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Kommunalwahl:Katrin Habenschaden wirbt für ein "knallgrünes München"

Claudia Roth (li.) und Katharina Schulze (re.) werben für Katrin Habenschaden als Oberbürgermeisterin.

(Foto: Robert Haas)

Die OB-Kandidatin der Münchner Grünen bringt ihre Partei in Wahlkampf-Stimmung und verspricht den "größten grünen Häuserwahlkampf, den München je gesehen hat".

Die Warteschlange vor dem Saal im ersten Stock reicht bis zum Erdgeschoss, eine Frau kommentiert: "Wir sind einfach zu viele bei den Grünen." Katrin Habenschaden drinnen auf der Bühne dürfte da ganz anders denken. Für sie kann es gar nicht genug Grüne geben. Jedes Mitglied, jeden Freund, jeden Sympathisanten will sie auf die Straße bringen für "den größten grünen Haustürwahlkampf, den München je gesehen hat". Schließlich will sie am 15. März Oberbürgermeisterin und ihre Partei stärkste Fraktion im Rathaus werden. Lange Skiunterwäsche und drei von der Mama gestrickte Stirnbänder würden auch an kalten Wahlkampftagen die Leidenschaft nicht versiegen lassen, verspricht Habenschaden. Sie kündigt "den Wahlkampf meines Lebens" an und ruft in den Saal: "Mit euch zusammen!"

Im proppenvollen Obergeschoss der Kolping-Akademie ist ihre Partei am Dienstagabend zu einer Art verspätetem Dreikönigstreffen zusammengekommen, um sich für die verbleibenden zehn Wochen bis zur Kommunalwahl in Stimmung zu bringen. Am Nachmittag haben die Grünen schon damit begonnen, an Haustüren zu klingeln, um potenzielle Wähler zu überzeugen - in Haidhausen, wo dies für die Grünen zum Heimspiel werden dürfte. Damit auch in weniger gewogenen Vierteln die Motivation passt, haben die Grünen zwei Rednerinnen aufgeboten, denen in puncto Stimmung kaum jemand etwas vormachen kann: Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und Katharina Schulze, Fraktionschefin im Landtag. Das gelingt, gemessen an Standing Ovations sowie Dauer und Intensität des Applauses, ziemlich gut - auch wenn die politischen Pläne für München dabei eher unkonkret bleiben.

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Habenschaden spricht ruhiger und zurückgenommener als Roth oder Schulze, wie es auch ihrem Naturell entspricht. Doch in ihrer Rede ist schon deutlich mehr Attacke zu spüren als noch bei den Auftritten vor Weihnachten. Nach knapp sechs Jahren sei die große Koalition aus SPD und CSU nicht mehr zu ertragen. "Ich kann das nicht mehr mit ansehen. Es reicht." Die politische Identität der CSU fasst sie kurz zusammen: "Bremser der Verkehrswende, Einzelstellplatzfestklammerer, Klimakrise-Ignorierer". Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sei derzeit hauptsächlich in Sachen "Selbstbeweihräucherung" unterwegs. Beim "großen Ergrünen" fehlten ihm und seiner Partei die Glaubwürdigkeit. Der Kampf der Sozialdemokraten gegen die explodierenden Mieten sei gescheitert, konstatiert Habenschaden nüchtern.

Claudia Roth, die prominente Unterstützerin aus dem Bund, der mit Cem Özdemir, Robert Habeck oder Annalena Baerbock noch viele weitere aus der ersten Reihe der Grünen nach München folgen sollen, kündigt den beiden großen Parteien "eine politische Auseinandersetzung auf Augenhöhe" an. Vom Großen, Globalen - angespannte Lage im Nahen Osten, verheerende Brände in Australien, ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer - gelangt Roth zum Kleinen, Lokalen. Zur Rolle von Kommunalpolitik in einer Zeit, in der Politiker täglich Beschimpfungen und Drohungen ausgesetzt sind. Die einzig richtige Antwort auf Hetze von rechts sei: jetzt erst recht. "Kommunalpolitik ist gelebte Demokratie, sie schafft Vertrauen in politische Entscheidungsprozesse", so Roth.

Im Münchner Rathaus wünscht sie sich "starke Grüne", denn es sei eine "grüne Primärtugend, auf schwierige, komplexe Fragen nicht einfache, sondern relevante Antworten zu geben". Globales Denken und lokales Handeln seien ebenso wenig zu trennen wie Ökologie und Ökonomie. Zum Schluss schießt Roth gegen "Markus und Dieter, oder wie ihr alle heißt", der bayerische Ministerpräsident von der CSU und der Münchner Oberbürgermeister könnten sich schon mal freuen auf ein, wie sie prophezeit, "knallgrünes München".

Dazu will auch Katharina Schulze beitragen, an diesem Abend und an den Haustüren der Münchner. Habenschaden sei eine, die Oberbürgermeisterin könne, das habe sie schon beim Kennenlernen vor knapp zehn Jahren gespürt. "Diese Frau ist klug, diese Frau hat Werte und vor allem ist sie eine politische Person. Wir brauchen auf dem OB-Sessel in München wieder eine politische Person, die gestaltet statt verwaltet", sagt Schulze. Das Kompliment beinhaltet auch eine Attacke: Schließlich kommt der OB aus der Verwaltung, vor seiner Wahl war er in der Kämmerei beschäftigt, später Wirtschaftsreferent.

Aber auch die Eigen-Motivation kommt nicht zu kurz. In einer Mischung aus einer Conférencière aus einem Wiesnkabarett und einer Autosuggestions-Predigerin lässt Schulze alle im Saal ein Mantra aufsagen, eine Beschwörungsformel für den Wahlkampf. "Mit Katrin und uns Grünen gibt's..." beginnt der Spruch jeweils, und endet mit den laut gerufenen Botschaften der Wahlplakate, zum Beispiel "Haltung statt Spaltung". Es tritt ein, was Schulze angekündigt hat: "Der Wahlkampf wird heftig, auf allen Ebenen."

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