Literatur in München:Nobelpreisverdächtiges zum Mitnehmen

Lesezeit: 2 min

Öffentlicher Bücherschrank in München, 2016

Ob diesmal etwas Hochwertiges dabei ist? Ein Bücherschrank am Nordbad in Schwabing.

(Foto: Robert Haas)

In öffentlichen Bücherschränken steht nur Schund? Falsch gedacht! Hier finden sich die wahren Schätze der Literatur.

Glosse von Christiane Lutz

Der Zustand einer Gesellschaft zeigt sich an ihren öffentlichen Bücherschränken. Damit sind all die umfunktionierten Telefonzellen und zusammengezimmerten Büdchen gemeint, die in Kleinstädten genauso stehen wie in München. Die Idee ist die: Bücher, die man selbst nicht mehr braucht, gibt man, statt sie im Internet für 15 Cent zu verkaufen, der Allgemeinheit umsonst. Der Wert von Sprache und Geschichten ist schließlich unschätzbar viel höher als alles, was man mit Geld bemessen kann.

Wer jetzt aber denkt, der neunmalkluge Münchner wird in diesen Schränken doch nur seinen Schund aus der übervollen Altbauwohnung abladen, seine Groschenromane und Schmonzetten, Proseminararbeiten und Telefonbücher, und gegen Nobelpreisträger tauschen, der irrt! Denn noch größer als das hohe Gut der Sprache ist offenbar der Wunsch, anderen Menschen eine Freude zu machen.

Anders ist nicht zu erklären, was sich in den Münchner Bücherregalen tummelt. Kurz: die ganz große Literatur. "Der Medicus" ist eigentlich immer dabei, jene millionenfach verkaufte Geschichte über einen Wanderarzt im Mittelalter und seine erotischen Erlebnisse im Orient. Oder Philosophisches von Rosamunde Pilcher. Dann findet man stets eine Auswahl an wirklich pfiffigen Kochbüchern aus den Achtzigerjahren, etwa "Die besten Partyrezepte", zusammengestellt von Dr. Oetker (besonderer Tipp: Ananas-Kassler in Sauerteig) oder, wie neulich am Bücherschrank in der Au: "Rustikal - Gerichte aus dem hohen Norden", gekauft für 2 Mark 50 bei Karstadt, also fast schon ein Werk von antiquarischem Wert.

Wer richtig viel Glück hat, der erwischt ein Buch von Johannes Mario Simmel ("Es muss nicht immer Kaviar sein" von 1960), oder irgendwas mit "Männern" und "Dessert" im Titel, auf dem Cover sind lachende Frauen mit Sektgläsern abgebildet. Meist liegen die Schätze aber wirklich nur sehr kurz, es braucht schon gutes Timing, um ein Exemplar von "Programmieren für Dummies" abzubekommen oder gar den Bestseller "Windows '95 leicht gemacht".

Stichprobe am Bücherschrank in Schwabing. Auch hier: höchste Qualität. Ein Ratgeber verspricht "Das richtige Pferd für dich", daneben steht "Instant Boyfriend", das literarische Debüt der Hollywood-Zwillinge Ashley und Mary-Kate Olsen. Gerade, als man die Schätze verladen will, pirscht sich ein Typ heran und greift mitten ins Regal. Panik. Was hat er da ergattert? "Pünktchen und Anton" von Erich Kästner, eine illustrierte Ausgabe, er zeigt sie stolz. Na, wenn er unbedingt meint.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusTierparkchef Rasem Baban
:"Kein Tier wird gezüchtet, um mehr Besucher anzulocken"

Der Münchner Zoodirektor Rasem Baban spricht darüber, warum ein Zoo kein Freizeitpark ist, wieso Kinder oft harte Fragen stellen und wie die Besucher die Löwen bald fühlen können.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB