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Konzert in München:Cher gibt in der Olympiahalle eine Anleitung zum Feminismus

Die amerikanische Sängerin Cher garniert ihre Show in der Olympiahalle mit zahlreichen Geschichten.

(Foto: Robert Haas)

Die jungen Frauen sollen wissen, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Sagt Cher bei ihrem ausverkauften Konzert. Die 73-Jährige selbst gestaltet sich während ihrer opulenten Show immer wieder neu - und zwar in rasanter Geschwindigkeit.

Als Cher im Juni 2004 das letzte Mal in der Olympiahalle gastierte, war sie gerade auf großer Abschiedstournee. 15 Jahre später ist sie nun im Rahmen ihrer "Here We Go Again"-Tour erneut in der Olympiahalle live zu erleben. Mit einem gigantischen Spektakel, das farbenprächtig Zirkus, Revue, Musical und Konzert vereint. Selbstironisch erklärt Cher dabei, dass sie erwogen habe, den folgenden Titel erst auf ihrer nächsten Abschiedstournee zu singen: "I Got You Babe", jenes Duett mit Sonny Bono, das 1965 ihre Karriere begründet hatte. Wenige Wochen später veröffentlichte sie damals übrigens schon ihr erstes Solo-Album, was belegt, dass sie nie nur die Hälfte eines Paares sein wollte.

Das unterstreicht sie nun auch zu Beginn ihrer aktuellen Show mit den Songs "Woman's World", das wie eine feministische Antwort auf James Browns "It's A Man's World" getitelt scheint, und "Strong Enough". Beide Songs handeln vom Abschied, und beide betonen, dass die Sängerin den Verlassenen nicht braucht. Denn sie sei als Frau auch alleine stark. Und stark ist die Sängerin Cher tatsächlich, wenn sie mit ihren 73 Jahren für beinahe jeden Song ihr gesamtes Outfit wechselt, mal in orientalisch anmutenden Gewändern auftritt, mal im hautengen schwarzen Kleid, dann wieder in lässiger Jeans. Und stets mit einer anderen Perücke, sowie mit anderen Schuhen.

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Tänzer und Luftakrobaten überbrücken derweil mit Showeinlagen die kurzen Pausen, in denen sich Cher also in einer so hohen Geschwindigkeit neu gestaltet, dass man meinen möchte, die eigentliche Leistung ihres starken Auftritts findet hinter der Bühne statt. Womit auch jeder Verdacht widerlegt sein dürfte, dass die Pausen zwischen Chers Gesangsdarbietungen ihrem Alter geschuldet seien. Dass sie zu alt sei, habe sie immerhin schon mit 40 zu hören bekommen, erzählt die mehrfach prämierte Stilikone. Ausgerechnet nach ihrer Geburtstagsparty in New York bekam sie damals einen Anruf des Regisseurs George Miller, der ihr mitteilte, dass er und der Schauspieler Jack Nicholson sie nicht in ihrem Film "Die Hexen von Eastwick" dabei haben wollten. Sie sei zu alt und überhaupt nicht sexy.

Wie es dann dazu kam, dass sie bekanntermaßen doch noch in dem Film brillierte, verriet Cher in der Olympiahalle allerdings nicht. Stattdessen erklärte sie den 10 500 Zuschauern noch, warum sie den US-amerikanischen Talkshow-Moderatoren David Letterman einmal in dessen Live-Sendung ein "Arschloch" nannte, und dass sie seitdem befreundet seien. Immerhin habe sie 28 000 Dollar für jenen Auftritt kassiert. Geld, das sie damals jemandem geschuldet habe. Andernfalls wäre sie nie in Lettermans Show gegangen.

Ungewöhnlich lang für ein Konzert erzählt sie derlei Geschichten, ganz so, als habe sie vor lauter Plaudern ganz vergessen, dass sie eigentlich zum Singen hier war. Andererseits erzählt sie so wortgewandt und amüsant, dass man ihren Geschichten tatsächlich noch länger hätte lauschen mögen. Wobei ihre eigentliche Botschaft nach eigenem Bekunden an die Frauen gerichtet ist: Die jungen Frauen sollen nämlich wissen, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Sagt Cher. Und die alten sollen wissen, dass das auch für sie gilt. Dann schiebt sie noch eine Ansage an die Männer hinterher: Ihr kommt eh klar.

Sodann setzt Cher ihre Show endlich wieder als Sängerin fort, die die eigene Karriere in kurzen, bisweilen von Filmsequenzen eingeleiteten Kapiteln aufbereitet. Gekleidet wie in den Sechzigern liefert sie ihre ersten Hits. Und von Burleske-Tänzern umgeben, erinnert sie an ihre Musical-Karriere. Ob ihrer persönlichen Begeisterung für Elvis Presley zeigt das Bühnenbild auch mal ein Memphis, in dem "Chelvis"-Plakate an den Häuserwänden kleben. Und im quietschbunten Siebzigerjahre-Look offeriert Cher Abba-Hits von ihrem jüngsten Album in einer Weise, als wären sie eigens für sie komponiert worden. Denn so, wie man ihr auch jede Frisur abnimmt (die blauen Haare seien ihre Naturhaare, scherzt Cher), vereinnahmt sie auch Songs anderer Künstler. Etwa "Walking In Memphis" von Marc Cohn, oder "I Found Someone" von Michael Bolton.

Immer wieder ist ihr Gesangsstil geprägt von einer technischen Tonhöhenkorrektur, die Cher bewusst so stark überhöht, dass ein merkwürdig künstlicher Klangeffekt mitschwingt. Seine künstlerische Vollendung erfährt dieser Effekt schließlich in dem in der Zugabe nachgelieferten Smash-Hit "Believe", der Ende der Neunzigerjahre die Hit-Listen anführte. Schon damals signalisierte Cher, dass sie zwar älter, aber noch lange nicht alt sei. Und so gerät ihre opulente Show gerade wegen zahlreicher Anfeindungen an diesem Abend nachgerade zu einer Siegesfeier. Unverschämterweise scheinen Frauen nämlich in einer sexistischen Welt schneller zu altern als ihre männlichen Mitstreiter. Davon konnte auch schon die früh als Rock-Oma titulierte Tina Turner ein Lied singen. Das Publikum jedenfalls verlässt Chers Konzert sichtlich verjüngt.