Landwirtschaft:München will "größter Öko-Bauer Bayerns" werden

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Landwirtschaft: München will seine zehn eigenen Güter künftig nur noch ökologisch bewirtschaften.

München will seine zehn eigenen Güter künftig nur noch ökologisch bewirtschaften.

(Foto: Florian Peljak)

Bis 2028 wird die Stadt ihre eigenen Güter komplett auf Ökolandwirtschaft umstellen - so der ambitionierte Plan. Das größte Problem dabei ist allerdings hausgemacht.

Von Thomas Anlauf

Es ist kein Zufall, dass der sieben Tonnen schwere Traktor am Dienstagmittag auf dem Marienplatz parkt. Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) und Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU) wollen beim Pressetermin zeigen, dass München nicht nur großstädtisch, sondern auch sehr landwirtschaftlich sein kann. Ökologisch-landwirtschaftlich, genauer gesagt - so wie es viele Tausend Münchner vor drei Jahren beim Volksbegehren für einen besseren Artenschutz gefordert hatten und sich deshalb in lange Menschenschlangen vor dem Rathaus einreihten, um das "Bienenbegehren" zu unterschreiben.

Die beiden Politikerinnen klettern also auf den Traktor und setzen sich danach einträchtig nebeneinander in die riesige hintere Felge des Schleppers. Was sie verkünden, ist, dass alle zehn Stadtgüter Münchens bis voraussichtlich 2028 ökologisch bewirtschaftet werden. Damit geht die Stadt als künftig "größter Öko-Bauer Bayerns" (Frank) weit über die Ziele des Koalitionsvertrags der Bundesregierung hinaus, bis 2030 bundesweit 30 Prozent Öko-Landbau zu erreichen.

"Vorbild sein für andere - neue Wege gehen", sagt Bürgermeisterin Dietl. "Die Stadtgüter München sind Vorreiter, was nachhaltigen Landbau und Artenschutz angeht. Nun stellen wir auch die restlichen Flächen und Güter auf Ökolandbau um." Das soll möglichst bald geschehen. Noch in diesem Jahr werden - wenn der Kommunalausschuss des Stadtrats am 10. Februar den Plänen zustimmt - sämtliche eigenbewirtschaftete Flächen im Stadtgebiet komplett auf Ökolandbau umgestellt. Dazu gehören Gebiete am Gut Großlappen oder bei Daglfing am Moosgrund. Dort wird nach Angaben von Kommunalreferentin Frank künftig kein Mineraldünger und kein chemischer Pflanzenschutz mehr verwendet.

In Daglfing und Fröttmaning werden bislang unter anderem Getreide, Futtermais, Klee und Ackerbohnen angebaut. Die Flächen sind noch relativ bescheiden: Es geht um etwa 40 von insgesamt 1524 Hektar, die von den Stadtgütern landwirtschaftlich genutzt werden. Allerdings sind schon jetzt 60 Prozent - und damit acht von zehn städtischen Gütern - ökologisch bewirtschaftet.

Lange Zeit wurde Klärschlamm auf den Kiesböden ausgebracht, nun ist Ackerland schwer belastet

Das ist aber nur ein erster Schritt, alle weiteren werden wohl steiniger: Im Jahr 2024 wird das Gut Karlshof nach den aktuellen Plänen ökologisch bewirtschaftet. Das hat Folgen: Denn es soll dort auf dem Hof in Ismaning künftig statt 550 Rinder nur noch etwa 450 geben, die dann aber nach strengem ökologischen Standard gehalten werden. Bislang gilt lediglich artgerechte Haltung in konventioneller Landwirtschaft nach sogenannten Emas-Kriterien. Emas steht für das EU-Zertifikat "Eco-Management and Audit Scheme" und wird vom Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) in Teilen als "Greenwashing" bezeichnet.

Bis heute bezieht die Stadt beziehungsweise das Gut Karlshof seine Rinder von einem bis zwei Höfen, die ebenfalls konventionell arbeiten. Wenn 2024 auf Ökolandwirtschaft umgestellt wird, müssen die Stadtgüter ihre Tiere von vielen verschiedenen Zuchtbauern beziehen, was Unwägbarkeiten birgt. Mehr Höfe bedeuten eine größere Gefahr für die Verbreitung von Krankheiten. Und es ist auch nicht klar, wie die Tiere, die dann aus verschiedenen Ställen stammen, sich in ihrem neuen Zuhause vertragen. Aber immerhin: Sie sollen einen völlig neuen Stall und auch eine neue Weide erhalten, um die Öko-Kriterien zu erfüllen.

Das größte Problem bei der Umstellung auf Ökolandwirtschaft ist allerdings hausgemacht. Seit 1944 ist das Gut Dietersheim in städtischem Besitz. Nach einem Brand 1955 wurde es das erste städtische Gut ohne Viehhaltung. Hauptzweck des insgesamt 450 Hektar großen Gebiets im Münchner Norden war lange Zeit das Ausbringen von Klärschlamm aus Großlappen auf den kargen Kiesböden. Erst viele Jahre später war klar, dass dadurch das Ackerland mit Schwermetallen belastet wurde.

Bis heute sind Teilflächen verseucht bis an die Grenze, zu der überhaupt noch Getreide, Körnermais und Raps angebaut werden dürfen. Ein Teil des Gutsgebiets ist heute ökologische Ausgleichsfläche, der Landesbund für Vogelschutz hat Flächen langfristig für Renaturierungsmaßnahmen gepachtet. "Gut Dietersheim bereitet uns das meiste Kopfzerbrechen", sagt Kommunalreferentin Frank. Gemeinsam mit der TU München wird nun der Zustand der belasteten Flächen erneut geprüft.

Insgesamt soll der vollständige Umbau auf ökologische Landwirtschaft etwa eine Million Euro kosten. Anders als private Bauern erhalten die städtischen Güter keine Zahlungen aus dem Kulturlandschaftsprogramm. "Aber das sollte es uns als Stadt wert sein", sagt Frank.

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