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Agentur für Arbeit:Vermittlung kommt später

Bora Bölükbasi (links) und Boris Maschke bearbeiten in der Arbeitsagentur Anträge wie von Stefanie Müller.

(Foto: Catherina Hess)

350 neue Berater: Um die Flut der Kurzarbeiter-Anträge bearbeiten zu können, hat die Agentur für Arbeit hausintern umgeschult.

Normalerweise vermittelt Bora Bölükbasi. Er sucht nach geeigneten Stellen für Menschen, die Arbeit suchen, führt Beratungsgespräche in der Agentur für Arbeit in München in der Kapuzinerstraße. Doch seit der Corona-Krise steht in diesem Gebäude eine andere Arbeit im Mittelpunkt: Anträge auf Kurzarbeitergeld bearbeiten.

In der Zeit vor Corona gab es vielleicht 60 solcher Anträge im Monat, 35 Angestellte waren dafür vorgesehen. Vor Corona. Heute reicht das vorne und hinten nicht aus. Die Agentur für Arbeit musste umschulen. Hausintern. Knapp 350 neue Mitarbeiter aus anderen Abteilungen sind jetzt für die Kurzarbeit zuständig. So auch Bora Bölükbasi. Seit vier Wochen bearbeitet er Anträge auf Kurzarbeit. "Hinter jedem dieser Anträge steht ja nicht nur eine Person, die zum Kurzarbeiter wird", sagt er. "Mal sind es 500 Angestellte einer Firma. Oft geht es aber auch um kleinere Betriebe, bei denen der Chef für seine ein, zwei Angestellten Kurzarbeitergeld beantragt."

Vom internationalen Autobauer bis zum lokalen Nagelstudio - für insgesamt knapp 250 000 Angestellte haben Arbeitgeber in München im März und April Kurzarbeit beantragt. Wie viele Menschen dann tatsächlich Kurzarbeitergeld erhalten, werden jedoch erst die Abrechnungen der Arbeitgeber zeigen.

Bevor sich Bölükbasi und seine Kollegen der neuen Aufgaben im Amt angenommen haben, wurden sie im Bereich Kurzarbeit weitergebildet - weil die Hilfe schnell kommen soll, mussten für den Anfang Grundkenntnisse ausreichen. Ein mehrseitiges Skript, eine Schulung via Skype - dann startete die Arbeit in der Praxis. Schließlich müsse man nun alle Hebel in Bewegung setzen, "damit die Menschen die zum Teil existenzsichernden Leistungen so schnell wie möglich erhalten", sagt Wilfried Hüntelmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit München. Damit das auch möglich ist, wurden die Prozesse vereinfacht. Vorerst werden nur Kurzprofile der Arbeitnehmer angelegt und Bestätigungen können nachgereicht werden.

18740 Anträge

auf Kurzarbeit sind bei der Agentur für Arbeit in München im März und April eingegangen. Insgesamt wurde für knapp 250 000 Angestellte Kurzarbeitergeld beantragt. Im April ist zudem die Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Nun liegt die Arbeitslosenquote bei 4,3 Prozent.

Schnelle Hilfe hat auch Designerin Stefanie Müller erhalten. Sie arbeitet für eine Medienagentur und hat am Donnerstag ihr erstes Kurzarbeitergeld erhalten. "Als bei uns das Thema Kurzarbeit aufkam, war es für alle verständlich. Wir haben gesehen, wie jeden Tag mehr Aufträge weggebrochen sind", sagt Stefanie Müller, 25. Die sechste Woche arbeitet sie nun schon im Home-Office, das sie sich in ihrem ehemaligen Kinderzimmer eingerichtet hat. In einer roten Sommerbluse sitzt Stefanie Müller zwischen alten Fotos und feilt an digitalen Konzepten. Statt nach acht Stunden klappt sie nach vier ihren Laptop zu, sie arbeitet auf 50 Prozent reduziert. Etwas mehr als 1300 Euro wurden überwiesen. Das sind 50 Prozent von ihrem normalen Netto-Gehalt von ihrem Arbeitgeber, zudem zahlt von der jetzt fehlenden Hälfte des Gehalts die Arbeitsagentur 60 Prozent. "Erst mal fand ich die Umstellung auf Kurzarbeit eine gute Lösung. Das Agenturleben ist nun einmal sehr schnelllebig. So mussten nicht gleich einige entlassen werden," erzählt sie.

Stefanie Müller hat diesen Monat ihr erstes Kurzarbeitergeld erhalten. Sie hat ihre Arbeitszeit für eine Medienagentur um die Hälfte reduziert.

(Foto: Catherina Hess)

Dieser Meinung ist auch Wilfried Hüntelmann von der Agentur für Arbeit. "Wir sind froh um das Instrument der Kurzarbeit. Es bietet den Angestellten eine gewisse Sicherheit. Und die Arbeitgeber können ihre eingelernten Fachkräfte weiter beschäftigen. Die Kurzarbeit soll die Brücke wieder zurück in die normale Beschäftigung sein", sagt er.

Um in dieser Überbrückungszeit die Liquidität der Unternehmen zu garantieren, helfen alle Bereiche der Arbeitsagentur zusammen. Boris Maschke, der sonst im berufspsychologischen Dienst tätig ist und psychologische Gutachten erstellt, kümmert sich jeden Tag um bis zu hundert Anträge zur Kurzarbeit. So konnte der Großteil der 10 000 Anträge aus dem März im nächsten Schritt bewilligt werden. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Headset. Seit sechs Wochen nimmt er auch Anrufe aus der Service-Hotline entgegen. "Rund um den 20. März kamen unfassbar viele Anträge auf Kurzarbeitergeld. Wenn ich einen Antrag von einem Buchladen oder Restaurant bei mir um die Ecke vor mir habe, trifft mich deren Not besonders. Solche Erfahrungen waren unter anderem der Grund, warum bei uns momentan die Bereitschaft, Überstunden zu machen, so groß ist", sagt Maschke. So kamen auch an einem Samstag mehr als 120 Mitarbeiter in das Backsteingebäude in der Kapuzinerstraße.

"Für unseren Einsatz erfahren wir derzeit unglaublich viel Dankbarkeit. Die Menschen, die anrufen sind sehr freundlich", sagt Geschäftsführer Hüntelmann. Das war vor der Krisenzeit nicht immer so. Das zeigt auch ein Blick auf die Bewertung der Arbeitsagentur bei Google. 2,2 Sterne erreicht dort die Behörde, fünf Sterne wären möglich.

Von dieser Stimmung ist derzeit nicht viel zu spüren. An Samstagen werden die Angestellten der Arbeitsagentur, die freiwillig Dienst schieben, durch die Initiative #KochenFürHelden mit Mittagessen beliefert.

Für die meisten Menschen bildet die Kurzarbeit eine Brücke zurück in die Normalität. Für Stefanie Müller fühlt sich die Kurzarbeit mehr wie ein Abschied auf Raten an, sagt sie. Denn ihr Arbeitgeber verlängert ihren Vertrag nicht. "Bei allem Verständnis für die Kurzarbeit: Ich hätte nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, dass meine Stelle gestrichen werden könnte. Alles lief wirklich gut", sagt sie.

Neben den am häufigsten von Kurzarbeit betroffenen Branchen wie der Gastronomie, der Dienstleistung oder dem Einzelhandel, trifft die Corona-Krise auch andere Bereiche. So zum Beispiel Stefanie Müllers Firma, die unter anderem digitale Produkte für Sportinhalte entwickelt. Finden allerdings keine Fußballspiele statt, gibt es auch keine Weiterverwertung dieser Inhalte. Die 25-Jährige hat sich jetzt als arbeitssuchend gemeldet.

© SZ vom 02.05.2020/tah
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