten Stellplatz gegen Barzahlung anbieten: "Was soll man da machen?" An manchen Spieltagen, so sagt der Beamte, würden bis zu 100 Strafzettel zusammenkommen.

20.30 Uhr, noch eine Viertelstunde bis Spielbeginn. Ein Abschleppwagen hält neben der Streife. Zwei Autos habe er schon abgeschleppt, berichtet der Fahrer. Hilger weiß, warum die Fußballfans das immer wieder in Kauf nehmen: "Ich habe schon Leute gesehen, die standen eine Viertelstunde vor Spielbeginn heulend an Straßenrand, weil sie partout keinen Parkplatz gefunden haben."

© SZ vom 07.11.2015/infu
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