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Kommunalwahl 2020:"Ich will nie mehr hören, dass die SPD eine zerstrittene Partei ist"

Dieter Reiter (Mitte) wird die Kandidatenliste anführen, dahinter rangieren Verena Dietl (2.v.r.), Christian Müller (links), Anne Hübner (2.v.l.) und Christian Vorländer.

(Foto: Sebastian Gabriel)
  • Mit 124 von 125 gültigen Stimmen hat die Münchner SPD Oberbürgermeister Dieter Reiter auf Platz eins der Kandidatenliste für den Stadtrat gewählt.
  • Die darauffolgenden Plätze belegen mit Verena Dietl, Christian Müller, Anne Hübner und Christian Vorländer ebenfalls bekannte Namen der Rathaus-SPD.
  • Trotzdem ist die Liste bunt gemischt - besonders die Jusos dürften sich über die Zusammensetzung freuen.

Zum perfekten Ergebnis fehlt Dieter Reiter exakt eine Stimme, wieder einmal. Genau wie beim letzten Mal vor fast zwei Wochen, als die Münchner Sozialdemokraten ihren amtierenden Oberbürgermeister für die Kommunalwahl im März erneut als Spitzenkandidaten aufgestellt haben. Da erhielt er 114 Ja-Stimmen und eine Enthaltung. An diesem Samstag hat die SPD ihre Bewerber für den Stadtrat bestellt. Reiter wird die Liste anführen, von 125 gültigen Stimmen erhält er 124 bei einer Enthaltung. An einen Zufall will er wie so viele andere im Saal daher nicht glauben, das muss irgendwer organisiert haben. Denn 100 Prozent bei einer Wahl zu erhalten, kommt in SPD-Kreisen schlecht an. Man erinnere sich nur an Martin Schulz. "Der Enthalter oder die Enthalterin darf sich gerne per Whatsapp bei mir melden", sagt Reiter deshalb und lacht.

Mehr als 120 Delegierte sind an diesem Samstagvormittag ins Gewerkschaftshaus an der Schwanthalerstraße gekommen. Und so gut die Sache mit der einen Enthaltung geklappt hat, so schnell geht auch die Wahl: Um 11.58 Uhr, also knapp zwei Stunden nach Beginn der Veranstaltung, sind die Genossen eigentlich durch, bis alle Formalien durch sind, wird es allerdings noch bis fast halb zwei dauern. Herausgekommen ist eine junge, im Geschlechterverhältnis ausgeglichene Liste mit einigen Kandidatinnen und Kandidaten, die derzeit nicht im Stadtrat sitzen, und manchen, die kaum parteipolitische Erfahrung haben, sich dafür aber bereits gesellschaftspolitisch engagiert haben.

Auf den vorderen der insgesamt 80 Listenplätze finden sich neben dem OB zunächst einmal die Bekannten, die komplette jetzige Fraktionsspitze nämlich: Verena Dietl auf Platz zwei, dahinter Christian Müller, Anne Hübner und Christian Vorländer. Vor allem der SPD-Nachwuchs, die Jungsozialisten, können sich über das Ergebnis freuen. Mit ihrem Vorsitzenden Christian Köning und seiner Vorstandskollegin Lena Odell stehen zwei Jusos unter den ersten zehn. Rang sieben für Köning ist schon länger bekannt. Odell hat sich dem Vernehmen nach erst am Freitagabend kurzfristig noch nach vorne geschoben. Ursprünglich sollte sie auf dem 14. Platz kandidieren, wurde vom Vorstand aber auf den achten Platz gestellt. Dafür musste Stadträtin Julia Schönfeld-Knorr nach hinten rücken.

Dass jüngere Leute dieses Mal weit vorne zu finden seien, sieht Odell als "sehr gutes Signal". Die Münchner SPD habe gezeigt, dass sie eine zukunftsfähige Liste aufstellen könne, sagt Köning. Die Jusos seien tatsächlich mit hohen Ansprüchen angetreten. "Wir sind der Auffassung, dass die Sozialdemokraten jünger und weiblicher werden müssen", erklärt er. Nun wolle man sich gemeinsam in den Wahlkampf stürzen und für die Ziele der Partei werben.

Auch OB Reiter will seine Partei auf die kommenden Monate einschwören. Die Personaldebatten müssten jetzt, nach der Aufstellung der Liste, ein Ende haben. "Ab morgen kämpfen wir", sagt er. Von schlechten Umfragewerten wolle er nichts wissen: "Es besteht kein Grund, ängstlich zu sein." München sei die beliebteste Stadt in Deutschland, und die SPD regiere ebendiese Stadt seit Jahrzehnten. Damit das auch so bleibt, hat Reiter drei Quereinsteiger von einer Kandidatur überzeugt: Liedermacher Roland Hefter (Platz 9, "Mein einziger politischer Feind ist die AfD"), Kulturmanagerin Julia Schmitt-Thiel von der Mohrvilla (Platz 12) und Andreas Schuster von der Umweltorganisation Green City (Platz 13). Marian Offman, der kürzlich von der CSU zur SPD wechselte, bekam den 23. Listenplatz.

"Wir wissen, was wir ab morgen zu tun haben: Wahlkampf Wahlkampf, Wahlkampf."

Die SPD hat es sich nicht leicht gemacht mit ihren Kandidaten für den Stadtrat. Bereits im November 2016 hat sie sich auf ein Verfahren festgelegt. In jedem der vier Bundestagswahlkreise gab es in den vergangenen Monaten eine sogenannte Vorreihungskonferenz, hier bestimmten die Genossen jeweils ihre drei weiblichen und drei männlichen Favoriten. Der Oberbürgermeister durfte eigene Vorschläge, intern Freischüsse genannt, einbringen, eine Findungskommission erstellte eine Reihenfolge, die wiederum im Parteivorstand abgesegnet werden musste. Einstimmig sei dies am Freitagabend geschehen, berichtet die Münchner SPD-Chefin Claudia Tausend.

Das lange Feilschen um die vorderen Plätze, die Enttäuschung über den eigenen Rang ist so manchem Kandidaten bei der Aufstellungsversammlung noch anzumerken. Denn wie groß die Fraktion im neuen Stadtrat wird, lässt sich nicht absehen. Kurz machen Gerüchte die Runde, dass es doch noch Kampfkandidaturen geben könnte. Doch die Genossen bleiben friedlich, interne Querelen sollen an diesem Tag keinen Platz haben, die allermeisten Bewerber erhalten mehr als 90 Prozent Zustimmung. "Ich will nie mehr hören, dass die SPD eine zerstrittene Partei ist", sagt SPD-Vize Roland Fischer. "Wir wissen, was wir ab morgen zu tun haben: Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf."

© SZ vom 25.11.2019/lfr
Julia Schmitt-Thiel, SPD-Kandidatin für den Münchner Stadtrat.

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