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Konzert von Dieter Bohlen:"Hallo, Schnuckelhasen"

Dieter Bohlen, hier mit Perücke, singt mit "Capital Bra" seinen Song "Cheri Cheri Lady".

Mit Thomas Anders werde man ihn nie wieder auf der Bühne sehen, sagt Dieter Bohlen - und gibt lieber solo Konzerte.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Erstmals seit 16 Jahren gibt Dieter Bohlen wieder Konzerte in Deutschland. Vorab erzählt er über seine Pläne. Ein Treffen mit dem Pop-Titan - wie man es sich vorstellt, nur noch krasser.

Ein Treffen mit Dieter Bohlen ist so, wie man es sich vorstellt, nur noch krasser. Mai 2019, Flughafen München, Außenterminal, wo sein Privatjet landen soll. Er verspätet sich. Also doch keine Einzelinterviews, sorry, er müsse gleich weiterdüsen, daher für alle Journalisten eine Begegnung am runden Tisch. Der ist eckig, Minisaftflaschen werden entkront, die Temperatur steigt. Wie wird er sein?

Der "Pop-Titan", warum steigt er herab zum Reportervolk? Er hat für mehr als 150 Interpreten komponiert, hat Stücke für Bonnie Tyler, Dionne Warwick, Engelbert, Andrea Berg und 100 mehr auf Metalliclackglanz hinpoliert, hat gut 1000 Platin-, Silber-, Gold-LPs angehäuft und 160 Millionen Tonträger zu Geld gemacht, allein 120 Millionen mit Modern Talking. Jetzt gibt Bohlen solo Konzerte, zum ersten Mal seit 16 Jahren in Deutschland, seit dem letzten MT-Auftritt zusammen mit Thomas Anders. "Ein großer Familien-Party-Abend mit 21 Geschichten zu meinen 21 Nummer Einsen." Dass er sich dafür in seiner seit 17 Jahren laufenden TV-Show "Deutschland sucht den Superstar" Woche für Woche Sendezeit für Eigenwerbung gab, deutet darauf hin, dass noch Tickets herumliegen. Daher die Promo-Tour.

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Türen schlagen, ein Tross an Stifte-, Kladden- und Taschenhaltern schiebt herein, dahinter, fast schüchtern, soweit das hinter Spiegelbrille und Joker-Grinsen zu erkennen ist, Bohlen im Après-Ski-Look, die Frisur sitzt. Kann man nicht kopieren. Dem Original entsprudelt sein zum Wortschwall aufgestautes Kopfschütteln über die Arbeitszeiterfassung der Piloten, die nach einem einstündigen Flug drei Stunden schlafen mussten, und er, vier Uhr morgens in Hamburg aufgestanden, also in Stuttgart herumhängen musste, dabei seien solche Tage wie Urlaub, "Rumlabern, mache ich gerne", zwölf Stunden im Studio zu hocken unter Druck, "was Gutes zu produzieren", sei stressiger als herumzufliegen, da werde er nur geschimpft, dass er den Luftraum verpeste, klar hätte er "mit dem Zuch fahren können", oder "gleich mit dem Dreirad, dann hätte ich vier Wochen pro Stadt gebraucht".

Er schaut sich um: "Herrenrunde, finde ich gut", und ebenso, dass sowohl Bild als auch Süddeutsche da seien, "wer schafft das schon?", fragt er in aller Unbescheidenheit, klar nur er, der Dieter. Und dann sagt er zum ersten Mal etwas, das nicht ins Klischee passt: "Es tut mir leid." Also wegen der Verspätung.

Die Antwort auf die erste ernste Frage, wie er sich auf die Tour vorbereite, da er ja nicht mehr live spiele, dauert trotz Lagerfeld-Sprechtempo acht wertvolle Reporterminuten. Aber interessant: Er spiele ständig live, in Moskau, Südamerika, Lettland, "alles, was es so an Ländern gibt". Als Beleg findet man zig Mitschnitte auf Youtube: Bohlen beim Konzert in Moskau, bejubelt, so etwas wie singend, dabei Autogramme schreibend, den Deutschland-Durst stillend: "You know Michael Schumacher?", er wünsche ihm baldige Genesung, das folgende Lied habe er mal für den Rennfahrer geschrieben: "Win The Race". Und dieses MT-Spätwerk von 2001 brettert los.

Bei manch einem führt dieser hochfiepende Plastiksound, der zu den Pubertätswehen zählt wie die Büstenhalterdoppelseite im Otto-Katalog, zu einer schuldhaften und doch wohligen Erregung, die das ganze Comeback-Showbizz nährt und die nun endlich auch deutsche Hartzer und Hipster auf Bohlonaisen entladen können. Sie hätten ihn gedrängt, sagt der Neu-Instagrammer, "ich habe da auf einmal 1,2 Millionen Follower, und die sagten: Jetzt spiel auch mal für uns." Das als einmalig geplante Ereignis in der Zitadelle Berlin war binnen 48 Stunden ausverkauft, "dann passierte die Scheiße mit Schwarzmarktpreis von 1400 Euro", also setzte man schnell weitere Termine an, "da trat dann leichte Blässe in mein Gesicht, weil wir 100 000 Karten verkaufen müssen, und ich hätte gar nicht damit gerechnet, dass ich mich darum kümmern muss." Also ehrlich ist er.

Überhaupt gab er sich zuletzt nicht unverwundbar: Seine geplante Platte "DB1" opferte er erst mal der Familie zuliebe (stattdessen gibt es noch mal die ollen Hits, gesungen von ihm, auf dem "Mega-Album"). Aus Gesundheitsfürsorge hat der 65-Jährige auch den zweiten Teil der "Mega-Tour" 2020 abgesagt. Das Konzert in München wird vorerst das letzte sein. Das Alter? Auch in seinen TV-Auftritten gibt er sich längst weniger großkotzig, erklärt dem Prekariat das Psychologiephänomen "kognitive Dissonanz", ist gnädiger mit Schief-Sängern. Er singt ja jetzt selber, was er - weiß jeder - gar nicht so mega kann. Er will gemocht werden. Nicht von Kritikern, die immer sagten, seine Songs seien "Trash-Scheiße" mit drei Akkorden - "Ich hab' nie einen Song mit drei Akkorden geschrieben". Er vergleicht sich mit Phil Collins ("der ist auch Wassermann"), der einst rauf und runter gespielt wurde im Radio, jetzt gar nicht mehr. "Für mich ist Phil Collins ein Genie. Ich würde mich hinknien, wenn der jetzt hier reinkäme." Rammstein mag er auch, weil die machen, was sie wollen, und die Fans stehen hinter denen.

Im Konzert will er, wie er seinen Kandidaten immer sagt, "alles in die Waagschale werfen". Bisschen Gitarre, Klavier, singen, er sei nicht der Größte - schau an! -, aber er könne ganz gut Bluesharp spielen, hat früher mit John Mayall einen Auftritt gehabt. Jeder Song bekomme ein "neues Gewand, irgendwie besser, irgendwie geiler". Er veräppelt "Brother Louis", wie alle es tun: "Ba-da löhä-löhä-löhä ..." Also: So nicht im Konzert! Dazu Sprüche, "Dieters Tagesschau", nicht die Fischer-, aber die "Bohlen-Chöre", Beautytipps ("Erde ausm Blumentopf ins Gesicht klatschen, ist billiger"), "ich setz' mir als Andrea Berg eine rote Perücke auf ..." Er meint das ernst, wie nun Handyvideos von den Shows im Netz zeigen: Bohlen grüßt "Hallo, Schnuckelhasen", vereint alle als "Meganer, nicht Veganer", ackert los, hüpft auf einem Trampolin, schubst Schwimmtiere ins Volk. Wie man es sich vorstellt, nur krasser.

Dieter Bohlen, Sa., 7. Dez., 20 Uhr, Olympiahalle

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