Immobilien in München:Eine eiskalte Kaufempfehlung

Immobilien in München: Gebaut wird viel in München - wie hier am Nockherberg. Doch billig zu haben sind die Wohnungen nicht.

Gebaut wird viel in München - wie hier am Nockherberg. Doch billig zu haben sind die Wohnungen nicht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zu viel soziale Wärme geht manchem Stadtrat auf die Nerven. Anstatt über hohe Mieten zu klagen, sollen die Münchner doch einfach Wohnungen kaufen, findet die FDP.

Glosse von Anna Hoben

Endlich ist geklärt, was FDP-Chef Christian Lindner kürzlich im ZDF-Wahlduell meinte, als er sagte, die FDP habe von allen Parteien "das härteste Klimaschutz-Programm". Als es im Münchner Stadtrat am Mittwoch um die Verschärfung von Regeln für Investoren im Wohnungsbau ging, leitete nämlich Jörg Hoffmann, der Fraktionsvorsitzende von FDP und Bayernpartei, seinen Redebeitrag so ein: "Nach so viel sozialer Wärme" werde es Zeit, dass die Grünen-Fraktionsvorsitzende wieder "a bissl friert, darum red' jetzt ich". Zack, war die Temperatur im Saal um mindestens 1,5 Grad gesunken - ein so schneller und effektiver Beitrag zur Rettung des Klimas verdient Lob und Anerkennung.

Dann klagte Hoffmann darüber, dass Investoren von weiten Teilen des Stadtrats nicht als Partner gesehen würden, sondern als Feinde. Gerade habe wieder einer vorgerechnet, welchen Millionengewinn einer dieser Investoren gemacht habe. "Diese Neiddiskussion hab' ich satt", resümierte der FDP-Mann, "das nervt mich!" Und an die SPD gewandt sagte er: "Nur weil man es immer wieder wiederholt, dass man mit einem normalen Einkommen in München keine Wohnung mehr kaufen kann, wird es nicht richtiger." Eine 100-Quadratmeter-Wohnung sei für einen "Mittelverdiener" mit 60 000 Euro pro Jahr "durchaus leistbar". Er rechnete vor: Mit einem Prozent Kredit-Tilgung pro Jahr sei die Wohnung bei den aktuellen Zinssätzen, schwuppdiwupp, nach 50 Jahren zur Hälfte abbezahlt. Danach kämen die Erben zum Zug. "Die erben eine Eigentumswohnung in dieser Stadt und haben noch die Hälfte des Kreditbetrags von heute offen." Bei einer zu erwartenden Inflationsrate von durchschnittlich zwei Prozent sei das dann "völlig leicht, das kann man fast aus der Portokasse zurückzahlen".

Wenn diese dauerneidischen Mieter sich die Mieten in München nicht mehr leisten können, so darf man die FDP wohl verstehen, dann sollen sie sich halt eine Eigentumswohnung kaufen. Die Argumentation erinnerte Oberbürgermeister Dieter Reiter denn auch an Marie Antoinette: "Wenn sie schon kein Brot haben, sollen sie halt Kuchen essen." Die Revolution, die verschärften Regeln für Investoren, auf dass mehr bezahlbarer Wohnraum entstehe, wurde sodann im Stadtrat beschlossen. Nur die Zeit wird zeigen, ob München sich zum rückständigen Kuhdorf wandelt, weil hier künftig keiner mehr ein Haus bauen will. Vielleicht dauert das sogar weniger als 50 Jahre.

© SZ vom 31.07.2021
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